Full text: Hessenland (10.1896)

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Patrimonialgerichtsbarkeit und die Privilegien der 
Grundherrn beseitigte und unter dem 28. März 1809 
auch die Allodifikation aller Lehngüter und die 
Verwandlung derselben in freies Eigenthum er 
folgte, war dies somit auch für das Gut Wette 
singen von Belang. Die wieder eingesetzte 
kurhessische Regierung erkannte diese Allodifikation 
jedoch nicht an, sodaß diese endgültig erst mit 
der im Jahre 1848 bewerkstelligten Ablösung der 
Lehnsverbände erreicht wurde. Anders war es mit 
der Patrimonialgerichtsbarkeit. Diese wurde schon 
im Jahre 1817 durch kurfürstliche Verordnung für 
immer aufgehoben. Mit ihrem Bestehen war jedoch 
schon vorher für die Ortseingesessenen kein Druck ver 
bunden gewesen, indem die Dienstpflicht derselben, 
welche in 52 Sichel- und Pflugdiensten bestanden 
hatte, nach einer von den von Kalenberg mit 
den Dienstpflichtigen getroffenen Abmachung längst 
in ein Dienstgeld verwandelt worden war. — 
Indem wir in alte ländliche Besitzverhältnisse 
einen Blick thun konnten, sahen wir, daß unseren 
Vorfahren an der Kontinuität derselben ungemein 
viel gelegen war; man veräußerte nicht blind 
darauf los, sondern suchte, wenn eine Veräußerung 
nicht zu umgehen war, möglichst den Zusam 
menhang mit der Familie des bisherigen In 
habers zu wahren, ein Grundsatz, dessen Beachtung 
auch für die Gegenwart von Segen sein dürfte. 
W. Grotefend. 
Moritz Gudenus. 
Von A. Heldmann. 
lFortsetzung.) 
Konvertiten pflegen, wenn sie einige Bedeutung 
und Stellung in der Welt haben, die Be 
weggründe ihres Schrittes öffentlich zu 
ihrer Rechtfertigung und anderen zur Ermun 
terung darzulegen. Ein Mann von der Be 
deutung, wie Gudenus, ließ dieses um so mehr 
erwarten, je ungewöhnlicher und aufsehenerregender 
sein Schritt in Hessen war, wo die Bevölkerung, 
abgesehen von den zerstreuten mainzischen Gebiets 
theilen, ungemischt war und seit Moritzens 
Regierung ausschließlich der reformirten Kirche 
angehören mußte. Gudenus hat jedoch bei seinen 
Lebzeiten eine solche Schrift nicht veröffentlicht. Er 
hatte sich in seinen Schreiben an die Räthe und 
den Superintendenten Stein in Kassel und an 
die Jesuiten zu Heiligenstadt genugsam darüber 
ausgesprochen und alles dargelegt, was sein Ge 
wissen bewegte. Erst nach seinem Tode kam eine 
solche Konversionsschrift unter dem Titel: „Mensa 
Neophyti septem panibus instructa a viro 
clarissimo domino Mauritio Gudeno“ im Jahre 
1686 an's Licht, welche jedoch weniger für seinen 
Uebertritt, als hinsichtlich der ihn nach demselben 
betroffenen Schicksale und seiner Lebenswege in 
der katholischen Kirche von Bedeutung ist. Da 
ist das Verlegenheitswort: „Woher nehmen wir 
Brod in der Wüste", das er oft gethan, und das: 
„sie aßen und wurden gesättigt" sein Bekenntniß 
im Rückblick auf seine Lebenswege seit dem Jahr 
1630. Wenn er das nicht auch bekennen würde, 
so würde das, meint er, ein Undank und Lüge 
gegen seinen gütigen Speisemeister sein. 
Zunächst ging mit seinem leiblichen Befinden 
eine wesentliche Aenderung vor. Die Beruhigung, 
welche seine Seele seit seinem Schritte empfand, 
theilte sich auch ihrem Gefährten, dem Leibe, 
mit. Gudenus war eine hagere Gestalt und galt 
vielfach als schwindsüchtig. Aber „diese göttliche 
Wohlthat meiner Gesundheit", schreibt er (Zeptern 
Laues, cap. 4), „ ist mir desto offenbarer und 
handgreiflicher, wenn ich mich meines Zustandes 
in vorigen Jahren noch erinnere". Da habe er 
sehr gefährliche Anstöße des Fiebers und Kopf 
schmerzen, wodurch er oft in Todesgefahr gewesen, 
unaufhörliche Flüsse, Halsverschwellungen, Zahn 
schmerzen und dadurch Mangel des Schlafes 
gehabt. Dieses wußten viele seiner Bekannten 
und schrieben seinen Uebergang zur katholischen 
Kirche seinen gewöhnlichen Krankheiten, dem 
Kopfschwindel oder gar einer Gehirnerschütterung 
und zugefallenem Aberwitz zu. Aber alsbald 
nach seinem Uebertritt habe ihn der himmlische 
Arzt von aller Betäubung und üblen Zustand 
des Leibes befreit. Die mit medizinischen Pulvern 
und Säften angefüllten Schachteln und Büchsen 
habe er im Hessenlande zurück-, und die Krank 
heiten ihn im Eichsfelde verlassen. „Was für 
Dank bin ich deswegen dem unsterblichen Gotte 
schuldig!" Gegen das Ende seines Lebens war 
er schwerhörig, ohne jedoch deshalb Beschwerden 
in seinem Amte zu haben. Die Ursache davon 
war, wie er selbst sagt, seine innerliche Ruhe und 
die Freude, zu der sein Gewissen gekommen war, 
denn vorher habe es ihm an Angst nicht gefehlt, 
weil er sich auf einem falschen Wege befunden, 
welcher dem aller Heiligen zuwider gewesen; 
„aber was sie geglaubt haben, glaube ich jetzt 
auch, was sie festgehalten, halte ich jetzt auch".
	        

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