Full text: Hessenland (10.1896)

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und Licht und jede Aussicht auf das weite Land, 
durch das sich der Fluß silbern schlängelte. Der 
alte Baum stand träumend im Sonnenschein, 
der ihn, den alten knorrigen Gesellen, noch nicht 
mit graugrünen flaumigen Ouästchen, in denen 
die Blätter, enge zusammengedrückt, ruhen, ge 
schmückt hatte. 
Wie schön war es doch früher gewesen, als er noch 
dem ersten Frühlingsrufe gefolgt war und unter allen 
Bäumen am frühesten grünte, wie es einem jungen, 
lustigen Gesellen auch zukam. Damals hatten auf 
der Burg noch kühne Ritter gehaust, und er hatte 
hinab geschaut, wenn sie mit Fahnen und klingen 
dem Spiel zur Fehde oder zum Turnier ge 
zogen, und hatte sie zurückkehren sehen, sieggekrönt 
und mit Beute beladen. Das Burggärtlein 
hatte sich bis hierher ausgedehnt, zarte blond- 
zöpfige Burgfräulein waren gekommen und hatten 
in seinem Schatten gesessen, und stattliche Junker 
hatten sich zu ihnen gesellt. Liebesschwüre waren 
im dämmernden Abend verhaucht, und schwere 
Abschiedsseufzer hatte er mit anhören müssen. 
Die blonden Ritterfräulein waren wieder ge 
kommen, aber die Ritter blieben oftmals aus. 
Sie waren vielleicht im Kampf gefallen oder 
waren lockere Vögel, die die Schwüre vergessen 
hatten, denn die Welt wird damals nicht anders 
gewesen sein, wie heute. Die blonden Mägdlein 
aber weinten, daß dem jungen, heißblütigen 
Apfelbaum vor Mitgefühl alle Pulse klopften. 
Abends hatten sich unter seinem Blüthendache 
die Gnomen und Bergmännlein versammelt und 
hatten tolle Scherze getrieben, auch wußten sie 
von wunderbäreu Dingen zu erzählen, denn die 
vielhundertjährigen Bergmännlein waren wohl- 
erfahrene Leute und hörten alles, was auf Erden 
und unter der Erde passirte. Von gräulichen 
Spukgeschichten, die sie mit Vorliebe auftischten, 
war aber der Apfelbaum kein Freund. Wenn 
er einsam in dunklen Nächten stand und der 
Sturm ihn umtoste und er dabei denken mußte, 
die wilde Jagd mit Wotan an der Spitze sei es 
selber, sträubten sich seine Blätter, zur Winters 
zeit seine kahlen Zweiglein. 
Diesen Erinnerungen gab sich eben der alte Baum 
wehmüthig hin, da kam ein kleines Meisenpärchen 
angeflogen. Die kecken Vögel waren aus dem 
Süden zurückgekehrt und wußten noch nicht, wo 
sie ihr Zelt aufschlagen sollten. Früher hatten 
sie immer in den Gärten genistet und hatten 
gute Freundschaft mit dem alten Apfelbaum ge 
halten. Jetzt aber thaten sie sehr verächtlich und 
meinten, das wäre ja hier ein verlorener Posten. 
Sie wollten lieber auf der Promenade wohnen 
und geputzte Menschen sehen, keine geschwärzten 
Küchenmägde und arme, blasse Kinder. Da riß 
aber dem Apfelbaum der Geduldsfaden und er 
nannte sie herzloses Gesindel. Er habe auch 
bessere Zeiten gesehen, ihm habe man nicht an 
der Wiege gesungen, daß er später so weit aus 
aller hochadligen Umgebung herausgedrängt werden 
würde, — — und er freue sich doch, wenn die 
armen, blassen Kinder aus den Hinterhäusern 
kämen und meinten, er, der einzelne Baum, wäre 
der Wald, von dem ihnen die alte Wase in der 
Ofenecke erzählt habe. Sie spielen Rothkäppchen, 
und ein kleiner herziger Junge beschützte immer 
liebevoll sein schwächliches, schiesbeiniges Schwester 
chen. Auch wenn die hübsche Küchenmarie hier 
des Abends mit ihrem Schatz zusammentrifft, so 
breitet der Baum über sie ebensogut behütend 
die Aeste aus, als früher über die Schloßfräulein. 
Er hört gern ihr fröhliches Geplauder und wenn 
eigenthümliche Laute durch die Luft schallen, als 
wenn Rosenblätter auf der flachen Hand zerknallt 
würden, dann schüttelt er sogar tüchtig seine 
Gezweige, daß unbefugte Ohren nur das Rauschen 
der Aeste hören. Die kleinen Vögel wippten 
mit den Schwänzchen, drehten blitzgeschwind die 
zierlichen Köpfchen, schlüpften durch die Zweige 
und sagten schließlich: „Du mußt deine Bau 
plätze an andere Vögel vermiethen, wir wollen 
lieber in ein vornehmeres Stadtviertel ziehen", 
und husch, husch waren sie hinweg. 
Der Apfelbaum war tief gekränkt. Er spürte 
die treibenden Kräfte in sich, die ihm bald grünen 
des Laubdach verleihen, ihn mit tausend und 
abertausend Blüthen schmücken und endlich gol 
dene Früchte in seinen Zweigen reifen lassen 
würden. Solch' herrliche Sommerwohnung 
verschmähten unkluge Vögel, die er immer liebe 
voll aufgenommen, beschützt und beschirmt hatte! 
Diesen trüben Gedanken wurde er indessen bald 
entzogen durch das rege Leben, welches sich nebenan 
in dem großen eben fertig gestellten Hause ent 
faltete. Ueber die breiten Korridore huschten 
schwarzgekleidete Frauengestalten, mit stillen, 
weißen Gesichtern, ernsthafte, feingekleidete Herren 
mit Brillen und kahlen Köpfen ertheilten Be 
fehle oder hielten sinnend den goldenen Knopf 
ihres Stockes an die Nase. Vorsichtig wurden 
stöhnende Menschen in Betten wohl verpackt hin 
und her getragen. „Aha", dachte der Apfelbaum, 
„das ist eine Klinik"; denn er war in einer 
Universitätsstadt alt geworden und konnte es 
beurtheilen. 
Seine Zweige reichten bis an ein dichtver 
hangenes Fenster. Wenn der Wind kam, so 
konnten sie sogar daran klopfen und thaten es 
auch oft ganz vernehmlich, in der Hoffnung, es
	        

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