Full text: Hessenland (10.1896)

Entstehung und Ableitung hessischer Ortsnamen? 
Von Dr. L. Armbrust. 
I. 
Als die alten Chatten, wohl mehr unstäte 
Viehzüchter als seßhafte Ackerbauer, mehrere 
Jahrhunderte vor Christi Geburt in's Hessen 
land eindrangen, sanden sie dort Bewohner, die 
nicht von deutscher Abstammung waren, — die 
Kelten. Naturgemäß übernahmen sie von ihnen 
einen Theil der Ortsnamen. So behielten sie 
den Namen der beiden höchsten Köpfe der Söhre, 
die Belchen (1291 Belichen), bei. Nach Vilmar 
verdanken die Berge dem keltischen Apollo, Belenos 
(Beat, Beli), dem Glänzenden, Feurigen, ihre 
Benennung. Die Endung chen bleibt dabei un 
erklärt, und doch kehrt sie bei demselben Namen 
auf unzweifelhaft keltischem Gebiete mehrfach 
wieder, nämlich einmal für einen der höchsten 
Gipfel des Schwarzwaldes lind nicht weniger als 
dreimal in den Vogesen. Nun giebt es im 
Bretonischen, das ja auf der altkeltischen Sprache 
beruht, ein weibliches Hauptwort bclchen, das eine 
Leinbeere bezeichnet. Höchst wahrscheinlich sind 
also die Berge nach ihrer Gestalt von den keltischen 
Ureinwohnern Leinbeeren genannt. Bei anderen 
Namen von Anhöhen läßt sich der keltische Ur 
sprung ebenfalls mit einiger Wahrscheinlichkeit an 
nehmen. So kann man den Grind bei Willers 
dorf, in dem Grindel (1404) in der Nähe 
von Geisa, Grindberg bei Lützelhausen und 
ähnliche Bezeichnungen auf das keltische grinde 
(Berg) zurückführen, wenn man bei dem zweiten 
nicht die Anlehnung an das althochdeutsche griutil 
(= Riegel, Schlagbaum) vorzieht. Die Calwe, 
des Meißners Spitze, zeigt, wie die Stadt Calw 
im Württembergischen Schwarzwaldkreise, nahe 
Verwandtschaft mit dem gülischen calbh (Berg); 
auf dem Kall bei Röddenau über der Eder, 
Gallberg zwischen Rebsdorf und Ulmbach und 
das Steingällchen bei Eschwege scheinen mit 
dem irischen gall (Fels) zusammenzuhängen. 
Unter den Flußnamen sind noch mehr 
keltischen Ursprungs. Rhein, Rin, RHunde 
*) Hauptqirelle einzelner Theile: W. Arnold, An- 
siedlungm und Wanderungen deutscher Stämme. Mar 
burg 1875. 
und ähnliche Bezeichnungen sind bei den Kelten 
gewöhnliche Ausdrücke für Ströme und Bäche. 
Freilich stehen sie, besonders die Rhina (980 
Rinaha), dem althochdeutschen rinnä (— Wasser 
fall, Bach) nicht allzu fern. Auch die verschiedenen 
Aar müssen keltische Namen sein; ob sie aber 
nichts weiter als Bach bedeuten, ist mindestens 
zweifelhaft. Denn die entschieden keltische Aar 
in der Schweiz heißt in Fredegar's Chronik zum 
Jahre 598/99 Arvla, erst später Ara; zwei hessische 
Flüßchen dieses Namens lauten aber um 800 
Ardaha, worin die Silben aha der altdeutsche 
Ausdruck für Wasser sind. Die erste Silbe ard 
erinnert an den gallischen Stamm ardu, der 
„hoch, erhaben" bedeutet. Also gehören die nord- 
und mitteldeutschen Flüßchen, die den Namen 
Aar oder Ahr tragen, der Ableitung nach zu 
den Ardennen (alt Ardnenua — Hochland) und 
dem Ardeigebirge südlich von Dortmund, und 
wirklich zeigen sie sich sämmtlich als ausgesprochene 
Berggewüsser. Die Klein bei Kirchhain (ehe 
mals Glen) ist von dem altirischen Worte glan 
(rein, glänzend, lauter) abzuleiten, wie die pfälzische 
Glan sich sogar mit einer Lauter vereinigt. In 
Süddeutschland ist der Flußname Glan oder 
Glon nicht selten. Die Ohm (alt Amana) ruft 
das irische Wort amhan (Strom) in's Gedächtniß 
und mehrere Bezeichnungen für französische Bäche, 
besonders Amance und Aumance (beide in alter 
Zeit Amantia). 
Von bewohnten O,rtcn trügt auch eine 
Anzahl keltische Namen. Birst ein (alt Birsen- 
stein) führt auf biros oder birros hin, einen 
kurzen Mantel mit Kapuze; welch' anschaulicher 
Vergleich für einen Berg mit hervorragenden 
Felsen oder Festungswerken! Nieder- und 
Oberdorfelden bei Hanau (alt Turinvelde) 
und Dorheim bei Nauheim und bei Jesberg 
(ehemals Doraheim) zeigen in ihrer ersten Silbe 
dasselbe Gepräge wie der irische Fluß Dur, die 
schweizerische Thur und die beiden Dora im 
italienischen Alpengebirge. Auch das hispanische 
Wort dureta, das der Kaiser Augustus für Bade 
bank gebrauchte, macht klar, daß dur etwa Wasser
	        

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