Full text: Hessenland (10.1896)

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zurück, stand doch auch gar mancher von ihnen 
beim Scheiden mit größerer Summe auf dem 
Kerbholz, die zu tilgen erst besserer Einnahme 
in späteren Jahren vorbehalten blieb. 
Mit ihren fröhlichen Weisen empfingen die 
rühmlich bekannten Eckweisbacher Musikanten die 
Ankommenden. Dem guten Bier, der vom Wirth 
selbst zubereiteten Wurst, deni mit mehr oder 
weniger Recht erlegten Wild, den in den benach 
barten von Frohberg'schen Gewässern mit Vor 
sicht gefangenen Fischen wurde wacker zugesprochen, 
mit Frauen und Mädchen flott getanzt und an 
gemeinsamer langer Tafel fröhlichem Gesang ge 
huldigt. Dazu spielte der Frohberg'sche Aktuar 
Barth vom Patrimonialgericht zu Schackau unver 
drossen Klavier, und der königliche Rechtspraktikant 
Hypothekarius Bandorff aus Hilders, ein schon 
in höheren Semestern stehender Herr mit großer 
Glatze, mächtigem Schnurrbart und unergründ- 
lichem Durste, erzählte die gelungensten Jagd 
geschichten und Schnurren. Die liederkundigen, 
musikalischen Gäste spielten auch Guitarre und 
sangen dazu, wozu dann der Chorus, die an 
wesenden Frauen hinzugerechnet, munter einfiel. 
Diese unsere Fröhlichkeit und Jugendlust übte 
auf die übrigen Anwesenden eine solche Anziehungs 
kraft, daß fast alle anwesenden Herren, der 
Pastor loci nicht ausgenommen, sich der Tafel 
runde anreihten und wacker mitsangen, während die 
nicht tanzenden „Frauen im schönen Kranz" um 
uns herum an der Wand saßen. Als nun gar 
eines Tages zwei von Fulda herbeigeschaffte 
Mensurschläger ankamen, da wurde auch eines 
Abends der „Land es Vater" aufgeführt, wobei 
manchem ehrsamen Hausvater zum großen Ver 
druß der mitanwesendcu Frau Liebsten die Mütze 
durchbohrt wurde. Auch der stillvergnügte Pfarrer 
nahm Theil, hatte sich aber zur Schonung seiner 
Pastoralen Kopfbedeckung vom Wirth eine alte 
Mütze geborgt. 
Morgens nach dem Frühstück, das bei 
manchen nicht aus Kaffee oder Milch, sondern 
aus Bier, Wurst und Brod bestand, wurde bei 
günstiger Witterung ein größerer Spaziergang 
oder Ausflug in die Umgegend gemacht, bei 
Regenwetter aber die Kegelbahn stundenlang 
benutzt. Es kam auch vor, daß die ganze Gesell 
schaft, Männlein wie Weiblein, der Schreiber dieser 
Zeilen als tambour battant voraus, paarweise 
einen Spaziergang unternahm, wobei absichtlich 
die unbequemsten Wege eingeschlagen wurden. 
Kamen dann die Spaziergänger in die gast 
lichen Räume des vergnügt lächelnden Herberg 
vaters Schmitt zurück und war dort „die Be 
gierde nach Speise und Trank gestillt", so wurde 
von den Jüngeren entweder das Tanzbein ge 
schwungen, -- wozu die seit 4 Uhr aufspielende 
Musik die Gelegenheit bot —, oder mit den 
älteren Gästen bei einem Glas Bier, das bei der 
ungewöhnlich großen Anzahl von Gästen auf 
unserem Tisch aus zwei Gießkannen in die Gläser 
gefüllt wurde, und einer Pfeife Tabak, die damals 
noch nicht durch die Zigarre verdrängt war, in 
trautem Gespräch verbracht. An Unterhaltung 
fehlte es überhaupt nie. Diese brachte schon das 
beständige Kommen und Gehen der verschieden 
artigen Kirchweihbesucher mit sich; denn die 
Kleinsassener Kirchweih mußte eben jeder einiger 
maßen von Haus abkömmliche Angehörige der 
besseren Gesellschaft der Umgegend besucht haben, 
„anders that man es nicht", „sonst ging es 
nicht". 
Waren dann die auf ein Nachtlager bei Schmitt 
angewiesenen Gäste von den Leistungen des Tages 
ermüdet und suchten eine Ruhestelle, so war die 
Auffindung einer solchen, besonders wenn auch 
Frauen nächtigen wollten, bei der verhültnißmäßig 
großen Anzahl der Ruhebedürftigen, die mit den 
vorhandenen Betten in keinem Verhältniß stand, 
mit vielerlei Schwierigkeiten verbunden. Kam es 
doch vor, daß einige von den Gästen ihre matten 
Glieder in Ermangelung anderer geeigneter Lager 
plätze auf den auf deni Boden aufgespeicherten 
Fruchthaufen, oder auf dem Heu zum Schlafe 
ausstrecken mußten. „Doch was macht sich da 
der flotte Bursch daraus", dachten sie und legten 
sich dort nieder. Leider war ich bei einer der 
artigen Gelegenheit einmal in einer nicht geringen 
Verlegenheit, denn es bot sich für mich trotz alles 
Spühens kein Ort, an dem ich mein müdes Haupt 
hinlegen konnte, weil ich, mit dem vor einigen 
Jahren in Nordamerika verstorbenen Studiosus 
Karl Merz aus Fulda in anregende Unter 
haltung vertieft, wie dieser die Gelegenheit ver 
säumt hatte, eine geeignete Lagerstelle zu suchen. 
Während jedoch Merz mit dem Herbergsvater 
dessen Lager theilte, stand ich rathlos da und 
war eben im Begriff, zu dem mir als gastfrei 
bekannten Pfarrer zu gehen und um Aufnahme 
zu bitten, als der Wirth mehr im Scherz als 
im Ernst den Vorschlag machte, mich bei seiner 
Mutter, der „auf dem Wittwenstuhl sitzenden" 
Frau Schmitt, einer sehr alten Frau, bei der 
noch ein Kind schlief, unterzubringen. Rasch 
begab er sich in deren Schlafzimmer und trug 
ihr meine unerquickliche Lage mit der Bitte, mich 
aufzunehmen, vor. Es währte auch nicht lange, so 
kehrte Schmitt zurück und überbrachte die Antwort 
seiner Mutter: „Jo bann's der eß, der könn sich nebe 
mich geläg." Mit Befriedigung machte ich von
	        

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