Full text: Hessenland (10.1896)

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Mann, dessen Schicksale wir nur mit tiefer Rührung 
betrachten können. Die Regierung seines Landes, 
zuerst als Statthalter, demnächst als Nachfolger 
seines Vaters auf sich nehmend und treu und 
standhaft tragend in einer sturm- und leidvollen 
Zeit, wie sie niemals vorher und nachher über 
unser Hessenland hereingebrochen ist, erlag er der 
Bürde, der wohl sein starker Geist, nicht aber sein 
schwächlicher Körper gewachsen war, zu einer Zeit, 
wo noch kein Schimmer einer bessereil Zukunft 
aufzuleuchten begonnen hatte, verjagt aus seinem 
Lande, seiner Fürsteilrechte entsetzt, in der Fremde 
sterbend, in der Blüthe seiner Jahre, in eben dem 
Jahr, das für sein Land das furchtbarste Angst- 
und Schreckenjahr des ganzen Krieges geworden 
war. Und um so tiefer muß uns dies Alles be 
wegen, weil Wilhelm zusammenbrach nicht unter 
eigener, sondern ererbter Schuld. Wilhelm besaß 
nicht den blendenden Geist seines Vaters, aber er 
war höchst verständig, auch den Wissenschaften 
und Künsten zngeneigt, für die er sogar mehr 
bestimmt schien, als für das rauhe Werk des 
Krieges. Von aufrichtiger Frömmigkeit des 
Herzens, schlicht und bescheiden, faßte er doch 
hohe Ziele in's Auge und verfolgte sie mit Klug 
heit und Zähigkeit. Sein Wahlspruch „Deo 
volente humilis levabor“, „Wenn Gott es will, 
werd' ich aus meiner Niedrigkeit mich noch er 
heben", bezeichnet sein grundlegendes Gottvertrauen, 
seine Demuth und sein hohes Streben. Nicht 
ganz so stark als seine Gemahlin und Nach 
folgerin in der Regierung des Landes, lang 
sameren Entschlusses uud lenkbarer als sie, war 
er Anwandlungen des Kleinmuths nicht völlig 
unzugänglich, doch nur solchen, denen auch stärkere 
Geister wohl einmal erliegen. Wilhelm, vorzeitig 
sterbend, hat den Ruhm eines großeil Fürstell 
nicht erlangt, seine Persönlichkeit tritt selbst hinter 
den glänzenderen seiner nächsten Vorfahren be 
scheiden zurück: wer sie aber einmal näher in's 
Auge gefaßt hat, der wird nicht von ihr scheideil 
können, ohne sie lieben gelernt zu haben. 
Wilhelrn's Statthalterschaft währte bis in's 
Jahr 1625, wo Landgraf Moritz zurückkehrte. 
Sie brachte den thatsächlichen Verlust Marburgs 
und Oberhessens, das im Frühjahr 1624 durch 
ligistische Exekutionstruppen an Darmstadt über 
liefert wurde. 
Aber auch jener andere unsichere Besitz Hessen- 
Kassels, Hersfeld, war inzwischen verloren ge 
gangen. Schon iin Mai 1623, nach vollendeter 
Eroberung der Pfalz, war Tilly, der Oberbefehls 
haber der Liga, nach Hessen aufgebrochen und 
hatte Hersfeld besetzt. Die Abtei wurde für er 
ledigt erklärt und zunächst für den Erzbischof von 
Mainz in Anspruch genommen, dem der öster 
reichische Erzherzog Karl als Koadjutor beigegeben 
wurde. Von da ab lagerte Tilly, mit Unter 
brechung nur durch seinen kurzeii Zug gegen 
Christian von Braunschweig nach Westfalen, zwei 
Jahre lang in Hessen, sein Hauptquartier theils 
in Hersfeld, theils in der Werragegend nehmend. 
Das Land litt schon jetzt schwer unter den Lasten 
des Krieges. 
Doch weiteres Unheil folgte. Durch die 
Schlachten des Jahres 1626, an der Dessauer 
Brücke, wo Mansfeld von Wallenstein, bei Lutter 
am Barenberge, wo Christian von Dänemark 
von Tilly besiegt wurden, waren die Hoffnungen 
der Protestanten, die sich in diesem zweiten Ab 
schnitt des Krieges auf den niedersächsischen Kreis 
und Dänemark gerichtet hatten, zum zweiten Mal 
zu Boden geschlagen worden. Auch der Norden 
Deutschlands erlag jetzt den Waffen des Kaisers 
uud der Liga. Und nun wiederholt sich das 
frühere Spiel zwischen Hessen-Darmstadt und 
Kassel. Landgraf Moritz war noch im Rückstand 
mit Entrichtung der Nutzungen, die er in neunzehn 
jährigem Besitz aus dem oberhessischen Land ge 
zogen hatte, und zu deren Ersatz au Darmstadt 
er mit verurtheilt worden war. Den Betrag 
dieser Nutzungen, der in schließlicher Verhandlung 
auf 1400 000 Gulden festgesetzt worden war, 
aufzubringen, war Moritz völlig außer Stande. 
So erwirkte denn Darmstadt, dem die Erfolge 
des Kaisers jetzt wieder zu Statten kamen, im 
Herbst 1626 die kaiserliche Ermächtigung, bis zur 
Zahlung der Schuld einen entsprechenden Theil 
des Hessen-Kasselischen Landes in Pfandbesitz zu 
nehmen. Und das Land wurde gering im Werth 
angeschlagen. Denn für jene Summe von noch 
nicht anderthalb Millionen Gulden wurde außer 
den getrennt liegenden Gebietsthcilen, der Nieder 
grafschaft Katzenelnbogen und den Herrschaften 
Schmalkalden und Plessc, auch der größte Theil 
Niederhessens bis zu einer Linie von kaiserlichen 
und Truppen der Liga besetzt, die von Gudens- 
bcrg über Niedenstein nach Waldkappel und 
Eschwege sich hinzog. Nur Kassel mit Umgebung 
bis zur Werra und das sächsische Hessen wurden 
Moritz belassen. 
Moritzens Kraft brach jetzt völlig zusammen. 
Des Vertrauens seiner Stände und Diener, wie 
er selbst gesteht, verlustig gegangen und angesichts 
des durch eigne Schuld herbeigeführten Verderbens 
nun auch alles Selbstvertrauen verlierend, legte 
er im Frühjahr 1627 die Regierung in die Hände 
seines Sohnes nieder. Nur mit Widerstreben 
übernahm Wilhelm die schwere Bürde. Und auch 
ihm erlahmten Muth und Kraft unter der Last
	        

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