Full text: Hessenland (10.1896)

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KrzMungen der drei Männer im Backofen 
Mitgetheilt von Wilhelm Ben necke. 
(Fortsetzung.) 
„Der Witz," fuhr Archimedes fort „den, wie 
Sie ganz richtig bemerkten, Birnbaum als 
Tanderlan de Puzzi über die Papppferde gemacht, 
hatte seine Wirkung nicht verfehlt, und die Theater 
leitung hielt das seitherige Sechsgespann nun 
selbst für die Folge als unmöglich. So kam es, 
daß die Anfrage an mich gerichtet wurde, ob ich 
vielleicht etwas Besseres Herstellen könne, und ich 
machte mich denn auch flugs an die Arbeit. Bis 
zur nächsten Aufführung der ,Aloise' hatte ich die 
Dinger fix und fertig." 
„Jedenfalls auch von Pappe, nur ein bischen 
manierlicher." 
„Sie irren, die Schimmel waren nicht von 
Pappe, sondern aus einer von mir eigens prä- 
parirten Masse und hatten eine sehr künstliche 
innere Konstruktion, vermöge welcher sie ganz 
natürlich den Kopf und die Füße heben konnten. 
Wegen der Kürze der Zeit hatte ich nur eines 
der Thiere im Innern vollständig fertigstellen 
können, dieses aber war völlig nach dem Muster 
der berühmten Ente des Hofrath Beireis, dessen 
Schüler ich bin, in seinen inneren Bestandtheilen 
gebaut worden." 
„Beireis soll ja schon zn Anfang dieses Jahr 
hunderts das Zeitliche gesegnet haben," sagte der 
eigensinnige Herr. „Wie können Sie denn da 
ein Schüler des alten Hokuspokusmachers ge 
wesen sein!" 
„Sie sagten eben sehr richtig, daß der un 
vergeßliche Manu zu Anfang dieses Jahrhunderts 
gestorben sein soll;" erwiderte Archimedes sehr 
ruhig, „ob er aber wirklich gestorben, ist eben 
die Frage. Sie werden sich erinnern, daß der 
hochgelehrte Helmstüdter Professor einen Diamanten 
von der Größe eines Hühnereies in Besitz hatte, 
welcher aber nach seinem Abgang nicht gefunden 
wurde." 
„Weil der ganze Diamant Schwindel war," 
rief der eigensinnige Herr, „ebenso wie die berühmte 
Ente in Wirklichkeit eine .Ente' gewesen ist!" 
„Daß Beireis den hühnereigroßen Diamanten 
besaß, steht so fest wie Ziegenhain", behauptete 
Archimedes. „Man wußte nur nicht recht, ob 
er ihn selbst gemacht, oder vom Kaiser von China 
als Pfand erhalten hatte. In der Hinterlassen 
schaft meines unübertrefflichen Kollegen, des 
Automatenverfertigers Vaucanson, hatte Beireis 
auch den Entwurf zu einer Flugmaschine gesunden, 
die nicht größer sein sollte als ein schwarzes 
Radmäntelchen. Ganz im Geheimen stellte er 
nun diesen Apparat her, uub als er wieder ein 
mal europamüde geworden war, steckte er in einer 
schönen Mondscheinnacht seinen Diamanten zu sich, 
schlüpfte in sein Vaucanson'sches Luftmäntelchen 
und flog aus dem Braunschweig'schen direkt nach 
Indien, seiner zweiten Heimath, wo er in der 
alten Tempelstadt Hurduwar vielleicht heute noch 
lebt. In seiner Wohnung aber hatte er eine 
leblose Figur, die ihm sehr ähnlich sah, zurück 
gelassen. — Doch um wieder auf den besagten 
Hammel oder vielmehr auf meine sechs Schimmel 
zurückzukommen! Dieselben machten bei ihrem 
ersten Auftreten in .Aloise' ganz bedeutenden 
Effekt, da sie von lebenden Thieren nicht zu 
unterscheiden waren. Die Täuschung erreichte 
aber ihren Höhepunkt, als der eine Schimmel, 
dessen Inneres nach der gedachten Ente konstruirt 
war, die reingescheuerte Bühne für die Straße 
hielt und seinen Gefühlen keinen Zwang ailthat. 
Birnbaum, welcher als Tanderlan wiederum 
pflichtschuldigst an deni Wagen stand, sagte darauf 
hin zu dem Uebelthäter: ,Weißt Du denn nicht, 
daß das Extemporiren bei Strafe verboten ist?' 
Sehen Sie, das war ein Triumph, wie ich ihn 
mir nicht schöner wünschen konnte." 
Archimedes schwieg und der Andere sah ihn 
lange an, ohne jedoch ein Wort zu sagen. Erst 
nach einer Weile bekam er die Sprache wieder. 
„Das ist gut," flüsterte er nachdenklich, „das ist 
sehr gut. — Bitte, erzählen Sie weiter." 
„Von den Pferden ist nichts weiter zu bemerkeu", 
entgegnete Archimedes, der sich wohl innerlich freuen 
mochte, daß er dem Eigensinnigen eine gewisse 
Bewunderung abgenöthigt hatte, ohne daß er in 
seiner Miene jedoch etwas davon merken ließ. „Die 
jetzt verschollene .Aloise' aber war damals so beliebt, 
wie jetzt vielleicht der.Lohengrin', sodaß auch die 
Kinder nach ihr benannt wurden; freilich, so viel 
Aloisen wie gegenwärtig Elsas liefen gerade nicht 
herum. So hatte auch Birnbaum bei seinem 
Töchterchen neben anderen Gevatterinnen Aloise 
von Maurer Pathenstelle vertreten lassen, obwohl 
der eigentliche Rufname des Kindes, glaube ich, 
Auguste lautete. Es war dieselbe Aloise Auguste 
Birnbaum, welche kaum zwanzig Jahre alt einen 
Prinzen heirathete und nicht lange darauf bei 
ihrem des Landes verwiesenen Vater in Stuttgart 
an gebrochenem Herzen starb. Es war und bleibt 
eine traurige Geschichte." 
Der eigensinnige Herr fing an einen rothen 
Kopf zu bekommen.
	        

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