Full text: Hessenland (10.1896)

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Des Frauenberges Zinnen Hellen 
Sich Plötzlich auf im Abendstrahl, 
Und purpurschimmernd trägt die Wellen 
Der Lahnstrom durch sein herrlich Thal! - 
Da tönt der Mahnruf: zu gedenken 
Des Feierabends, nah und fern — 
Bei Glockenklang hinauf zu lenken 
Sinn und Gebet zum Thron des Herrn! — 
„Wach auf!" Durch feierliche Stille 
Dringt greller Ton zum Waldessaum, 
Und — in des Dampfes grauer Hülle 
Verscheucht die Gegenwart den Traum! — 
Jeanneite Manier. 
Aus crl'ter und neuer Jeit. 
Welch' schwerer Tritt! Langsam gezogen 
Kommt her des Fuhrmanns Viergespann; 
Hinauf zum grauen Leinwandbogen 
Die mächt'gen Ballen schwellen an. 
Die Peitsche knallt zu dem Geläute 
Der Schellen. — Naht der Ausspann schon? 
Dann ist's des Wegs genug für heute. 
Dort winkt des heißen Tages Lohn! 
Die Straße auf, die Straße nieder — 
Das trabt und rollt und knallt und singt. 
Die gehen, jene kehren wieder; 
Am Thor Willkomm und Abschied klingt. - 
Daumland und Darnland. Johann 
Georg Estor giebt in seiner Abhandlung „de 
antiqua Hassiae formula“ die VON dem älteren 
Schmincke gemachte Entdeckung wieder, daß nach 
dem Testament der Landgräfin Anna, der Mutter 
Philipps des Großmüthigen, Hessen in das 
„Daunland" und in das „Darnland" zer 
falle. Er leitet dann „Daunland" vom alten 
celtischen Worte „Dune" ab, welches einen Berg 
bedeute. In seinen „Origines juris publici“ 
(Ausg. von 1738 S. 27 und von 1753 S. 169) 
führt Estor — vielleicht wegen Darmstadt — an 
Stelle des Darnlandes ein Darmland ein. Hessische 
wie andere deutsche Geographen und Geschichts 
schreiber von Ruf, z. B. Ayrmann, Büsching, 
Teuthorn und Engelhard haben in diese Behauptung 
Estor's bezw. Schmincke's nicht den geringsten 
Zweifel gesetzt. Der hochverdiente hessische Ge 
schichtsforscher Helfrich Bernhard Wenck, 
dessen „Landesgeschichte" noch heute nicht zu 
entbehren ist, war der erste, welcher die wunder 
same Entdeckung bezweifelte unb sie nicht eher als 
richtig anerkennen wollte, bis er die Urkunde, welche 
sie enthielt, selbst gesehen habe. Konrad Wil 
helm Ledderhose, der bekannte Verfasser des 
„Hessischen Kirchenrechts", ist der Anregung Wenck's 
nachgegangen und hat den letzten Willen der Land 
gräfin Anna wirklich in der Urschrift eingesehen. 
Er fand darin Folgendes: „Zeum andern so gebe 
ich undt bescheide gein Caßel und in die Landt- 
schafft da umb lang gelegen zcweyhundirt Gulden; 
zcu Marpurg undt in die Landtschafft da umb 
lang gelegen ... und Nidda zcweyhundirt Gulden." 
Alles ist also aus einen einfachen Lesefehler zurück 
zuführen. Kleine Ursachen, große Wirkungen! 
Manchen älteren Lesern dieser Zeitschrift ist 
vielleicht noch in Erinnerung geblieben, daß sie 
! einst in ihrer Schulzeit Gelegenheit hatten, das 
j Nöthigste über Hessens Geschichte und Landeskunde 
in Knittelversen zu lernen, welche sich dem Gedächtniß 
leicht einprägten. Diese Verse, deren Einsender des 
Folgenden noch gern gedenkt, entstammen einem Büch 
lein mit dem Titel: Die Reise durch das Kur- 
sürstenthum Hessen für Kinder, in Versen 
beschrieben von Johann Justus Schäffer, 
Lehrer und Organisten bei der Unterneustädter 
Gemeinde in Kassel. Kassel 1847. In seiner 
bescheidenen Weise maßte der Verfasser sich nicht 
an. Erschöpfendes zu geben, sondern wollte lediglich 
Haltpunkte für die Kinder bieten. Eltern und 
Lehrer sollten dann an der Hand von Landan's 
bezw. Pfister's Beschreibungen des Kurfürstenthums 
Hessen die Verse des Weiteren erläutern und das 
Fehlende hinzufügen. Es wurde also wesentlich 
auf das Zusammenwirken von Halls und Schule 
gerechnet. Um das Andellken all Schäffer's Büch 
lein bei den Alten wieder aufzufrischen unb dem 
jüngeren Geschlechte dessen Bekanntschaft zll ver 
mitteln, sei gestattet, an dieser Stelle einzelne 
Strophen daraus mitzutheilen. 
Schäffer beginnt: 
Wer will mit durch Hessen reisen? 
Seid geladen, Groß und Klein. 
Kommt, den Weg will ich Euch weisen; 
Kommt, es wird Euch nicht geren'n. 
Nehmt die Karte jetzt zur Hand 
Und reist mit durch's Vaterland. 
Deutschland trägt in seinem Herzen 
Unser liebes Heimathland, 
Wo wir spielen, wo wir scherzen, 
Kreise malen in den Sand; 
Wo wir in die Schule geh'n, 
Gutes lernen, Gutes seh'n. 
Einen schnellen Gang durch die hessische Ge 
schichte leitet der Verfasser folgendermaßen ein: 
Schlicht und bieder ist der Hesse, 
Seinem Fürsten stets getreu;
	        

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