Full text: Hessenland (10.1896)

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Hessen als Landwirtschaftliche Pioniere im Transvaal. 
Von O. Kalt-Reuleaux. 
» heute so viel genannte Stadt Johannes 
burg, zu der 1885 erst der Grundstein 
~ gelegt wurde und die heute schon mehr als 
90 000 Einwohner zählt, mag für Aktienmakler, 
Bankdirektoren, Goldprobirer und sonstige an der 
Goldgruben-Jndustrie Betheiligte ein angenehmer 
Aufenthaltsort sein, für alle an dem Tanze um's 
goldene Kalb nicht interessirten Kreise ist sie eine 
geistige Wüste. Um dieser zu entgehen, mit 
Landsleuten zu verkehren, bei denen der krasse 
Materialismus, die Goldgier, noch nicht die ver- 
hängnißvolle Wirkung auf Gehirn und Nerven 
ausgeübt hatte, begab ich mich häufig zu dem 
Gasthofe „Diggers’ Rest“ den ein Herr 
Kohles aus Frankfurt a. M. leitete und der 
ein Stelldichein der Deutschen aller Lebensstellungen 
war. Frau Kohles klagte stets, daß es ihr solche 
Schwierigkeiten bereite, Obst und Gemüse in guter 
Beschaffenheit und hinreichender Menge zu er 
langen. Ihre einzige zuverlässige Lieferantin war, 
ihrer Aussage gemäß, eine nassauisch-hessische 
Ansiedelung, die unfern von Johannesburg, in 
der Nähe der nach Pretoria führenden Straße 
lag. Im Laufe der Zeit meines mehrmonatlichen 
Aufenthaltes hatte ich wiederholt Gelegenheit, 
einige der Ansiedler, die ausnahmslos aus dem 
Hessenlande und Nassau stammten, kennen zu 
lernen und mit ihnen Unterhaltungen zu führen. 
Es war vor allen ein Herr Loth eisen, der 
gewöhnlich zweimal in der Woche die Landes 
erzeugnisse zum Markte brachte und dann bei 
Kohles einkehrte. Er hatte mir schon Vieles er 
zählt von den« neuen Heim, das die Hessen in 
Afrika gegründet hatten, und von dem Bestreben, 
mit vereinten Kräften das zu erringen, was beit 
Bemühungen des Einzelnen unerreichbar war. 
Lotheisen kam stets mit zwei bis drei Ochsenwagen, 
beladen mit frischem und eingemachtem Obst sowie 
mit Gemüse, zur Stadt, aber binnen einer kurzen 
Zeit war der gesammte Vorrath abgesetzt. Kohles 
und Lotheisen berichteten mir so viel von dem 
genossenschaftlichen Betriebe der Kolonie, daß ich 
schließlich begierig wurde, sie zu sehen, und an 
einem schönen Morgen ein Pferd bestieg, ihr einen 
Besuch abzustatten. 
Sobald die Pochwerke, Brauereien und sonstigen 
industriellen Anlagen der Stadt Johannesburg 
hinter mir lagen, umfing mich die öde, einförmige 
Landschaft der südafrikanischen Hochebene, deren 
Fläche nur zuweilen unterbrochen wird von Granit 
kämmen und Porphyrkuppen. Etwa zwei Stunden 
mochte ich in nordöstlicher Richtung auf der Straße 
nach der Landeshauptstadt Pretoria fortgeritten 
sein, als plötzlich abseits des Weges ein reizendes 
Flußthal zu meinen Füßen sich öffnete. Den 
Ufern des krystallhellen Baches, der dasselbe durch 
floß, entlang reihten sich Mais- und Weizenücker, 
sowie Wcidegründe, auf denen Pferde, Rinder 
und Schafe graste». Mehr im Hintergründe 
bemerkte man saubere Farmgebäude, die durch 
ihre sorgfältige Pflege in ebenso hohem Grade 
wie die Kulturen Vortheilhaft abstachen von den 
vernachlässigten Gehöften der B o e r e n. Es waren 
keine prunkhaften, großartig angelegten Wirth 
schaftsgebäude, sondern nur einstöckige, mehrere 
Räume enthaltende Blockhäuser, mit Wellblech 
bedacht und getüncht. Die Veranden umrankten 
blüthenreiche 6onvolvulus-Arten, und hübsche 
Blumenbeete breiteten sich vor den Häusern aus, 
während hinter denselben ausgedehnte Obst 
pflanzungen und Gemüsegärten sichtbar wurden. 
Da ich die Farm des Herrn Lotheisen nicht 
kannte, so ritt ich zu der zunächst gelegenen, um 
mich zu erkundigen. Deren Besitzer nahm eben 
auf der Veranda sein zweites Frühstück ein und 
bestand darauf, daß ich an dem Mahle, das aus 
kalter Springbockkeule, frischer Butter, Schwarz 
brod und eingemachtem Obste bestand, Theil nähme. 
Erst nachdem wir mehrere Flaschen Lagerbier aus 
der Feldschloßbrauerei von F. Brandt in Grün 
berg i. Schl, geleert, geleitete mich Herr Maus, 
ein Kasselaner, zu Lotheisen, der uns nochmals 
zu einem feuchtfröhlichen Imbiß nöthigte. Die 
Kunde von meiner Ankunft verbreitete sich blitz 
schnell, und bald zahlte die Tafelrunde bei Loth 
eisen sechzehn Köpfe. Es waren ausnahmslos 
Hessen, deren Wiege theils in der Schwalm, theils 
in anderen Gauen des Chattenlandes gestanden 
hatte. In meinem Tagebuche finde ich noch die 
Namen Kersten, Ritz, Schäfer, Hvltz- 
mann, Brinkmann und vou Loßberg auf 
gezeichnet. Die Ansiedluug umfaßte insgesammt 
34 Familien, die sämmtlich eines hohen Wohl 
standes sich erfreuten. 
Als wir Abends, nachdem ich die Aecker, Gärten 
und Heerden besichtigt und aufrichtig bewundert 
hatte, bei Lotheisen auf der Veranda um eine 
Bowle geschaart uns zusammenfanden. erfuhr ich 
die Geschichte der Ansiedlung, des Pongola 
Settlement near Johannesburg. Die 
Landsleute waren nicht zusammen aus Deutsch 
land ausgewandert, sondern hatten sich nach vielen
	        

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