Full text: Hessenland (10.1896)

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„Immer und ewig die alte ßeiet", sagte er ärger 
lich. „Betrachten Sie die Sache doch nicht immer so 
einseitig von dem Standpunkte der gcmaßregelten 
Künstlerfamilie aus, stellen Sie sich doch einmal 
an den Platz des Fürsten selbst, was Sie da 
vielleicht gethan hätten. Als Buffo konnte er den 
trefflichen Birnbaum sicher sehr gut leiden und 
ebenso die wackere Fran Birnbauni als Anstands 
dame auf der Bühne, denn beide waren über 
zwanzig Jahre im hiesigen Engagement; in nahe 
verwandtschaftliche Beziehungen zu ihnen zu treten, 
ging ihm jedoch über den Spaß. Daß bei einem 
solchen Verhältniß der hochstehende Vater dem 
Liebespaare feindlich entgegen tritt, ist etwas 
Althergebrachtes und kommt in so und so vielen 
Romanzen, Balladen, Trauerspielen und Romanen 
vor, und häufig genug ist auch der bürgerliche pbro 
dagegen, denn er muß sich selbst, wenn er einiger 
maßen ein vernünftiger Mann ist, sagen: die Sache 
wird auf eine oder die andere Weise schief gehen. 
Birnbaum war aber ein humoristischer Vater und 
dachte mit seiner Frau: Hat der Prinz sie erst 
einmal am Altar empfangen, so kann's weiter 
nicht fehlen. Aber sie verrechneten sich, trotz der 
Aeußerung, daß eine,Prinzeß-Madame' auch ein 
mal auf einem gewöhnlichen Birnbaum wachsen 
könne. Sie kam nicht zur Blüthe und welkte vor 
der Zeit dahin. Das arme Wesen hat auch meine 
volle Sympathie, denn es kann ihr kein Fehler 
nachgewiesen werden, wenn nicht ihre Liebe zu dem 
Prinzen. Die Rührseligkeit jedoch auf Birnbaum 
selbst auszudehnen, erscheint mir nicht ganz gerecht 
fertigt, denn erstens kannte er den Fürsten 
und mußte wissen, was ihm und seiner Familie 
bevorstand, wenn er das Verhältniß des Prinzen 
zu seiner Tochter begünstigte, und zweitens schien 
er eS paffend zu finden, die mißlichen Umstände, 
die ihn betroffen, auch von der Bühne herab auf 
ein fremdes Publikum wirken zu lassen. So sang 
er in Stuttgart in einem Couplet den Vers: 
Aus Hessen bin ich zwar verbannt. 
Doch bleib' ich mit dem Haus verwandt! 
Was sagen Sie dazu?" 
Archimedes zuckte die Achseln. 
„Sie denken so, ich und die meisten Menschen 
denken anders. Was würde es denn Großes ge 
wesen sein, wenn die beiden jungen Leute mit deu 
nöthigen Geldmitteln versehen worden wären und 
fern von Madrid gelebt Hütten. Getraut waren 
sie doch nun einmal — " 
„Wo sind sie getraut worden?" unterbrach der 
Andere. 
„In der Schweiz —" 
„Das ist nicht wahr. Sie und viele Hunderte 
wollen in dieser Sache ein Urtheil fällen und 
kennen noch nicht einmal die äußeren Umstände. 
Sie wurden in London getraut und zwar in einer 
Kirche zu Westminster, und in dem Trauschein 
war unter der Rubrik ,Rang oder Beruf des Vaters' 
bei dem Bräutigam eingetragen Legierender Herzog 
von Hesseit-Kassel'." 
„Und als was war der Vater der Braut ver 
zeichnet?" fragte Archimedes. 
„Karl Birnbaum, Esquire," erwiderte der 
eigensinnige Herr. „Mau muß zugestehen, die 
ganze Geschichte hatte einen ganz romantischen 
Anstrich, zudem auch das Ende des alten humo 
ristischen Vaters ein außergewöhnliches war, da er 
doch bekanntlich als ,Sergeant Bleistift' mitten in 
einer Vorstellung der ,Karlsschüler' am Stutt 
garter Hoftheater verschied. Man sagte, diese 
Rolle hab ihn über die Maßen aufgeregt, da der 
despotische Herzog Karl ihn allzusehr an den 
Regenten erinnert habe, mit dem er es selbst zu 
thun gehabt, aber er ging schon mit Todesgedanken 
um, bevor er an jenem Abend sich zum letzten 
Male die Schminke auflegte, das bewiesen die 
Briefe, welche man in seiner Wohnung fand. Eine 
solche Begebenheit mußte in unserer nüchternen 
Zeit selbstverständlich Aufsehen erregen, und ich 
fiiibe es sehr begreiflich, daß sich ein paar Novellen 
schreiber darüber her gemacht haben; weniger an 
gebracht erscheint cs mir jedoch, daß man diese 
Historie alle paar Jahre in auswärtigen Journalen 
dazu benutzt, um auf den kurhessischen Verhältnissen 
herum zu hacken, als ob das Ganze nicht eine 
reine Privatangelegenheit gewesen wäre. Aber 
die Sucht nach Sensation, die Sucht nach 
Sensation, die läßt die Sache nicht schlafen!" 
Der Musiker trat ein, er hatte „Robert den 
Teufel" bis zu Ende angehört, war noch ganz in 
Entzückung und suminte: „Mutterliebe kann nicht 
sterben!" Er sah wirklich entsetzlich bleich und 
mager aus, sodaß die Meinung, er gleiche einem 
baufälligen Haus, sehr zutreffend erschien. 
„Wie können Sie nur Geschmack an dieser 
Musik finden?" sagte der eigensinnige Herr, während 
der Neuangekommene sein erstes Glas Milchpunsch 
trank. 
„Weil es eben Musik ist," erwiderte der also 
Angerempelte, „Musik, die ich in den von ihnen 
in deu Himmel gehobenen modernen Werken ganz 
und gar vermisse. Weber, Marschner, Meyerbeer, 
das sind meine Leute, und ohne sie würde Ihr 
vergötterter Wagner —" 
„Halt!" rief Archimedes dazwischen. „Sie 
wissen, daß dieser Name unter uns nicht genannt 
werden darf, und nach dem getroffenen Ueber- 
einkommen haben Sie als Strafe 9 Mark 
und 99 Pfennige an die Kleinkinderbewahr-
	        

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