Full text: Hessenland (10.1896)

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Honigkuchen. Landgraf Wilhelm IV. ließ den 
Kasseler Schützen, um sein Einverständnis! mit 
deren Bestrebungen zu bekunden, auf der Nord 
spitze der Halbinsel zwischen der großen und kleinen 
Fulda einen Schießstaud anweisen und stiftete zu 
gleichem Zwecke Geldpreise für gute Schießleistungen 
im Betrage von 12 Gulden jährlich (Herrengabe), 
um die besondere Preisschießen etwa am dritten 
Oster- und dritten Pfingsttage wie am Geburtstage 
des Landgrafen veranstaltet wurden. Auch die 
korporative Gestaltung der Kasseler Schützen machte 
unter ihm durch die Ordnung von 1553 be- 
merkenswerthe Fortschritte. Aus dieser ältesten, 
schon recht umfangreichen Ordnung sei hervor 
gehoben, daß an der Spitze der Schützen zu Kassel 
ein Schützenmeister stand, der die Leitung hatte. 
Neben Bestimmungen über die Einrichtung des 
technischen Betriebs und die Ausrüstung der ein 
zelnen Schützen enthielt diese Ordnung solche über 
die nöthigen Sichcrheitsregeln, gab Anleitung für 
anständige Unigangsformen und suchte zu ver 
hindern , daß die Schießübungen willkommene 
Gelegenheit zu Gelagen und Völlerei böten. Wer 
die Bestimmungen der Ordnung übertrat, hatte 
Strafe zu zahlen, die für die Einzelfälle des 
Näheren festgesetzt war. Die Beträge sind zwar 
nach unseren heutigen Begriffen recht niedrig 
bemessen, da der höchste Satz sich auf 1 Albus 
bezw. 12 Pfennig belief, doch sind die damaligen 
Verhältnisse dabei in Betracht zu ziehen. Die 
höchsten Strafen standen auf Fortsetzung von 
Zanken und Schlagen der Schützen unter einander 
nach behufs Ausgleichung geschehenem Eingreifen des 
Schützenmeisters und daneben auf über das Läuten 
der Bierglocke (8 Uhr Abends) hinaus fortgesetztes 
Zechen. Aus den den Betrieb des Schießens 
betreffenden Bestimmungen sei hervorgehoben, daß 
mit schwebendem Arm geschossen werden mußte, 
ohne den Arm nach dem Leib zu in sich zu 
beugen, bei Verlust des Schusses und Strafe 
nach Erkenntniß der Schießgesellen. Mit ge 
federten oder gefälschten Kugeln zu schießen oder 
mit gereistem Rohr war streng verboten. Wer 
mit falschem Zeuge betroffen wurde, sollte sein 
Schießzeug verloren haben und nach Erkenntniß 
der Schützen gestraft werden. Im Stand selbst 
durfte nicht geladen werden. Neben dem Herren 
schuß. der Bewerbung um den vom Landesfürsten 
gesetzten Preis, bestand der Ritterschuß, die Be 
werbung um den von den Schützen selbst ge 
stifteten Preis, zu dem ein jeder Theilhaber des 
Sckießens 2 Pfennig beizusteuern hatte. Dem 
Gewinner beim Ritterschusse fiel außer der Summe 
der Einlagen das Vorrecht zu, beim Aus- und 
Einmarsch das „Kleinod", einen silbernen Schild 
an silberner Kette, um den Hals zu tragen. Dieses 
Kleinod stammt aus dem Jahre 1559. Auf der 
äußeren Seite des Schildes ist in getriebener 
Arbeit oben rechts der hessische Löwe sichtbar, 
links das Stadtwappen und in der Mitte eine 
an einem Pfahle hängende Scheibe, die von zwei 
Löwen gehalten wird. Auf der inneren Seite 
befindet sich die Inschrift: „Dis Kleinoht ge- 
hoert den Scheibenschützen zu Cassel undt haben 
das samptlich gezeuget 1559". 
Im Jahre 1594 wurde das Bedürfniß nach 
einer neuen Schützenordnung rege, in welcher die 
Einzelheiten der Unterweisung der Schützen be 
sonders in den Vordergrund traten. Es mußte 
dies ein recht beschwerliches Geschäft sein, denn 
allein zum Laden und Feuern bedurfte es 28 
verschiedener Tempos. Wer noch nicht ordentlich 
schießen konnte, sollte nicht zum Scharfschießen 
zugelassen werden, sondern vorläufig nur lernen, 
„wie sie hurtig abschießen und laden mögen. 
Die aber, so mit ihren Gewehren Bescheid wissen, 
sollen vor der Scheibe stehend, auch gehend itom 
nach einem gegebenen Ziel reihen- oder glieder 
weise nach Gelegenheit geübet werden". Hinsicht 
lich des Anzuges der Schützen herrschte die größte 
Willkür. Man trug Wämser, Beinkleider, 
Strümpfe, Stiefel von beliebiger Farbe und be 
liebigem Schnitt. Der Schützenmeister war durch 
eine Feder am Hute bezeichnet. Für die Wämser 
war als Stoff Leder oder Leinen vorgeschrieben, 
Barchent dagegen als feuergefährlich verboten. 
Eine Heranziehung bezw. Ausbildung zum Wacht- 
dienst scheint damals noch nicht stattgefunden zu 
haben, wohl aber lernte man „mit den Rohren 
Reverentz thun". 
Neben dem Schießen wurde auch gekegelt und 
zwar mit fünf Kegeln. Ein eigenes Schützen 
haus bestand jedoch noch nicht; ein seitens der 
Schützen im Jahre 1617 an den Landgrafen 
gestellter Antrag, ihnen ein Schützenhaus zu er 
bauen, fand kein Gehör. 
Geschossen wurde bei den gewöhnlichen Uebungen 
in der Regel mit der Pirschbüchse, an deren 
Stelle wohl auch „Musqueten oder Luntenrohre" 
zulässig waren, wenigstens betonte der Veranstalter 
des Ziegenhainer Freischießens von 1627, der 
dortige Kommandant Oberstlieutenant Otto 
Reinhard von Dalwigk, daß einem Jeden 
freistehe, die Muskete zu gebrauchen. *) 
Man schoß mit diesen Gewehren auf die Ent 
fernung von 250 Ellen. Dieselben waren übrigens 
*) Ueber diese Waffe findet sich Näheres bei August 
Edelmann, „Schützenwesen und Schützenfeste der deut 
schen Städte vom 13. bis 18. Jahrhundert. München 
1890". S. 20-26.
	        

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