Full text: Hessenland (10.1896)

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Amelia Elisabeth, 
Landgräfin zu Hessen, geborene Gräfin zu Hanau. 
Vortrag, gehalten zur Feier des fünfzigjährigen Jubiläums des Hanauer Geschichtsvereins und der sechzigsten Jahres 
versammlung des Hessischen Geschichtsvereins zu Hanau am 28. August 1894 
von 
Dr. Otto Brandt. 
(Fortsetzung.) 
W? 
kehren zu den eben Vermählten zurück. 
Seinen ersten Wohnsitz nahm das junge Paar 
im Stift zu Hersfeld; die in der Hersfelder 
Stadtrechnung für 1619 vermerkte Verehrung 
eines übergoldeten Pokals an Amelia Elisabeth 
läßt darauf schließen, daß die Ucbersiedelung noch 
in diesem Jahre, gleich nach der Hochzeit, er 
folgte. In dem geräumigen, gürtenreichen, von 
der eigentlichen Stadt noch heute abgegrenzten 
Stift und in schöner Sommerszeit wohl auf dem 
eine halbe Stunde fuldaaufwärts freundlich ge 
legenen Hof in den Eichen, der alten Neben 
residenz der Hersfelder Aebte, wurde dann auch 
in den nächstfolgenden Jahren die Hofhaltung 
wohl ganz oder doch vornehmlich geführt. Aber 
Ruhe und äußeres Behagen war den jungen 
Gatten nicht aus lange Zeit vergönnt. 
Die Schlacht am weißen Berge, November 1620, 
war geschlagen, der usurpirte Thron des pfälzischen 
Böhmenkönigs, der seinem kühnen Unternehmen 
sich nicht entfernt gewachsen zeigte, gestürzt. Die 
protestantischeil Stände hatten sich nicht geeinigt, 
das lutherische Kursachsen focht ans Seiten des 
Kaisers, die Union, auf die Vertheidigung der 
pfälzischen Länder ihres Direktors sich beschränkend, 
erlag den Waffen Tilly's und löste sich auf. 
Der Kaiser und die katholische Liga, dieser Gegen 
bund der Union, triumphirten; dem Haupte der 
Liga, Maximilian von Bayern, wurde ans dein 
Kur- und Fürstentag zu Regensbnrg von 1623 
ein Theil der pfälzischen Länder und die Kur 
würde übertragen. 
Und nun traf Hessen-Kassel, das bisher am 
Krieg nicht theilgenommen hatte, der erste Schlag. 
Der Marburgische Erbschastsprvzeß hatte inzwischen 
sechzehn Jahre sich hingeschleppt. Jetzt, gleich 
zeitig mit dem Sieg der kaiserlichen Waffen, 
drängte der Reichshofrath den Landgrafen Moritz 
zur schließlichen Erklärung, in ungewohnter und 
unheildrohender Beschleunigung. Moritz ließ diese 
Erklärung, gleich einer vorangegangenen Ver 
handlung Darmstadts in „verschiedene tomos 
(Bände) distinguirt", am 30. März 1623 in 
Regensburg überreichen. Zwei Tage danach, am 
1. April, offensichtlich ohne daß eine gründliche 
Prüfung dieser weitläufigen Vertheidigungs 
handlung überhaupt möglich gewesen, erließ der 
Kaiser das Endurtheil des Reichshofrathrs dahin, 
daß Landgraf Moritz wegen notorischer Kontra 
vention gegen jenes Verbot der Religionsänderung 
die gesammte Marburger Erbschaft an Darmstadt 
herauszugeben habe, und nicht nur das Land 
selbst, sondern zugleich alle während des Prozesses 
aus ihm gezogenen Nutzungen. Der kurze, auf 
fällig verworrene Bescheid war — und es fehlt 
nicht an anderweiten Beispielen solcher kaiser 
lichen Rechtsprechung aus ganz derselben Zeit — 
mehr ein politischer, als ein Rechtspruch. Denn 
die Rechtslage, deren Einzelheiten hier übergangen 
werden müssen, war, so sehr Landgraf Moritz ge 
fehlt hatte, doch auch auf Darmstädtischer Seite 
keineswegs sicher und rein, da auch Darmstadt 
gegen ein anderes, ebenfalls unter Verlust des 
Erbrechts gestelltes Verbot des Testators verstoßen 
hatte. Aber Darmstadt, das bisher und auch 
fernerhin dem Kaiser treu blieb, stand in des 
Kaisers Gunst, während es in dessen Interesse 
wohl liegen mochte, Moritz, den mißliebigen, nicht 
ungefährlichen Calvinisten und, wie es der Kaiser 
ansah, rechtswidrigen Okkupanten Hersfelds, zu 
schwächen. Der große Prozeß war verloren. 
„Darmstadt hatte cs erreicht", so klagte Amelia 
Elisabeth später, „dem Landgrafen Moritz, nachdem 
es, wie sie meint, ihn bei Kaiserlicher Majestät 
ganz schwartz und verhaßt gemacht, ihn denigriret, 
disfamiret und tradnziret gehabt, eine gefährliche 
Husche zu geben." 
Und es war mehr als das. Moritz selbst empfand 
das Urtheil als einen ihn und sein Land schwer 
verwundenden Schlag mit dem kaiserlichen Richter 
schwert. Sein bisher aufrecht erhaltener Starr 
sinn schlug nun in Kleinmnth und Schwäche um. 
Nachdem die zunächst von ihm unternommenen 
Versuche, nochmaliges rechtliches Gehör zu er 
langen, fehlgeschlagen waren, begab er sich ver 
zweifelnd außer Landes, seinen Sohn als Statt 
halter zurücklassend. Zum ersten Mal, und wahrlich 
unter betrübenden Umständen, übernimmt Wilhelm, 
noch nicht zweiundzwanzigjührig, die Sorgen der 
Landesregierung. 
Landgraf Wilhelm V., schon von seiner 
Mitwelt mit dem Beinanien constans, der Stand 
hafte , geehrt, ist eine der edelsten Persönlich 
keiten unseres hessischen Fürstenhauses. Und ein
	        

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