Full text: Hessenland (10.1896)

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dieser Erlaubniß ungesäumt Gebrauch, entledigte 
mich meiner Fußbekleidung und legte mich auf 
die Decke des Bettes der alten Frau, woselbst ich 
die Nacht in ruhigem Schlaf verbrachte. 
, Die Gunst der Wirthsmutter hatte ich mir 
aber offenbar dadurch erworben, daß ich mich 
zuweilen in der Küche bei sie an den Herd setzte, 
wo sie, ein kurzes Pfeifchen schmauchend, ein buntes 
Tuch um den Kopf, auf einem Schemel zusammen 
gekauert verweilte und mir aus ihren Jugend 
erlebnissen Manches erzählte, was ich zu ihrer 
sichtbaren Befriedigung, die Friedenspfeife mit 
ihr rauchend, ruhig und beifällig anhörte. Es 
war eine kluge alte Frau, diese Frau Schmitt, 
mit lebhaften Augen und einem stark hervortreten 
den Bart über dem großen Munde. Es läßt sich 
denken, daß ich am Morgen nach dieser Nacht, 
als meine Schlafstelle bekannt wurde, nicht wenig 
voir den Witzeleien und Spottreden meiner Be 
kannten zu leiden hatte. Aber „honny soit, qui 
mal y pense“ antwortete ich. Jedenfalls hatte ich 
aber ein besseres Nachtlager gefunden, als die 
jenigen meiner Genossen, welche auf Frucht- oder 
Heuhaufen der „safranfarbigen, rosenfingerigen 
Eos" entgegengeschlummert hatten. Es wäre 
mir ja ein Leichtes gewesen, der geschilderten 
unangenehmen Lage zu entgehen, wenn ich das 
freundliche Anerbieten des Anitmanns Frank 
aus Schackau, zu dem ich in verwandtschaftlicher 
Beziehung stand, in seiner Wohnung die Nacht 
zuzubringen, angenommen hätte. Aber die Gesell 
schaft lieber Freunde war ja so anregend, daß 
ich mich nicht entschließen konnte, aus deren Kreis 
schon früher zu scheiden und mit Herrn Amtmann 
Frank nach Schackau zu gehen. Nun, ich tröstete 
mich am Morgen mit dem Spruch: „Wer will 
haben ein Genieß, muß auch dulden den Ver 
drieß." 
Im Laufe des auf diese Nacht folgenden Tages 
kam unser lieber Bekannter, der gräflich Froh- 
berg'sche Oberförster Reis aus Schackau, den 
auch schon längst der grüne Rasen deckt, in unsere 
Gesellschaft von Gersfeld zurück, woselbst er bei 
seinem Herren Geschäftliches zu erledigen gehabt 
hatte, und überbrachte uns eine Einladung des 
Grafen zu einem anr anderen Abend stattfinden 
den Tanzvergnügen. Die Mehrzahl von uns war 
aber nicht im Stande, dieser Einladung Folge zu 
leisten, weil deren Garderobe, namentlich die durch 
das viele Tanzen schadhaft gewordene Fuß 
bekleidung sich nicht in einer Verfassung befand, 
daß deren Besitzer in so vornehmer Gesellschaft 
sich hätten vorstellen können. Nur vier von uns 
erklärten sich bereit, der Einladung Folge zu 
eisten. Es wurde also den anderen Morgen von 
Kleinsassen aufgebrochen, um unter Führung des 
Freundes Reis über Weyhers nach dein 3 '/2 
Stunden entfernten Gersfeld zu ziehen lind dort 
dem Grafen unsern Besuch abzustatten. 
Als wir nach Weyhers kamen, woselbst der als 
strenger Herr bekannte Landrichter König seinen 
Gerichtssitz hatte, stellte uns auf der Straße ein 
königlicher Brigadier und verlangte von uns als 
Ausländern unsern „Vorweis" (Reisepaß). Wir 
Studenten waren bereits vor unserer Abreise nach 
Bayern vor der dortigen Paßplackerei gewarnt 
worden, hatten deshalb unsere in lateinischer 
Sprache abgefaßten Universitätsmatrikeln mit 
genommen, uin uns nöthigenfalls answeisen zu 
können, wer wir seien. Diese zeigten wir nun 
auch dem der lateinischen Sprache unkundigen 
Wächter des Gesetzes vor, welcher sich mit den 
zutreffenden Namen unserer Person und dem 
großen Siegel begnügte und uns die Urkunden, 
deren Siegel er salutirte, als genügend zurück 
gab, Oberförster Reis wurde als bayerischer 
Staatsangehöriger ohnehin nicht beanstandet. 
Aber nicht so der Thierarzt G. L. aus Fulda, 
der sich, auf dem Rückweg von Kleinsasscn dahin 
begriffen, in unserer Gesellschaft befand und keinen 
„Vorweis" bei sich führte. Er wurde, trotzdem 
daß wir für ihn eintraten, für verhaftet erklärt 
und in das Landgerichtsgefängniß abgeführt, 
während wir Andern uns in das Gasthaus zum 
Frühschoppen begaben. Während wir dort über 
Mittel und Wege beriethen, die geeignet wären, 
den Reisegefährten aus seiner Gefangenschaft zu 
befreien, trat der gestrenge Herr Landrichter, von 
allen ehrfurchtsvoll begrüßt, in das Gastzimmer, 
setzte sich an unsern Tisch und bestellte sich „eine 
Holwe". Wir stellten ihm uns vor, und die 
Unterhaltung war bald im Gange. Da wurde 
denn des Arrestaten gedacht und der Landrichter 
gebeten, denselben, der doch nur wegen Ueber- 
tretung der Paßordnung verhaftet worden und 
dessen Pekson uns allen bekannt sei, zu ent 
lassen. Da lächelte derselbe aber höhnisch und 
sagte: „Ja wenn's das allein wäre, dann hätte 
ich dem Thierarzt schon wieder die Freiheit ge 
geben, aber, denken Sie sich, der Mensch hat in 
seiner Brieftasche auch noch Galanteriewaaren bei 
sich geführt und dafür muß so ein Galanterie- 
händerln vierundzwanzig Stunden brummen unter 
Wegnahme der Waare." Wir konnten uns nicht 
enthalten, herzhaft zu lachen und das Verfahren 
gegen G. L. zu billigen. „Nun lassen Sie uns 
eine trinken", forderte uns der Landrichter auf. 
Das wurde auch getreulich befolgt ltitb eine an 
genehme Stunde in Weyhers verbracht. Als wir 
uns zum bereiteten Mittagessen eben niedersetzen
	        

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