Volltext: Hessenland (10.1896)

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Pfändung des Kleinods Anlaß geboten hatten. 
Abgesehen von nicht eben auf der Hohe stehender 
Wirthschastsführung, die sich vielleicht auch in 
der Entfaltung zu großen Gepränges bei Ver 
anstaltung feierlicher Aufzüge kundgab, erklärte 
sich die Verschuldung des Schützencorps aus den 
Kosten der Errichtung eines Neubaues an Stelle 
des im Jahre 1761 während der Belagerung 
abgebrannten alten Schützenhauses auf dem Werder. 
Die Schützen verlangten vom Staate Ersatz des 
ihnen durch den Verlust zugefügten Schadens 
von 6277 Reichsthaler 16 Albus. Landgraf 
Friedrich II. bewilligte indessen zu dem 1765 
vollendeten Bau nur 300 Reichsthaler, theils in 
Geld, theils in forstfreiem Gehölz, obwohl der 
Forderung eine Berechtigung nicht abzusprechen 
sein wird. Ueber die hohe Verschuldung des 
Schützencorps kam es in dessen eigenen Reihen 
zu Weiterungen, es trat gegen den Schützenmajor 
und die beiden Kapitäns, die man beschuldigte, 
ohne Vorwissen der anderen Schulden gemacht 
zu haben, eine ernste Mißstimmung ein. Die 
übrigen Offiziere nahmen deswegen offen gegen 
die Vorgesetzten Stellung. In dem unter den 
Offizieren damals umlaufenden Rundschreiben 
findet sich in diesem Sinne manche harte 
Aeußerung, deren Grundton war: „man solle 
die Kompagniegelder besser zu Rathe halten und 
keine unnütze Kosten verursachen. Mache man 
die Schützen nicht noch mißvergnügter". 
Recht unzufrieden mit der Entwickelung, die 
das Schützenwesen genommen hatte, war der 
Landesherr, der infolgedessen unter dem 4. Juni 
1773 in allen Landstädten das Scheibenschießen 
gänzlich untersagte und die bisher zu dessen 
Förderung bestimmt gewesenen Prämien aus der 
Kammerkasse, wie auch den Betrag der damit 
verknüpft gewesenen Kontributivns- und Steuer 
freiheit in die Kassen des Waisen- und Findel 
hauses zu Kassel fließen ließ. In der Residenz 
stadt blieben lediglich die alle vier Wochen 
stattfindenden Uebungen, wie das Schießen zu 
Pfingsten sowie auf des Landgrafen Geburtstag 
gestattet. Doch nicht genug, daß der Landgraf 
die Rechte der Schützen beschränkte, er legte ihnen 
auch neue Pflichten auf. Nach der 1775 für 
Kassel erlassenen Feuerordnung wurden die Schützen 
auch zu Löschzwecken in Anspruch genommen. 
Sie hatten sich, wenn Feuer ausbrach, alsbald 
aus dem Marktplatz kompagnieweise mit ihren 
Offizieren zu versammeln. 
Zu einer durchgreifenden Reorganisation des 
Schützencorps im ganzen Lande im Sinne der 
ursprünglichen Bestimmung derselben reichte Land 
graf Wilhelm IX. am 14. Januar 1794 die 
Hand. Allenthalben wurden die Uebungen mit 
dem Gewehr wieder freigegeben, in der Erwägung, 
„daß, wie überhaupt Hessens braves Volk durch 
musterhafte Unterthanentreue und Anhänglichkeit 
an seinen Regenten ebensowohl als durch Muth 
und kriegerischen Geist von jeher sich rühmlich 
ausgezeichnet habe, also auch die Schützen sich 
gewiß doppelt eifrig zeigen würden, erforderlichen 
falls zur Sicherheit und Vertheidigung 
des Vaterlandes mit beizutragen". 
Es wurden 13 Schützenbataillone gebildet, von 
denen die Stadt Kassel das erste stellte, dessen 
Bestand von zwei Kompagnieen zu 100 Mann 
auf vier Kompagnieen zu 60 Mann erhöht 
wurde. Als Offiziere sollten vorzugsweise solche 
„Subjekte" genommen werden, welche vordem in 
hessischen Kriegsdiensten gestanden hätten. Die 
in Folge guten Schießens von allen Abgaben 
befreiten vier Schützen mußten zwar Nachtdienst 
und andere militärische Dienstleistungen mit 
verrichten, waren aber von sonstigem Personal 
dienst (zur Jagd rc.) befreit. „Bei feindlichem 
Einfall" — heißt es zum Schluß — „wird er 
wartet, daß die Schützen herbeieilen, um das 
Vaterland, besonders ihre eigenen Familien und 
Güter zu schützen und zu vertheidigen." Den 
neuen Kompagnieen wurden dann Fahnen mit 
dem höchsten Namenszuge verliehen. 
Die Bemühungen des Landgrafen zur Hebung 
des Schützenwesens hatten leider nicht den ge 
wünschten Erfolg, vor allem ließ die Subordination 
viel zu wünschen übrig. An drastischen Beispielen 
dafür ist kein Mangel. So war im Jahre 1797 
ein Glasermeister Namens Hoeckel, der sich ge 
weigert hatte mit auszuziehen und alle an ihn 
ergangenen Befehle mißachtet hatte, zur Zahlung 
der reglementsmüßigen Strafe angewiesen worden, 
p. p. Hoeckel aber, weit entfernt, sich diesem Ge 
bot zu fügen, spottete über das gegen ihn be 
schlossene Vorgehen öffentlich. Es wurde ihni 
deshalb gedroht, ihm bis zur Erlegung des Geldes 
einen Soldaten in's Haus zu legen, oder aber 
ihn bei weiterer Weigerung aus der Hauptwache 
festzusetzen. Das half endlich. Was aber den 
Kommandeur des Schützencorps, Oberstlieutenant 
Ouentel, besonders unangenehm berühren und 
den Geist der Insubordination begünstigen mußte, 
war die Haltung, welche die Justizkauzlei der 
anfänglichen Beschwerde des Oberstlieutenants 
gegenüber beobachtet hatte, indem sie sich geneigt 
zeigte, Ausflüchte und Entschuldigungen des 
p. p. Hoeckel gelten zu lassen, ja, gegen das 
Durchgreifen des Oberstlieutenants bei dem Kriegs 
kollegium nachdrücklich Verwahrung einlegte. Die 
feste Stellungnahme des Oberstlieutenants, der
	        

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