Full text: Hessenland (10.1896)

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5. Bey Hochzeiten, Weinkauffen, Kindtauffen, 
Kirmessen k> werden etliche Prediger beschuldigt/ 
daß sie biß aus den letzten mann sitzen, in die Wette 
sauffen, mit unnutzen und vergeblichen Reden sich 
heraus lassen, sich auch berauschen, daß sie nicht 
wissen, was sie thun. Alsdan wohl (zur höchsten 
Schande ihres Ampts:) an den Tantz gehen und 
mit ihren Beichtkindern, die ihnen aufs die Seele 
gebunden, herumb springen, oder sich zancken, und 
schelten, in den Koth fallen, und sich so stellen, 
das gantz nicht priesterlich ist. Wolle demnach ein 
Jeder seines Ampts undt Gewissens schonen, und 
sich so bezeigen, daß Er Ehre habe und behalte 
vor allen Christen und allen die mit Ihme zu 
Tisch« sitzen. Sollte. dergleichen vorgehen, so ist 
solches 8ul) poena arbitraria, seria tarnen, zu 
straffen. 
Endlich gleichwie einem Jedwedern sein eigen 
Gewissen erinnern wirdt, also ermahne ich auch 
brüderlich «inen jeglichen, daß er sich also verhalte 
in seinem. Leben , daß er seinen Zuhörern und 
andern frommen Christen sich zu einem Exempel 
darstellen und sagen könne mit Paulo: „Folget 
mir, lieben Brüder!" Die Zeit ist kurz, das 
Ampt ist schwer, die Rechnung ist hoch, der Richter 
ist vor der Thür, Gott gebe, daß wir alle seine 
trewe Knechte seyen. Amen! 
Welches wohlmeinend, aus treu-eifrigem Hertzen 
Amptwegen also errinnern und verordnen wollen, 
meiner in. Christo geliebten Brüder 
vatuiu Marburg dienstwilliger 
den !>ten Xbris Heinrich Orth, 
1690. Superintendens. 
"Stift. 
I. S. 
Landgraf Christian zu Eschwege (geboren 
am 17. Juli 1689, gestorben am 21. Oktober 1755), 
ein Enkel des Stifters der Nebenlinie H essen - 
Rheinsels-Rotenburg Landgraf Ernst, In 
haber der Hülste der sogenannten niederhessischen 
Quart und als solcher Landgraf von Wanfried 
genannt, muß ein Fürst gewesen fein, der schon 
wegen seiner beschränkten Mittel aus ordentliche 
Führung seines Haushalts- und Rechnungswesens 
großes Gewicht legte. Seinen Amtmännern hatte 
er wenigstens streng eingeschärft, „alle Quartal 
einen extraotarn manualis und statu m" von in 
ihren Händen befindlichen „Ambtsintraden, wie 
solche von Zeit zu Zeit erhoben, und was davon 
und wozu außgegeben wird, dergestalt anhero zu 
Unserer Hofcammer einzuschicken, daß solche Extracte 
mit der Ambtsrechuung vom Gantzen übereinkommen 
sollen". Diese Vorschriften des Landgrafen wurden 
nun nicht von allen Beamten nach dessen Wunsch 
befolgt. Nach dem Sprüchwort: „Neue Besen 
kehren gut" hatte man zwar einige Jahre sich 
pünktlich erwiesen, dann aber die Einsendung der 
Auszüge aus „sträflicher Nachlässigkeit" unterlassen, 
so auch der Amtmann zu Sontra, Gottfried 
Hilchen, des Landgrafen Rath. Das wollte der 
Landgraf nun nicht länger so hingehen lassen, 
sondern verlangte Abstellung seiner Beschwerden. 
In diesem Sinne schrieb er unter dem 26. Oktober 
1744 seinem „Lieben Getreuen" in nicht miß- 
zuverstehender Weise Folgendes: „Nachdem Wir 
nun zwischen vermelter Unserer Hoscammer und 
Unsern Beambten eines richtigen und klahren 
Haußhalts, hingegen aber nicht gewohnt seind, in 
confuso zu leben noch weniger assignationes auf Ge 
fälle, wo keine vorhanden, zu ertheilen, alß befehlen 
Wir Euch hiermit nochmahleu alles Ernstes und 
bey willkühriger Straf alle Quartal einen solchen 
Extract und zwar den für das Quartal bis Eüde 
praet. Septembris noch vor dem 8. «eg. Novembris 
einzuschicken und damit alle 3 Monath ohnsehlbar 
8 Tage nach dem Quartal zu continuiren also 
und dergestalt, damit man darauß zuversicht 
lich ersehen könne, was an ständ- und unständigen 
Geld und Früchten eingenommen und davon, auch 
wozu, außgegeben und was besonders biß Ende 
Septembris von diesem laufenden Jahr biß da 
hin, pro futuro aber von Quartal zu Quartal 
jedesmahl vorräthig oder überzahlt ist. Hieran ge- 
schicht unser gnädigster Wille, und Wir seind Euch 
damit in Gnaden beygethan." Das landgräfliche 
Schreiben, welchem diese Worte entlehnt sind, be 
findet sich zur Zeit in den Händen der Redaktion 
dieses Blattes. 
Die Zweitheilung der Linie Hessen-Rotenburg 
hörte mit Landgraf Christians Tode auf, da er 
keine Kinder hinterließ. 
Aus KeimcrtH unö Irrenröe. 
Hessische Juristenversammlung. — Am 
8.. Juni fand zu Marburg unter reger Betheiligung 
die im vorigen Herbst geplante Versammlung 
hessischer Juristen statt. Einem aus der neuen 
Bopp'schen Terrasse getrunkenen Frühschoppen schloß 
sich eine Besichtigung der Elisabethenkirche an, 
welche insbesondere auch auf eine interessante Samm 
lung von Waffen und Schilden, zum Theil aus
	        

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