Full text: Hessenland (10.1896)

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Lichtenberg sich trennend, wie um dieselbe Zeit 
Hessen-Kassel von Darmstadt, dem reformirten 
Bekenntniß an. Philipp Ludwig, der Vater 
Amelia's, war es, der gleich bei seinem Regierungs 
antritt im Jahr 1595, das schon von seinen Vor 
mündern begonnene Werk vollendend, die reformirte 
Konfession zur Durchführung brachte. Der ersten 
thatkräftigen Regierungshandlung des jnngep 
Landesherrn folgten weitere von gleichfalls großer 
Bedeutung. Für die Pflege der Wissenschaften 
sorgte Philipp Ludwig durch Stiftung der hohen 
Landesschule, unseres heutigen Gymnasiums. 
Handel und Verkehr hob er durch noch andere 
Maßnahmen und die Einrichtung eines regel 
mäßigen Schiffahrtsverkehrs ans dem Main. 
Er baute viel, unter anderem den Theil des 
Schlosses, in dem wir uns befinden. Seine be 
deutendste Schöpfung aber war die Neustadt 
Hanau, die er durch Ansässigmachung um ihres 
Glaubens willen aus ihrer Heimath und demnächst 
aus ihren Zufluchtsorten in Deutschland vertriebener 
Niederländer und Wallonen gründete. Philipp 
Ludwig hat den Gesammtort Hanau geschaffen, 
wie er sich im Wesentlichen noch heute präsentirt, 
er hat durch Herbeirufung jener betriebsamen und 
geschickten Fremden den hervorragenden industriellen 
Geist hier seßhaft gemacht, durch den Hanau sich 
noch heute auszeichnet. Seine nur siebzehnjährige 
Regierung war hiernach eine in mehr als einer ! 
Hinsicht für die Entwickelung der ganzen Folge 
zeit grundlegende; Philipp Ludwig II. war ohne 
Zweifel der bedeutendste Regent des Hanau- 
Münzenbergischen Hauses. 
Berühmter Herkunft und, wie sie als Regentin 
ihres Landes noch bewähren sollte, eine an Geist 
und Thatkraft hervorragende Frau war die Mutter 
Amelia's, Katharina Belgica, die Tochter 
Wilhelm's von Nassau-Oranien, des großen Statt 
halters der Niederlande. Es war nicht die erste 
Verbindung zwischen den Häusern Hanau und 
N a s s a u, die Philipp Ludwig einging; aber, nach 
dem dieser Zweig des nassauischen Grafenhauses 
inzwischen durch den Anfall der oranischen Be 
sitzungen in Südfrankreich und den Niederlanden 
zu namhafter Machtstellung gelangt war, kann 
diese Heirath als die erste des Hauses Hanau 
von größerer politischer Bedeutung bezeichnet 
werden. Sie knüpfte ein auch zur oranischen 
Linie des Hauses Nassau schon bestehendes Ver- 
wandtschqftsband noch fester: Philipp Ludwig 
und seine Gemahlin waren Blutsverwandte, 
beide Nachkommen jener Juliane von Stolberg, 
der Mutter Wilhelm's von Oranien, die in 
zweiter Ehe mit Wilhelm dem Reichen von Nassau- 
Dillenburg, in erster mit Philipp II. von Hanau- 
Münzenberg vermählt gewesen war. Die Ver 
bindung mit Nassau war dadurch noch inniger 
geworden, daß auch Philipp Ludwig's Mutter 
nach dem frühen Tod ihres ersten Gemahls sich 
in zweiter Ehe mit einem Grafen von Nassau, 
Johann, dem Enkel Wilhelm's des Reichen und 
Julianens, verheirathet hatte. An dem Hofe 
dieses seines Stiefvaters, zu Dillenburg, war dann 
Philipp Ludwig erzogen worden, in dem refor 
mirten Bekenntniß, das er demnächst in seinem 
Lande durchführte und dem Nassau und Oranien 
und mit dem letzteren das niederländische Volk 
schon zugehörten. Durch die Verbindung mit 
Oranien aber trat das Haus Hanau zugleich in 
nahe verwandtschaftliche Beziehungen zu dem da 
mals noch mächtigen, gleichfalls reformirten 
Kurfürsten von der Pfalz. Friedrich IV. von 
der Pfalz war der Gemahl einer anderen Tochter 
Wilhelm's von Oranien, einer rechten Schwester 
der Katharina Belgica; ihr Sohn war Friedrich V., 
der pfälzische Kurfürst, dessen Erwählung zum 
König von Böhmen demnächst den dreißigjährigen 
Krieg entfesseln sollte. Aus dem Allen ergeben 
sich für Amelia Elisabeth nach der Mutterseite 
hin folgende wichtige Verwandtschaftsbeziehungen: 
Moritz von Nassau-Oranien, der Nachfolger seines 
Vaters Wilhelm in der Statthalterschaft der 
Niederlande, und dessen Bruder und Nachfolger 
Friedrich Heinrich waren die Oheime Amelia's, 
die Brüder ihrer Mutter; Friedrich V., der von 
Beginn des dreißigjährigen Krieges an geächtete 
und seiner Länder entsetzte Kurfürst von der 
Pfalz und König von Böhmen, war ihr rechter 
Vetter. Zu diesen bedeutenden oder doch um 
ihrer Schicksale willen namhaften Persönlichkeiten 
tritt endlich der französische llstarschall Turenne, 
Vicomte de la Tour d’Auvergne, der Hngenott, 
der im dreißigjährigen Krieg für die Sache der 
deutschen Protestanten focht, um dann gegen das 
Ende seines Lebens seinem König zu Liebe Renegat 
zu werden. Er war der Sohn einer weiteren 
rechten Schwester der Katharina Belgien, mithin 
ebenfalls rechter Vetter Amelia's und ebenso 
des böhmischen Winterkönigs. 
Amelia Elisabeth erhielt, wie mangels eines 
Nachweises darüber doch vermuthet werden darf, 
ihre Namen von zwei Schwestern der Mutter, 
Amalie, späteren Pfalzgräfin von Zweibrücken, 
die wiederholt am Hanauischen Hof verweilte, 
und Elisabeth Flandrica, der Mutter Tnrenne's; 
die Benennung noch anderer Kinder Philipp 
Ludwig's nach Gliedern des oranischen Fürsten 
hauses läßt auf die Innigkeit dieser Beziehungen 
und den Werth schließen, den man ihnen bei 
legte.
	        

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