Full text: Hessenland (10.1896)

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Schützenwesen zu erlahmen. Der Landgraf mußte, 
wie es uuter'm 10. Mai 1718 wirklich geschah, 
darauf bedacht sein, Bürgermeister und Rath zu 
Kassel anzuhalten, daß sie ihren Einfluß aus die 
jungen angehenden Bürger in deni Sinne ge 
brauchten, daß dieselben wenigstens zwei Jahre 
vor der Scheibe mitschössen und sich übten. Die 
Schützenkompagnieen wurden somit in gewissem 
Sinne bereits zwangsweise ergänzt. 
Nach Landgraf Karl's Tode zerfiel das Schützen 
wesen bald. Das öftere Scheibenschießen wurde 
vielfach als Gelegenheit zum Müßigang und zu 
„vobauellsn" betrachtet, weshalb die Regierung im 
Jahre 1733 das Scheibenschießen einschränkte und 
es abgesehen vom Geburtstage des Landesherrn, 
dem dritten Oster- und dritten Pfingsttage nur 
alle vierzehn Tage einmal abgehalten wissen 
wollte. Diese Verfügung wurde trotz wiederholter 
Beschwerden der Schützenmeister aufrecht erhalten. 
Darunter litt denn natürlich auch die militärische 
Ausbildung der Schützen, die man fortan nur 
noch zum Nachtdienst gebrauchen mochte, der durch 
Bestimmungen vom 25. Februar 1742 des 
Näheren geregelt wurde. «Schluß folgt.» 
Aas Iohannisfest in Gschrvege. 
Von H. Bierwirth-Eschwege. 
(MF er Sinn für unseres Volkes Sitten und 
Ws Gebräuche hat, wird bemerken, daß ein 
T großer Theil derselben im Lause der Zeit 
verschwunden ist. Unsere nüchterne, materialistische, 
poesiearme Zeit, die dllrch die riesigen Verkehrs 
wege alles gleichmacht, beseitigt einen schönen 
Volksbrauch nach dem andern. Diese Volksbräuche 
wurzeln im Heidenthum; sie sind der letzte Rest, 
welcher uns von der Religion unserer heidnischen 
Vorfahren übrig geblieben ist. Die alten Deutschen 
waren ein Volk, welches mit der Natur sehr 
vertraut, mit ihr verwachsen war. Obwohl äußer 
lich von reckenhafter, furchtgebietender Gestalt, 
hatten sie doch ein tiefes Gemüth , eine lebhafte 
Phantasie und einen ahnungsreichen Sinn, der 
in den Bergen und Felsen, in Hainen und 
Wäldern, an Brunnen und Quellen überirdische 
Gestalten, wie Riesen, Wichtelmännchen, Kobolde, 
Elfen u. s. w., erblickte. An zahlreiche Orte 
knüpften sich poetische Sagen, welche ihnen eine 
besondere Weihe verliehen und sie zu er 
innerungsreichen Stätten machte». Verschwunden 
sind die Wichtelmännchen aus unserer Gegend. 
Nur noch einige Flur- und Ortsnamen erinnern 
an dieses gutmüthige, in Ritzen und Löchern 
hausende Völkchen. So die „Wichtellöcher" auf 
der Plesse, die „Wichtelhäuser" zu Wanfried, die 
„Wichtelkirche" und der „Wichtelanger" bei Jestädt, 
die „Wichtelgrube" auf dem Fürstenstein, das 
„Wichtelloch" bei Abterode, der „Wichtelstein" bei 
Datterode u. s. w. Auch die „Brunnenfeste", 
welche bis vor wenigen Jahren hier gefeiert 
wurden, in unserer Nachbarstadt Mühlhausen 
aber heute noch gefeiert werden, sind Nachklänge 
aus der Heidenzeit. Aber die „Osterfeuer" brennen 
noch, und der „Klobes" erscheint noch jedes Jahr 
den Kindern. Ein solches Fest aus der grauen 
Vergangenheit ist auch das Eschweger „Jo 
hannisfest". Dieses Fest, welches früher am 
Sonntag nach Johannis gefeiert wurde, seit etwa 
zwölf Jahren aber auf den Anfang der Sommer- 
ferien verlegt ist, ist ohne Zweifel das Fest der 
Sominer-Sonnenwende, welches unsere Vorfahren 
dem Lichtgotte Baldur zu Ehren feierten. Als 
die christlichen Sendboten den heidnischen Chatten 
das Evangelium brachten, ließen sie kluger Weise 
die heidnischen Feste bestehen, nur legten sie ihnen 
eine christliche Bedeutung unter, und so trat an 
die Stelle Baldur's der Prophet Johannes der 
Täufer. Daß es ein sehr altes Fest ist, geht 
aus mehreren, noch vorhandenen Urkunden hervor. 
So schreiben Bürgermeister und Rath von Eschwege 
unter dem 22. August 1594 in einer Eingabe 
au den Superintendenten, die sich auf das Jo 
hannissest bezieht, daß dieses seit „undenklichen" 
Jahren gefeiert würde. 
Das Eschweger Jvhannisfest ist ein Kinderfest 
und dauert drei Tage: Sonnabend, Sonntag und 
Montag. Schon am Freitag Nachmittag begeben 
sich die drei obersten Klassen der Bürger-Mädchen 
schule unter Aufsicht ihrer Lehrer an den Leucht 
berg, um Eichenlaub zu holen, aus dem sie 
Guirlanden und Kränze zum Ausschmücken der 
Schulhäuser winden. Am Sonnabend Morgen 
ist der „Maiengang". Punkt 7 Uhr begeben 
sich die sämmtlichen Klassen der Knabenschule, 
von ihren Lehren geführt und von zahlreichen 
Bürgern begleitet, im Zuge nach dem „Schüler- 
berg" hinter Grebendorf zum Maienholen. Vor 
an marschirt das Trommler- und Pfeifercorps,
	        

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