Full text: Hessenland (10.1896)

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Was der Apfekvaum erteöt fiat. 
Von Emilie Scheel. 
«Schluß., 
oA m anderen Morgen trat ein ergrauter Herr, 
/R mit mildem Lächeln im Angesicht und einer 
~j V Welt von Mitleid im Auge, an das Kranken 
bett. Er verweilte einige Zeit dort, helfend und 
rathend, und verließ dann mit der Schwester das 
Zimmer. Der Apfelbaum aber hörte wieder deutlich 
durch das geöffnete Korridorfenster, an das sie 
getreten waren, jedes Wort, das die Beiden 
sprachen. Der alte Herr, ein berühmter Pro 
fessor, glaubte, daß nur eine Operation helfen 
könnte. Er theilte der Schwester mit, daß die 
Angehörigen hierzu die Zustimmung gegeben, 
daß auch die Kranke die Nothwendigkeit ein 
zusehen scheine, und daß es nun die Aufgabe der 
Pflegerin sei, die Patientin heiter und hoffnungs 
voll zu erhalten. Der Termin zur Operation 
könne noch nicht bestimmt werden, keinenfalls 
solle ihn die Kranke früher erfahren, als kurz 
zuvor. Er selbst wolle alles aufbieten, die 
Aermste zu retten, Wissen, Kraft und Kunstfertig 
keit, der liebe Gott möge seinen Segen dazu geben. — 
Die Tage vergingen langsam und still. Die 
Kranke lag klaglos. Von Schmerzen gepeinigt, 
von Angst verzehrt, war sie doch geduldig und 
hatte für jede Aufmerksamkeit und Handleistung 
ein freundliches Lächeln und leisen Dank. Wie 
ihr Herz kämpfte, wie sie ringen mußte um 
Kraft und Fassung, das wußte nur der Apfel 
baum, der in verschwiegener Nacht ihr Klagen, 
ihr heißes Flehen gehört hatte. 
Unterdessen war der Frühling siegreich einge-. 
zogen. Hell schien die Sonne vom Himmel herab, 
brachte die Erstlinge der Blumen zum Blühen 
und streute Glanz und Licht in alle Winkel und 
Ecken des Bergstädtleins. Auch im Apfelbaum 
regten sich verborgene Triebe, dehnten und schwell 
ten die Knospen, brachten sie znm Zerspringen 
und lockten die ersten grünen Blattspitzen her 
vor. „Der Apfelbaum wird grün!" so rief die 
Kranke, „o, der Frühling kommt zu mir, weil 
ich ihn nicht wie sonst in Feld und Wald besuchen 
kann." Die Schwester brach ein Zweiglein und 
legte es in die abgezehrte Hand der Kranken. 
Sie freute sich darüber, aber der Apfelbaum noch 
viel mehr und beneidete wahrlich nicht die Bäume, 
die auf der Promenade standen und geputzte 
Menschen bewundern konnten. 
Kräftig hatte seit Wochen die Sonne geschienen, 
der frische Frühlingswind hatte die Erde ausge 
trocknet, und alles sehnte sich nach einem er 
quickenden Regen. Da umzog sich der Himmel 
mit dunklem Gewölk, und eine schwüle, bedrückende 
Luft wehte von Westen her. Bang und doch selig 
schauerten die Pflanzen und jegliche Kreatur dem 
nahenden Frühlingsgewitter entgegen, denn alles 
fühlte, daß das segnende Naß, welches der Himmel 
unter Blitz und Donner spenden wollte, ein Blühen 
und Grünen ohne Gleichen hervorzaubern werde. 
Auf den Treppen und Gängen des großen 
Hauses war reges, doch geheimnißvolles Leben. 
Viele Menschen gingen hin und her und trugen 
mancherlei Gegenstände herbei. Sie verrichteten 
alle schweigend ihre Obliegenheiten, und man konnte 
wohl merken, daß auf ihnen das Vorgefühl 
eines drohenden, schmerzlichen Ereignisses lastete. 
Jetzt kam der Professor die breite Treppe herauf 
geschritten, gefolgt von seinen Gesellen — so nannte 
sie wenigstens der Apfelbaum —, und alle waren 
in lange weiße Gewänder gehüllt. Hätte dem 
Apfelbaume nicht so bange sein mitfühlendes Herz 
geschlagen, dann wären sie ihm schier komisch vor 
gekommen, die martialischen Gestalten, wie un 
schuldige Chorknaben gekleidet, mit kecken Schnurr 
bärten und Kneifern aus der Nase. Der Professor 
betrat das Zimmer der Kranken und sprach zu 
ihr mit bewegter Stimme: „Die entscheidende 
Stunde ist gekommen. Liebe Frau, nun zeigen Sie 
Muth und Kraft, und vertrauen Sie auf Gottes 
Gnade und meine Geschicklichkeit!" 
Die Kranke konnte nichts erwidern, sondern 
reichte ihm nur die Hand und neigte zustimmend 
das Haupt. Ein großes Gestell mit Kissen und 
Decken wurde hereingetragen. Im Nebenzimmer 
hantirten unterdeß die „Gesellen" mit blitzenden 
Instrumenten, thaten sie in kochendes Wasser und 
polirten sie. Manchmal drang ein leises Klirren 
der zusammenstoßenden metallenem Geräthschaften 
bis zum Ohr der lauschenden Patientin, dann 
klang es leise von ihren Lippen: „O, diese Folter 
qualen!", sonst lag sie still und ergeben in ihr 
schweres Schicksal. Der Professor näherte sich ihr 
jetzt und legte einen Schwamm auf ihr Angesicht, 
von welchem ein scharfer, betäubender Geruch aus 
ging, den sogar der Apfelbaum verspürte. 
Verzweiflungsvoll wehrte sie sich, ihre Hände 
schlugen, ihre Brust arbeitete krampfhaft, bis sie 
endlich leblos in sich zusammen sank. Todten- 
, ähnlich waren ihre Gesichtszüge, schlaff und regungs 
los ihre Glieder. Schnell wurde mit einem leichten 
Vorhang das Fenster verhüllt, und der Apfelbaum
	        

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