Full text: Hessenland (10.1896)

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konnte nichts mehr sehen, nur die lauten, bestimmten 
Befehle des Professors und manchmal ein leises 
Wimmern oder lauteres Stöhnen der armen Frau 
hören. „Luft, laßt Luft herein!" so hatte einmal 
der Professor gerufen, und die Fenster wurden 
weit geöffnet, aber der Vorhang verwehrte jedem 
Neugierigen den Einblick. 
So verging lange Zeit, dem Apfelbaum waren es 
endlose qualvolle Stunden. Selbst die Natur schien 
das Werk, das da drinnen eine todesmuthige 
Hand, geleitet vom denkenden Menschengeist, aus 
führte, nicht stören zu wollen. Es herrschte die 
unheimliche Ruhe und Stille vor dem Gewitter. 
Doch endlich kamen gewaltige Windstöße daher 
gesaust, Donner und Blitz und nachtschwarzer 
Graus, daß die Erde erbebte und die Menschen 
erzitterten. Auch der Apfelbaum hatte viel zu 
thun, sich des Unwetters zu wehren. Er faßte 
seine breiten Aeste zusammen und beugte das 
alte, knorrige Haupt. Leise fing es an zu tröpfeln, 
und plötzlich stürzten lauwarme Wasserfluthen 
herab und brachten Erfrischung der dürstenden 
Erde. Es ward langsam Abend, der Himmel 
klärte sich, und helle Sterne leuchteten in der 
wonnigen Frühlingsnacht. Ein Wehen und 
Weben, ein Raunen und Rauschen begann. Es 
regten sich die Frühlingsgeister, die geschäftig ihre 
Arbeit verrichteten. Auch ini alten Apfelbaum 
ward es gar lebendig. Jedes Blüthenseelchen 
klopfte ungestüm an seine schützende Hülle. „Auf- 
gethan!" so rief es allerwegen und allerorten, in 
den untersten Zweigen und hoch oben im Wipfel. 
Der Apfelbaum mußte sich tüchtig rühren, alle 
zu befriedigen. 
Als die Sonne die ersten Strahlen zur 
lachenden, blühenden Erde sandte, waren auch 
bei ihm die letzten Fesseln gesprengt, und er stand 
da herrlich anzuschauen in der ganzen Fülle seiner 
rosigen Blüthenpracht. — „Ist sie gestorben?" Es 
war sein erster Gedanke wieder, als er zur Ruhe ge 
kommen. Das Fenster war immer noch geschlossen, 
und auf dem ganzen Hause lag tiefes Schweigen, 
Aber jetzt öffnete die Schwester den Vorhang, 
und der Apfelbaum konnte wieder das kleine 
Zimmer übersehen. Die Kranke lag auf ihrem 
Bette ruhig schlummernd, um den Mund spielte 
sogar ein leichtes Lächeln. Der Professor war auch 
zugegen. Ein Sonnenstrahl schlüpfte in's Zimmer, 
huschte bis zum Lager der Frau und streifte ihr 
Angesicht, sie erwachte und blickte erstaunt umher. 
Der Professor sprach in tiefer Bewegung das 
eine Wort „Gerettet!" Sie erfaßte den seligen 
Sinn des Wortes, und ihr Mund sprach nach 
„Gerettet!" Ihr Blick fiel auf den blühenden 
Apfelbaum, und jubelnd rief sie: „Der Apfelbaum 
blüht zur Verheißung, zum herrlichen sichtbaren 
Zeichen, daß auch ich wieder aufblühen und meines 
Lebens mich freuen soll!" Da trat der Professor an's 
Fenster und sagte tief gerührt: „So lange meine 
Befehle hier befolgt werden müssen, soll nie eine 
Axt an diesen Baum gelegt werden. Er soll noch 
lange meinen Kranken selige Botschaft bringen von 
dem Gott, der nach langer Wintersnacht wonnigen 
Frühling sendet, und der auch die Menschen aus 
langer Todesnoth zu neuem Leben erwecken kann." 
Der Apfelbaum freute sich darüber so sehr, daß 
er ganz stolz seine Blüthen trug. Alle Vögel 
sahen ihm auch an, daß ihm etwas sehr Schönes 
begegnet war; er ließ sich auch nicht lange nöthigen, 
seine Erlebnisse zu erzählen, da freuten sich die Vögel 
mit ihm und sangen der genesenden Frau ihre 
schönsten Lieder. — 
Der Apfelbaum, den ich einmal selbst be 
lauschte, als er die einfache Geschichte seinen Ab- 
miethern erzählte, steht heute noch in seinem 
stillen Winkel. Viele Vögel nisten in seinen 
Zweigen, sogar das freche Meisenpärchen war 
eines schönen Tages wieder da. Böse Buben 
hatten sein Nest zerstört, und nun suchte es Schutz 
und sichere Wohnung in seiner alten Heimath. 
Es ist ein fröhliches Leben. Die Vögel singen 
und jubiliren, bauen Nester und erziehen ihre 
Jungen. Manchmal ist der alte Apfelbaum eine 
große Kinderstube, aber er beherbergt sie alle 
gern. Der alte Gesell ist sehr ernst und gesetzt 
geworden, und statt der Schnurren und Räthsel, 
die er früher wußte, erzählt er seinen Schütz 
lingen, die eifrig horchen, ernsthafte Geschichten. 
Er erzählt von Elend und Krankheit, aber auch 
von Aufopferung und barmherziger Nächstenliebe. 
Er weiß zu berichten von schlichten Männern der 
Wissenschaft, die den Tod bezwingen und die ihr 
ganzes Leben der leidenden Menschheit widmen, 
die in ernster Forschung die Räthsel des Lebens zu 
ergründen suchen, die Natur in ihrer geheimsten 
Werkstatt belauschen, und deren geschulter Geist dem 
Erforschten lebendige Bedeutung zu geben versteht. 
Der Art sind die Erlebnisse eines alten Apfel 
baums in der Neuzeit, und wenn sie auch nicht 
von dem Duft der Romantik umwebt sind wie die 
Kindheits- und Jugenderinnerungen des alten 
Gesellen, so legen sie doch Zeugniß ab von großer 
werkthätiger Liebe und eifrigem humanen Streben, 
das in unserer so viel gescholtenen Zeit der Gold 
gier und der Genußsucht lebt und viele herrliche 
Thaten zeitigt.
	        

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