Full text: Hessenland (10.1896)

198 
s ie heute aus zehn Orten bestehende Herrschaft 
Gersfeld, in ihrer Mitte der frühere 
bairische Marktflecken gleichen Namens, der 
als Hauptort eines preußischen Kreises nunmehr 
als Stadt angesehen wird, einst ein eigener Herr 
schaftsbezirk des Ritterkantons Rhön-Werra 
buchischen Quartiers mit 14000—15 000 Gulden 
jährlichen Einkünften und einem Gesammtflächen- 
inhalt von mehr als einer Ouadratmeile, liegt 
am nordwestlichen Hang jenes Höhenzuges des 
Rhöugebirges, der als Wasserscheide des Maines 
und der Weser vor Zeiten schon die Grenze des 
fuldischen Buchenlandes (Buchonia) lind des frän 
kischen Gebietes bildete. Nach Maßgabe des Gesetzes 
ist die Herrschaft, bis dahin Lehen, im Jahre 1849 
in das freie Eigenthuin der zeitigen Besitzer, der 
Grafen von Frohberg, übergegangen, nachdem 
ebenfalls auf Grund der modernen Gesetzgebung 
deren hoheitliche Befugnisse hinfällig geworden 
waren. Die Grafen von Frohberg sind französischen 
Ursprungs. Am 27.Oktober 1785 heirathete Graf 
Johann Philipp von Montjoye-Woffray 
die Freiin Marie Louise von Ebersberg, 
genannt von Weyers und von der Letzen, 
Tochter des Freiherrn Amand Philipp von Ebers 
berg, genannt von Weyers und von der Letzen, 
dem es gelang, die Herrschaft GcrSfeld in seiner 
Hand zu vereinigen, indem er die Ansprüche der 
übrigen männlichen Agnaten aus dem Hanse Ebers 
berg mit Genehmigung des ObcreigenthümerS und 
Lehnsherrn, des Bischofs von Würzburg, abkaufte. 
So gelangte der Großvater des jetzigen Inhabers 
der Herrschaft, Graf Louis von Frohberg, der alsbald 
seinen 'französischen Namen in „Frohberg" ver 
deutscht hatte, unter dem Schutze des Umstandes, 
daß Gersfeld nachweisbar Weiberlehen war, in den 
*) Litteratur: 
Karl Ludwig Müller, Die Lehnverhältnisse der Herr 
schaft Gersfeld. Würzburg 1862. Darin als An 
hang zwölf bis dahin ungedruckte Urkunden des 
Gräflichen Archivs zu Grrsfeld bezw. des Staatsarchivs 
zu Würzburg. 
Ludwig Müller, Kurze Geschichte der Rhön. Frühere 
und jetzige Verhältnisse des Herrschaftsbezirks Gcrsfeld 
und der Rhön. Gersfeld 1889. 
Justus Schneider. Führer durch die Rhöu. 5. verm. 
und Verb. Aust. Würzburg 1896. S. 136 f. 
unangefochtenen Besitz des alten Ebersberg'schen, bis 
dahin Jahrhunderte lang unter würzburgischer 
Lehnshoheit gewesenen Gutes, das unter dem 
neuen Inhaber von Würzburg 1806 auf Baiern, 
von Baiern 1866 auf Preußen überging. 
Die folgenden Zeilen sind der Darlegung der 
Entstehung und Begründung dieser Herrschaft 
Gersfeld gewidmet, deren Werdegang sich unter 
verwickelten Verhältnissen vollzog, in die Einblick 
zu gewinnen auch für weitere Kreise nicht ganz 
ohne Interesse sein dürfte. 
Die ältesten Ansiedelungen im Gersfeldischen 
werden Rodenbach und Gersfeld selbst sein. Im 
Jahre 863 schenkten Richbald und Engilger ihre 
Besitzungen in der Gemarkung Rotibah an der 
Grenze des G r a b f e l d e s und S a a l g a u e s dem 
Kloster Fulda*), ebenso im Jahre 944 Gerhard 
und seine Gattin Snelburg außer Gütern an 
anderen Orten des Grabfeldes ihr Eigenthum 
in Geresfeld. **) So sehen wir also aus dem 
Boden der späteren Herrschaft Gersfeld das Stift 
Fulda schon früh Platz greifen. Abgesehen von einer 
Erwähnung des Ortes Gersfeld gelegentlich einer 
Zerstörung desselben durch Brand i. I. 1219***) 
ist erst aus den Jahren 1350 und 1359 wieder 
etwas bekannt, was für dessen Geschichte von Be 
lang ist. Kaiser Karl IV. verlieh nämlich am 
12. April 1359 dem Abt Heinrich von Fulda 
und seinen Nachfolgern als Herren des Ortes das 
Recht, aus ihren und des Stiftes Dörfern Sondheim 
und Gersseld (Geroldisfelt) Städte zu machen und 
aufzurichten und auch die mit Mauern, Thürmen, 
Grüben und anderen Festungen zu bewahren, wie es 
ihnen allerbest gefiele, daselbst Märkte zu haben 
und Marktzölle, Ungeld und Wegegeld zu setzen, 
aufzuheben und jit nehmen, st) Trotzdem schwang 
*) Codex diplomaticus Fuldensis. Herausgegeben 
von Dronke. S. 263. 
**) Dronke a. a. O. S. 320. 
***) Große Feuersbrünste suchten Gersfeld später noch 
mehrmals heim, so brannten am 3. Juni 1756 70 Wohn 
häuser und 40 Scheunen und 1814 80 Wohnhäuser ab. 
Bavaria, Landes- und Volkskunde des Königreichs 
Bayern. Bd. IV. Abth. 1. Unterfranken und Aschaffen 
burg. S. 564 f. 
f) Corpus traditionum Fuldensium, ed. S ch a n n a t. 
S. 353.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.