Full text: Hessenland (10.1896)

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Wer die bildschöne junge Dame war>, wußte 
Niemand zu sagen. Sie wurde in dem Gemeinde- 
Spritzenhaus aufgebahrt, was natürlich eine Menge 
Gaffer herbeilockte, so daß ein förmlicher Menschen 
auflaus vor dem Hause entstand. — Wie eine 
wunderbare Fügung des Himmels aber mußte es 
scheinen, daß gerade zu dieser Zeit ein junges 
Ehepärcheu, das, aus seiner Hochzeitsreise begriffen, 
der Wilhelmshöhe, oder wie sie damals hieß, der 
Napoleonshöhe einen Besuch gemacht hatte, vorüber- 
suhr, des Menschenauslaufs halber Halt machte und, 
neugierig geworden über die allseitig gerühmte 
Schönheit der Unglücklichen, das Gefährt verließ 
und in das Spritzenhaus eintrat. Es war ein 
markdurchschütternder Augenblick für die junge 
Frau als sie, näher gekommen, in der Todten eine 
geliebte Jugendfreundin, Emilie Becker aus Magde 
burg. erkannte! — — 
Wie hatte es kommen können, daß diese jugend 
liche Schönheit, die einzige Tochter eines der wohl 
habendsten Männer Magdeburgs, hier und in dieser 
Verkleidung ein so schreckliches Ende nehmen konnte? 
Das Räthsel löste sich bald. Der verwundete 
Lieutenant, ein schmucker Kavallerie-Offizier Namens 
Osenius, hatte erst vor Kurzem seine Garnison 
Magdeburg mit Kassel vertauscht. In Magdeburg 
hatte er die Bekanntschaft Emiliens gemacht, welche 
zu einer heimlichen Verlobung führte. Da aus 
verschiedenen Gründen die Einwilligung des Vaters 
zu der Verbindung nicht zu erwarten war, wußte 
Osenius, der eine unwiderstehliche Gewalt über 
das arglose Mädchen übte, Emilie zu bestimmen, 
das Elternhaus heimlich zu verlassen und ihm nach 
seinem Abzug von Magdeburg nach Kassel zu 
folgen. 
Sie that das in Herrenkleidung, nahm in Kassel 
im „Berliner Hof" am Gouvernementsplatz 
Wohnung und unterhielt aus diese Weise einen 
unverfänglichen Verkehr mit dem Geliebten, der um 
den Consens zum Heirathen bei dem König ein 
gekommen war. Vierzehn Tage gingen darüber 
hin. Die Schönheit des lebensmunteren Herrchens 
blieb nicht unbemerkt, und Osenius wurde, wegen 
des Umgangs mit ihm, allgemein beneidet. Tag 
täglich machten die Beiden gemeinsame Ausflüge. 
Das waren wohl des Mädchens seligste Stunden. 
Aber der Consens ließ auf sich warten, und als 
endlich eine Antwort auf Osenius' Gesuch einlief, 
war es nicht der erhoffte Consens, sondern der 
Bescheid, daß der König denselben verweigere. 
Diese Nachricht schmetterte das Mädchen nieder. 
Was nun? Nach Hause zurückkehren? Dagegen 
bäumte sich der Müdchenstolz lange; endlich jedoch 
brach es mit ihm und schrieb, Verzeihung erflehend, 
ihrem Vater. Sie erhielt keine Antwort. Noch 
einmal ging ein Brief an ihn ab, und wiederum 
kam keine Nachricht. Da erfaßte die Verlassene 
wilde Verzweiflung. Die Leute des Gasthoss hörten 
sie in ihrem Zimmer laut schluchzen und weinen. 
Ja, wilde Verzweiflung hatte sie ersaßt und ward 
die Mutter des Gedankens, sich durch den Tod der 
schrecklichen Lage, der Noth und Schande, zu ent 
ziehen. Der leichtlebige Offizier wußte sie in diesem 
Gedanken nur noch zu bestärken, ja, er selbst wollte 
diesen Tod mit ihr theilen. — 
Somit einig, machten sich die Beiden eines 
Morgens, nachdem Emilie brieflich von ihrem 
Vater einen herzzerreißenden Abschied genommen 
und das Schreiben selbst zur Post gegeben hatte, 
nach dem Tannenwäldchen auf und unter jener 
Buche Rast. Nachdem sie noch ihre verschlungenen 
Namenszüge*) in die glatte Rinde des Baumes 
eingeschnitten hatten, schritten sie zur That. Die 
Pistolen waren geladen mitgebracht und, der Ver 
abredung gemäß, wollten sie auf ein bestimmtes 
Zeichen gleichzeitig feuern. Osenius' Geschoß traf 
die Geliebte in das Herz; aber auf der Pfanne 
von Emiliens Pistole verpuffte das Pulver, ohne 
daß sich die Watte entlud. Da kein weiteres Pulver 
zur Stelle war, stürzte sich Osenius in seinen 
Säbel. So gab er später zu Protokoll. Aber die 
Bevölkerung Kassels, namentlich der weibliche Theil 
derselben, bestochen durch das Geschick, die Jugend 
und blendende Schönheit der Erschossenen, wollte 
darin nur eine Vertuschung des wahren Beweg 
grundes — sich des Mädchens aus alle Fälle zu 
entledigen, nachdem die Aussichten aus eine reiche 
Mitgift geschwunden waren — erblicken. Man glaubte 
nun einmal nicht an ein zufälliges Versagen der 
Waffe, wohl aber an ein absichtliches Verladen 
derselben, kurz, an einen vorher geplanten Mord, 
welcher Glaube noch dadurch neue Nahrung erhielt, 
daß sich herausstellte, daß die Verwundung des 
Lieutenants nur eine leichte und in kürzester Frist 
31t heilende war. 
Nach seiner Genesung ward Osenius vor ein 
Kriegsgericht gestellt, voll.- demselben jedoch frei 
gesprochen und aus der' Untersuchungshaft im 
Kastell entlassen. König Jörome, der seine Soldaten 
besser brauchen konnte, schickte ihn der westfälischen 
Armee nach Rußland nach. Dort hat ihn die 
Nemesis erreicht; er kehrte aus den nordischen Eis 
feldern nicht wieder. — 
Indessen war Emilie auf dem Gottesacker zu 
Kirchditmold, dem Zeitgebrauche gemäß, zwar an 
dem äußersten Ende der Kirchhossmauer, aber Dank 
der Jugendfreundin, welche die Kosten des Begräb- 
*) Dieselben sollen noch in den vierziger Jahren zu 
sehen gewesen sein.
	        

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