Full text: Hessenland (10.1896)

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Die letzte Strophe des „Johannisfestliedes" 
lautet: 
Wo ist umher auf allen Auen 
Ein Fest, das diesem sich vergleicht? 
Wohin das Auge möge schauen, 
Die Freude ist's, die sich ihm zeigt. 
Die Freude tönt von allen Zungen, 
Sie töne lang' im Herzen nach, 
Und eh' ihr Laut dort ausgeklungen, 
Kehr' uns der Sankt Johannistag. 
Nachdenr noch die Nationalhymne gesungen, 
läßt die Stadtkapelle muntere Tanzweisen erklingen, 
unb die Kinder eilen zum Tanze, an den: sich 
kein Erwachsener betheiligeu darf. Nur die zu 
Ostern Konfirmirten haben das Recht, lwch ein 
mal mitzunlachen. Aber and) die Erwachsenen 
brauchen sich nicht mit dem Zusehen zu begnügen, 
ihnen winken, wie dies nun einmal zu einem 
echten Volksfeste gehört, die verschiedensten Genüsse: 
Glücksräder, Kraftmesser, Würfel,- Schieß- und 
andere Buden, Karussels, und wie die Volks 
belustigungen alle heißen. Für die leiblichen Be 
dürfnisse sorgen zwei Konditoreien und etwa 
zehil Wirthszelte. So entwickelte sich bald das 
bunteste, fröhlichste Treiben. Für die Kinder 
endigt das Vergnügen mit dem Eintritt der 
Dunkelheit. 
Am Montag nach eingenommenem Mittagsmahl 
wird die Feier fortgesetzt. Irr der Regel ist es 
jetzt auf dem Festplatze, da weniger Menschen 
anwesend sind, gemüthlicher als an: Sonntage. — 
In der beschriebenen Weise verläuft das 
.„Johannisfest," Eschweges größtes Fest. Daß 
Wochenlang vorher die Schneider, Schuhmacher 
und Näherinnen vollauf zu thun haben, sei nur 
beiläufig bemerkt; gilt es doch als selbstverständlich, 
daß an diesen: Tage jedes Kind und wäre es das 
ärmste, in neuen Kleidern erscheint. 
Möge das schöne Fest noch recht viele Jahre 
in seiner Eigenart die Kinder erfreuen und dem 
Alter das in der Erinnerung zurückzaubern, wo 
bei es am liebsten verweilt: die glückliche, selige 
Jugendzeit! 
-!'&!- 
Tief) wanderte am heißen Tage 
^ Den Fluß entlang am Waldessaum. 
Ta schritt vom Walde her die Sage 
Und führte an der Hand den Traum. 
Sie sprach zu mir bedächtig leise: 
„Willst Du nicht jetzt im Schatten ruh'n. 
Und dann, wie sonst wohl Deine Weise, 
Nach ,Einstmals' manche Frage thun! 
Laß schweifen in die ferne Weite 
In ihrer Schönheit Aug' und Sinn, 
Der Traum und ich wir halten Beide 
Dir unsern Zauberspiegel hin, 
Der strahlt die Gegenwart Dir wieder 
Im Glanze der Vergangenheit; 
Dann wallt und wogt auf Dich hernieder 
Des Mittelalters reiche Zeit!" — 
Wie steht, von waldbekrüuzten Höhen 
Umringt, das Schloß in stolzer Pracht, 
Im frischen Wind die Fahnen wehen, 
Die gvldnen Löwen halten Wacht! 
Ein hoher Tag ist aufgegangen 
Der Burg, dem Städtleiu an der Lahn: 
Sieh, wie in ritterlichem Prangen 
Die Fürsten mit dem Kaiser nah'n! — 
Dort schreiten durch des Thores Enge 
Des Deutschen Ordens stolze Herrn, 
Und fröhlich eilt des Volkes Menge 
Zum Feiertag von nah und fern! — 
Sie, die im grauen Bußgewande 
Dem Dienst der Armuth sich geweiht. 
Die Fürstin aus dem Ungarlande, 
Die sich in Demuth nicht gescheut 
Sich allen Glanzes zu berauben. 
Verschmähend jede üuß're Pracht. 
Der Nächstenliebe, ihrem Glauben 
Das ganze Leben dargebracht -, 
Sie soll im Tode jetzt empfangen 
Als tiefer Demuth höchsten Lohn 
Für alles Leiden, alles Bangen 
Der Heiligen Märtyrerkron'! — 
Wie herrlich in der Landschaft Rahmen 
Strebt himmelwärts der hehre Dom, 
Der Sankt Elisabethens Namen 
Verkündet in der Zeiten Strom! 
Es strömt zu seinen hohen Hallen 
Das Volk, bewegt, mit frommem Sang; 
Hin, feierlichen Schrittes, wallen 
Die Pilger unter Gloüenklang. — 
Dort — fröhlich mit dem Wanderstabe, 
Dem Ränzel und dem Sammtbarett. 
Der Schritt so leicht und leicht die Habe - 
Zieht hin ein Hochschüler-Ouartett! 
Die wollen Marburgs alma mater 
Erkenntnißdürstend sich vertrau'«. 
Es half ein weiser Landesvater 
Der Wissenschaft die Stätte bau'n. — 
Das Fähnlein jetzt von reis'gen Knechten 
Da. wo der Weg gen Frankfurt führt —, 
Wer hat, daß Ihr für ihn sollt fechten, 
Die Werbetrommel denn gerührt? 
Heut' nennet Feind Ihr den von Hessen. 
Den morgen aus kurmainzer Land! — 
In fremder Fehde ward vergessen 
Was an die eig'ue Heimath band! —
	        

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