Full text: Hessenland (10.1896)

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zog ab, ohne ein Strafgericht über die 
Stadt zu verhängen. Das tapfere und wirk 
same Eingreifen des Majors ist in Hersfeld durch 
Generationen mit Dankbarkeit bewahrt worden. Jetzt 
soll Lingg von Linggenfeld dort auf dem Platze, 
wo die Zusammenkunft mit Napoleon 
st a t t g e f u n d e n hat, ein Denkmal errichtet werden. 
Beleuchten wir diese wundersamen Nachrichten 
doch etwas näher! Zunächst ist männiglich bekannt, 
daß die That, welche den Hersfeldern den heftigen 
Zorn der Franzosen zuzog, der Aufstand gegen die 
in die Stadt eingerückte 3. Kompagnie 2. Bataillons 
des ersten leichten italienischen Infanterieregiments, 
welcher die Ermordung eines Soldaten zur Folge 
hatte, bereits aus den 24. Dezember 1806 fällt. 
Ter Tag, an welchem die Stadt auf Napoleons 
Veranlassung des Aufstandes wegen, um dessent- 
willen die unbesonnene Menge schon schwer gebüßt 
hatte, ausgeplündert und an allen vier Ecken in 
Brand gesteckt werden sollte, war der 20. Februar 
1807, dieser also auch der Ruhmestag des Majors 
Lingg von den badischen Jägern, einer Rheinbunds 
truppe. Die ganze Erzählung von der Ermordung 
einiger französischer Gefangenen in Hersseld im 
Jahre 1812, von dem Ausflug des Majors Lingg 
in das feindliche Lager zu dem in und bei Hers 
seld garnicht anwesenden Napoleon, der Unterredung 
Lingg's mit dem Kaiser, der Zurücknahme des er 
theilten Befehls und der Errichtung des Denkmals 
auf dem Platze der Zusammenkunft zwischen 
Napoleon und Lingg ist in das Reich der Fabel 
zu verweisen. Daß Hersseld in die Rhön hinein 
versetzt wird, dürste demgegenüber noch als ver- 
hältnißmäßig geringer Schnitzer erscheinen. 
Hätte eine französische Zeitung Derartiges be 
richtet, so würden wir es noch hingehen lassen 
können, von einer deutschen Zeitung, noch dazu von 
einer so viel gelesenen, wie das Berliner Tage 
blatt eine sein soll, ist so etwas kaum für 
menschenmöglich zu halten. 
Todesfälle. Der am 17. Mai d. I. in 
Tübingen verstorbene Professor der Medizin 
Dr. Philipp Jakob Wilhelm Henke ist am 
19. Juni 1834 in Jena als das älteste Kind 
seiner Eltern geboren; aber in Marburg, wo sein 
mit Betty, der ältesten Tochter des berühmten Philo 
sophen Fries, verheirateter Vater E. L. Th. Henke 
nachmals 33 Jahre lang ein hervorragender Pro 
fessor der Theologie war, hat er hauptsächlich seine 
Kindheit und Jugend verlebt und genossen. Nach 
dem er von 1843 an neun Jahre lang das dortige 
Gymnasium besucht und daraus noch einmal ein 
Jahr lang in dem Carolinum zu Braunschweig 
hauptsächlich den neueren Sprachen, der Mathematik 
und dem Zeichnen obgelegen hatte, studirte er vor 
allem dort, dann aber auch in Göttingen und 
Berlin Medizin. Auf letzterer Universität empfing 
er, der bereits ein guter Zeichner war und einen 
Kunst liebenden Gelehrten zum Vater hatte, zu 
gleich eine solche Anregung und Vorliebe für die 
plastische Kunst, daß er schwankte, ob er sich ihr 
nicht ganz wenigstens als Kritiker weihen sollte. 
Doch entschied er sich bald für die akademische 
Laufbahn und habilitirte sich in Marburg als 
Dozent' in der Anatomie. Nach Veröffentlichung 
seines Handbuchs der Anatomie und Mechanik der 
Gelenke erhielt er 1864 einen Ruf als ordentlicher 
Professor der Anatomie nach Rostock, wo er, nach 
dem er sich mit Amalie, der Tochter des Rechts 
anwalts Lambert von Amöneburg, verheirathet hatte, 
mit dieser eine glückliche Ehe führte und mit den 
Landsmännern, erst mit Karl Hüter und darauf 
mit Franz König, die dort damals nach einander 
Professoren der Chirurgie waren, schaffensfrohe 
Tage verlebte. Die Erfolge, die er als Dozent 
durch die Benutzung von gelungenen Zeichnungen 
beim mündlichen Vortrag hatte, und der epoche 
machende anatomische Atlas, den er herausgab, 
verschafften ihm bald einen Ruf an die Universität 
Prag, wo er eine ihn sonst sehr befriedigende 
Wirksamkeit hatte, aber diese infolge von tschechischen 
Umtrieben bald wieder aufgab, um einem Ruf 
als Professor der Anatomie nach Tübingen zu 
folgen, wo er dann, nachdem sich eine Berufung 
nach Berlin an den von ihm gestellten Bedingungen 
zerschlagen hatte, seine Tage nach wiederholten 
schweren Schlaganfällen (den ersten erlitt er auf 
einem Hofball in Stuttgart, wo er als Rektor der 
Universität fungirte) beschlossen hat. Im Jahre 
1886 Wittwer geworden, hinterläßt er fünf bereits 
erwachsene Kinder. Was Wilhelm Henke als Ge 
lehrten auszeichnete, das war eine ungemein scharfe 
und sichere Beobachtungsgabe im Bunde mit einem 
klaren und durchdringenden Verstände. Dieser Be 
gabung ist es zu verdanken, daß er nicht blos auf 
seinem professionellen Gebiete so manches Neue sah, 
darstellte und erklärte, sondern auch aus dem Ge 
biete der darstellenden Kunst, der er immer auch 
noch seine Muße zuwandte, in seinen Schriften über 
die Gruppe des Laokoon, über Oedipus auf Kolonos, 
über den Unterschied der antiken und modernen 
Plastik, über Michel Angelo u. s. w. auf Grund 
anatomischer und physiologischer Bedingungen ganz 
neue Gesichtspunkte eröffnete und Ausschlüsse er 
theilte. Und eben so groß wie als Gelehrter war er 
als Mensch: mit einem hohen und edlen Geiste 
war bei ihm ein kindlich reines Gemüth verbunden; 
alles Gemeine war ihm, dem warmherzigen Vater 
lands- und Menschenfreund, fremd. — Am 30. Mai
	        

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