Full text: Hessenland (10.1896)

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Amelia Elisabeth, 
Landgräfin zu Hessen, geborene Gräfin zu Hanau. 
Vortrag, gehalten zur Feier des fünfzigjährigen Jubiläums des Hanauer Geschichtsvereins und der sechzigste» Jahres 
versammlung des Hessischen Geschichtsvereins zu Hanau am 28, August 1891 
von 
Dr. Otto Brandt. 
( -Ij0in Doppelfest, wie das unserige, lenkt die 
jjji Blicke auf das, was den Feiernden gemeinsam 
Op ist. Hessen und Hanau, zwei selbstständige 
Territorien, benachbart, aber in dem Gang ihrer 
Geschichte Jahrhunderte hindurch nur wenig sich 
berührend, vereinigen sich in der ersten Hälfte des 
vorigen Jahrhunderts beiin Aussterben des 
Hanauischen Grafenstammes in der Hand der 
hessischen Fürsten. Doch in zwei Theile geschieden. 
Wie Gesammthessen nach den beiden Hauptlinien 
seilles Fürstenhauses getrennt ist, so zerfällt das 
Land Hanau jetzt wieder in seine zwei ehedem 
selbstständigen Theile, und es gelangen, nach Aus 
scheidung der im Elsaß und am Rhein gelegenen 
vormals Hanau - Lichtenbergischen Besitzungen für 
Hessen-Darmstadt, nur das Stammgebiet und die 
späteren Erwerbungen der älteren Linie, die 
Hanau-Münzenbergischen Lande in der Weiteren 
und am Main, an Hessen-Kassel. Wir gehen, 
indem wir nach dem Grund dieser letzteren als 
der unsere Heimathländer treffenden Verbindung 
fragen, um ein weiteres Jahrhundert in der 
Geschichte zurück und treten vor das Bild der 
Fürstin, deren Lebensgang unsere heutige Be 
trachtung gewidmet ist. Amelia Elisabeth, die 
Tochter aus dem Grafenhaus Hanau — die große 
hessische Landgräfin-Wittib und Vormünderin, 
mit diesen Grenzlinien ist ein Leben umschrieben, 
das gerade unserer heutigen festlichen Versammlung 
theuer sein muß. Und nicht etwa blos wegen 
des diplomatischen Verdienstes, daß Amelia es 
war, die jene Vereinigung der hanauischen und 
hessischen Stammlande begründete. Sondern vor 
allem in Erinnerung an die Dankespflicht, die 
Hanau seiner Tochter und ihrem fürstlichen 
Gemahl schuldet, weil ihm in schlimmster Noth 
von dort die Erlösung kam, die wir noch heute 
hier alljährlich festlich begehen, Amelia auch noch 
weiterhin ihrem Heimathlande wichtigste Dienste 
leistete; um des Dankes Willen aber zugleich, den 
Hessen seiner großen Fürstin schuldig ist, die das 
Land Hessen-Kassel vom Untergang errettet und 
zu erweiterter Machtstellung und neuer innerer 
Kräftigung geführt hat; und schließlich, wenn wir 
alle diese Ereignisse und Ergebnisse, die ich in 
kurzen Zügen Ihnen vorzuführen haben werde, 
ans ihre innere Begründung prüfen und so uns 
inenschlich näher bringen, weil in dem Bild dieser 
Fürstin und Frau, die nach ihrem Werden Hanau, 
ihrem Wirken nach Hessen, und somit uns allen 
gemeinsam zugehört, eine unserer Bewunderung 
und Liebe werthe, große historische und menschlich 
edle Persönlichkeit uns entgegentritt, die wir nur 
mit Stolz die unserige nennen können. 
In dem gräflichen Schloß, in dem wir tagen, 
jedoch einem älteren, nicht mehr vorhandenen 
Theile, wurde Amelia Elisabeth am 28. Januar 
des alten, 7: Februar des heutigen Kalenders im 
Jahre 1602 geboren. Sie war die Tochter des 
regierenden Grafen Philipp Ludwig II. von 
Hanau- M ü n zen b er g*) und seiner Gemahlin 
Katharina Be 1 gica. 
Die Grafen von Hanau, seit der Mitte des 
fünfzehnten Jahrhunderts in die zwei schon er 
wähnten Linien geschieden, nahmen, an Alter und 
edlem Ursprung ihres Geschlechts den meisten der 
noch heute regierenden Fürstenhäuser nicht nach 
stehend, ihrer politischen Machtstellung Nach bei 
mäßigem Territorialbesitz nur einen bescheidenen 
Platz im Reichsverbande ein; sie übertrafen an 
Einfluß im Reich wohl nur wenig die benachbarten 
Wetteranischen Grafen, die Menburge, Solmse 
u. a. Die Lage des Stammgebietes am Main, 
diesem das ganze Mittelalter hindurch am stärksten 
befahrenen unter den deutschen Strömen, hatte die 
Entwickelung einer Handelsthätigkeit bisher nicht 
zur Folge gehabt. Die Hauptstadt selbst, 1303 
mit Stadtrecht beliehen und erst 1436 als 
*) Ueber Gras Philipp Ludwig verweisen wir auf den 
im „Hessenland", Jahrgang 1894, S. 76 ff., 91 ff., ab 
gedruckten Vortrag von Konrad Fliedner. 
Anm. der Redaktion.
	        

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