Full text: Hessenland (10.1896)

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flotte Märsche spielend, welche vor Wochen schon 
ein von Seiten der Stadt dafür bezahlter Musiker 
mit den Knaben eingeübt hat. Die Maibüsche sind 
Tags zuvor von städtischen Arbeitern gehauen. 
Schon in alter Zeit machte die Gemeinde 
Grebendorf, welcher der Wald gehört, den 
Eschwegern das Recht, Maien zu holen, streitig. 
Rach einem Bericht vom Jahre 1655 hatten die. 
Eschweger Lehrer das Recht, jährlich zwei- oder 
dreimal mit ihren Schülern am Schülerbergc 
zur Ausschmückung der Schulzimmer so viele 
Maien zu holen, als diese zu tragen vermochten; 
die Lehrer durften dieselben sogar nachher ver 
kaufen. In der schon oben angeführten Eingabe 
vom 22. August 1594 beschweren sich Bürger 
meister und Rath von Eschwege über die Grebcn- 
dorfer. Darin heißt es: „Ob wol von undenk 
lichen Jahren hero alßo vblich vnd hcrbracht, 
daß Unsere Schuhlmeister vnd Schühler jehrlichs 
ihres Gefallens vnd, so oft ihnen geliebet, ann 
Schühlersbergk jenseitt Grebendorfs gangen vnd 
Meyenpüsche oder Rutten geholet, die von Greben 
dorfs jtzo ihnen dasselbige zu verweigern vnnter- 
stehen, indem sie das Gehöltz gentzlich abgestreupet 
oder gehawen vnd in Hege geleget." 1622 wurden 
die gleichen Beschwerden geführt und 1810 sogar 
zwischen Grebendorf und der Stadt Eschwege 
dieserhalb ein Prozeß angestrengt, der zu 
Gunsten der Stadt entschieden wurde. Da aber 
der Schülerberg für die Schulknaben, die sich im 
Laufe der Jahre vervielfacht haben und von 
denen jeder das Recht hat, zwei Büsche zu nehmen, 
die Maien in genügender Zahl nicht liefern kann, 
so wird eine Anzahl aus dem städtischen Walde 
im Schlierbach gehauen und vorher hierhergebracht. 
Nachdem man im Wirthshause zu Grebendorf 
ein gutes Frühstück eingenommen, begiebt sich der 
Zug nach der Stadt zurück. 
Beim Eintritt in diese seht sich die städtische 
Kapelle an die Spitze, und nun geht's zunächst 
nach denl zwischen den beiden Werraarmen ge 
legenen Festplatz, dem großen Werdchen, wo 
jeder Schüler einen Maienbusch niederlegt, der 
zum Schmücken des Festplahes dient; den anderen 
nimmt er mit nach Hause. Unter den Klängen 
eines Marsches bewegt sich nun der Zug, der 
wie ein wandelnder Wald aussieht und einen 
hübschen Anblick gewährt, durch die Straßen 
der Stadt nach dem Marktplätze. Hier ange 
kommen, singen die Schüler die Lieder: „Stimmt 
an mit hellem, hohen Klang" und „Danket dem 
Herrn". Ein Frühschoppen-Konzert bildet gewöhn 
lich den Schluß des „Maienganges". 
Der Hauptfesttag ist natürlich der Sonntag. 
Nach dem Nachmittagsgottesdienste versammeln 
sich die Schüler und Schülerinnen, festlich ange 
than, in ihren Schulklassen. Die Mädchen mit 
weißen Kleidern und mit reizenden, aus lebenden 
Blumen gewundenen Kränzchen ans den Köpfen, 
die Knaben in ihrem besten Staat, rüsten sich 
zum Festzug. Ein jedes Schulkind erhält ein 
Milchbrot, das ebenso lute das auf dem Festplatte 
den Kindern verabfolgte Bier und die Musik 
kapelle, die dem Zuge vorantritt, von Seiten der 
Stadt bezahlt wird. Der Festzug, in welchem 
nach der vom Rektor der Knabenschule auf 
gestellten Ordnung die Knaben- und Mädchen 
klassen, von ihren Lehrern geführt, mit einander 
abwechseln, macht einen imposanten Eindruck. 
Deshalb wird man sich nicht wundern, daß alle 
Fenster in den Straßen, durch welche er sich be 
wegt, von Zuschauern gefüllt sind und ein nach vielen 
Tausenden zählendes Publikum in den Straßen 
Spalier bildet. Ist doch das „Johannisfest" 
nicht allein ein Fest für die Eschweger, nein für 
den ganzen Kreis; ja sogar das benachbarte 
Eichsfeld sendet zahlreiche Besucher. Wenn es 
das Wetter und die Umstünde einigermaßen ge 
statten, dann bleibt heute stundenweit in der 
Umgebung niemand zu Hause, sondern geht nach 
„Eschcwei". Auch die Eschweger, die in der 
Fremde weilen, kommen an diesem Tage zum 
großen Theile nach Hause. Auf dem Festplatze, 
dem großen Werdchen, entsteht bald ein arges 
Gedränge. Der Platz, ans dem am 2l. Februar 
1807 die fünf unglücklichen Opfer des „Eschweger 
Soldatenaufstandes" standrechtlich erschossen wurden, 
dient sonst als städtischer Bleichplatz. Er hat 
sich schon lange zum Abhalten größerer Festlich 
keiten als zu klein erwiesen, weshalb ihn die 
städtischen Behörden vor einigen Jahren durch 
Ankauf benachbarter Ländereien vergrößeren wollten. 
Die Angelegenheit scheiterte aber damals an den 
übertriebenen Forderungen der Besitzer. Nun hat 
vor etlichen Wochen die Stadt ein anliegendes 
Gartengrundstück gekauft und will das „kleine 
Werdchen" mit dem „großen" vereinigen, was im 
nächsten Herbst, wenn der Garten abgeerntet ist, 
geschehen soll. Auf dem Festplatze angekommen, 
singen die Kinder in Verbindung mit einem 
Männerchvr seit Alters das zu diesem Zwecke 
eigens gedichtete und komponirte Lied: 
Das Fest der Freuden ist erschienen; 
Wir alle athmen Scherz und Spiel; 
Es spiegelt sich in aller Mienen 
Der Göttin reines Frohgefühl. 
Wohlan, beginnt die schöne Feier, 
Mit Blumenkränzen schmückt das Haar 
Und töne zum Gesang die Leier, 
Umringt in Chören den Altar — u. s. w.
	        

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