Full text: Hessenland (10.1896)

186 
Amelra Elisabeth. 
Landgräfin zu Hessen, geborene Gräfin zu Hanau. 
Vortrag, gehalten zur Feier des fünfzigjährigen Jubiläums des Hanauer Geschichtsvereins und der sechzigsten Jahres 
versammlung des Hessischen Geschichtsvereins zu Hanau am 28. August 1894 
von 
Dr. Otto Brandt. 
lFortsetzung.) 
inelta war zur Jungfrau herangewachsen. 
Die Züge des, freilich nicht gleichzeitigen, 
o V Bildnisses, das sie in ihrer Jugendblüthe uns 
darstellt, sind von klassischer Regelmäßigkeit nnd 
offenbaren Festigkeit nnd Klugheit, gepaart mit 
ansprechender Milde. Um die Hand des jungen 
Fräuleins von Hanau warb in dieser Zeit ein 
protestantischer böhmischer Edelherr, Albrecht 
Johann Smircitzky; Amelia wurde ihm, 
im Jahre 1617 oder Anfang 1618, verlobt. 
Smircitzky, Calvinist, gehörte zu den angesehensten 
und reichsten Grundherrn Böhmens. Beim Aus 
bruch der verhängnißvollen böhmischen Unruhen 
im Jahre 1618 stand er, der als ein sehr unter 
richteter und, wie es heißt, mit allen ritterlichen 
Tugenden gezierter Manu geschildert wird, trotz 
noch jugendlichen Alters mit an der Spitze der 
Aufrührerischen. Er war insbesondere einer der 
sechs Herren, welche die verhaßten Statthalter 
der Kaisers Matthias, Martiniz und Slawata, 
sammt ihrem Geheimschreiber Fabricius am 
23. Mai 1618, in den Formen altczechischen Her 
kommens, zu den Fenstern des Prager Hradschins 
hinauswarfen. Die Hochzeit des jungen Braut 
paares wurde wegen der nun folgenden Kriegs 
unruhen zunächst verschoben; schon am ^.November- 
Ill^ aber starb der Bräutigam, der Letzte seines 
Stammes, zu Prag eines frühen Todes. Tod 
durch Henkershand oder ewige Verbannung, wenn 
er hätte fliehen können, sowie Konfiskation seiner 
Güter würden nach der blutigen Niederschlagung 
des böhmischen Ausstandes ihn erwartet haben, 
wenn er am Leben geblieben wäre; die Güter 
konfiskation wurde auch betn Todten gegenüber 
noch vollzogen. Wie schwer Ainelia der Verlust 
des Bräutigams traf, wissen wir nicht. Treue 
hat sie ihm gehalten, als sie nach Jahren der aus 
ihrem Vaterland vertriebenen letzten Schwester 
Smircitzky's in Kassel liebevolle Aufnahme be 
reitete. Eine eigenthüinliche Schickung aber ist 
es, daß Amelia Elisabeth durch die Person dieses 
ihres Bräutigams in naher Beziehung stand schon 
zu jenen ersten Flammenzeichen des nun auflodernden 
furchtbaren Krieges, aus dem sie dreißig Jahre 
später in ganz anderer Stellung als ruhmvolle 
Mitkämpferin und Siegerin hervorgehen sollte. 
Schon im September des folgenden Jahres 1619 
vollzog sich die anderweite Verlobung Amelia's, 
die nun ihren ganzen ferneren Lebensgang be 
stimmte, mit Wilhelm von Hessen-Kassel, 
damaligem Administrator des Stiftes Hersfeld, 
Sohn und demnächstigem Nachfolger des Landgrafen 
Moritz des Gelehrten. Der Abschluß der Ehe 
erfolgte am 21. November desselben Jährest in 
Kassel, woselbst die junge Hochzeiterin mit einem 
stattlichen Komitat von 175 Pferden, unter ihm 
Abgesandte ihres Vetters, des damaligen Königs 
von Böhmen, und anderer anverwandter Fürsten, 
eingetroffen war. Die Eheleute, die, wie ihr vor 
bildlich schönes Verhältniß in achtzehnjährigem Ehe 
stand bewährte, in herzlicher Liebe sich zugethan 
waren, waren noch sehr jung an Jahren, beide 
noch nicht achtzehn Jahre alt, Wilhelm um wenige 
Tage jünger als seine Gemahlin. 
Um die Stellung, in die Amelia Elisabeth 
durch diese Vermählung eintrat, und die nun 
folgenden Ereignisse würdigen zu können, werfen 
wir zunächst einen Blick auf die gesammtdeutschen 
Zustände. 
Alle Welt im Reich lebte seit dem Ende des 
sechzehnten Jahrhunderts unter dem Druck einer- 
wachsenden religiösen Spannung, von der jedermann 
fühlte, daß sie zu einer großen Katastrophe führen 
müsse. Der Augsburger Religionsfriede von 
1555, mehr Waffenstillstand als Friede, hatte 
vorläufig und äußerlich Ruhe im Reich geschaffen. 
Den besseren Zeiten der Kaiser Ferdinand I. und 
Maximilian II., die, namentlich der letztere, nach 
Kräften bemüht waren, die religiösen Gegensätze zu 
vermitteln, war die fast vierzigjährige ohnmächtige 
Regierung Rudolph's II. gefolgt, an die sich 
im Jahre 1612 ein siebenjähriges Regiment
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.