Full text: Hessenland (10.1896)

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Wolf und Burchard von Steinheim bei den 
Oberlehnsherrn in Paderborn und Hessen gleich 
zeitig klagten. Die hessische Regierung entschied 
im Jahr 1590 diese Streitigkeiten zwischen 
den Parteien dahin: daß Hermann von Kalen 
berg die den Steinheims vorenthaltenen Zinsen 
und Gefälle von 1577—1590 gänzlich heraus 
zuzahlen habe, und gab den Beklagten ferner ans, 
die Beträge, für welche den v on Steinheim einst 
das Gut zu Wettesingen verpfändet war, in 
Gemeinschaft mit den Pappenheims zurückzuzahlen, 
also den Wettesinger Meierhof in aller Form 
einzulösen. Auf Grund dieses Entscheids wurde 
schließlich zwischen den Parteien ein Vergleich 
geschlossen, durch den die Steinheims mit der 
Zeit zu ihrem Gelde kamen und abgefunden 
wurden. Der Meierhof in Wettesingen blieb 
fortan auf lange Zeit in Besitz der stammes 
verwandten Familie von Pappenheim-Kalenberg. 
Fragen wir nach den Gründen, aus welchen 
Hermann von Kalenberg so sehr danach ver 
langte, das Gut zu Wettesingen selbst wieder 
in die Hand zu bekommen, so sind diese leicht 
zu ersehen. Die Zeiten hatten sich geändert. 
Die grausame Nothwendigkeit, nichts anderes 
wird es gewesen sein, was die Kalenbergs zwang 
allen ihnen noch zustehenden Landbesitz wieder 
an sich zu bringen zu eigener Bewirthschaftung. 
Aus dem alten Meierhof war, wie so häufig, 
der Hauptbestandtheil eines Rittergutes geworden. 
Daß man sich der alten Rechte auf so lange 
hinaus so gut bewußt war, zeugt von dem 
lebendigen, sich von Generation zu Generation 
vererbenden geschichtlichen Sinne unserer Alt 
vorderen. 
Bis zum Aussterben des Mannesstammes der 
Niederhaus Westheim'schen Linie des 
Hauses Kalenberg, welches am 30. Dezenrber 1813 
mit dem Freiherrn Johann Werner von Kalen 
berg erfolgte, vererbte das Wettesinger Gut, das 
nicht nur aus dem alten Meierhvf, sondern auch 
aus sonstigem Besitz der Familie bestand, in 
derselben weiter. Da damals von sämmtlichen 
Linien des Hauses Kalenberg nur noch die heute 
noch blühende reichsgrüflich-süchsische Linie 
bestand, ging das Gut auf dieselbe über. Mit 
diesem Uebergang waren indessen wiederum 
Weiterungen verknüpft. Neben den Angehörigen 
des reichsgräflichen Zweiges, dein österreichischen 
Generalmajor und Käminerer Gras Joseph von 
Kalenberg (st am 3. Juli 1833), seinem Sohn, 
dem österreichischen Oberlieutenant, nachherigen 
Major Johann Nepomuk Karl Heinrich (st 1854), 
dem edlen Herrn und Grafen zu Lippe-Sternberg 
und Schwalenberg Bernhard Heinrich Ferdinand, 
dem Sohn des Grasen Karl Christian zu Lippe- 
Biesterfeld-Weißenfels und der Louise Henriette, 
Gräfin von Kalenberg (st 1799) zu Dresden, 
und der Charlotte Henriette Susanne Gräfin 
von Ranzau ans Schwarzenbeck, der Tochter des 
Grafen Kurt Heinrich von Kalenberg (st 1800), 
erhoben die Schwestern des verstorbenen Besitzers, 
bezw. deren hinterlassene Töchter gleichfalls An 
sprüche, über welche schließlich am 2. Juli 1824 
zu Münster ein Erbvergleich zu Stande kam. 
Das Gut erhielt nach diesem Abkomme» der 
eben erwähnte edle Herr und Graf zu Lippe- 
Sternberg und Schwalenberg ausschließlich, der 
aber aller Wahrscheinlichkeit nach seine Ver 
wandten abgefunden hatte. Dieser Graf zu 
Lippe war der letzte adelige Besitzer des Gutes 
Wettesingen. Im Jahr 1828 verkaufte er es 
nämlich für 12 550 Rthlr. an den Gutsbesitzer 
Wrisberg, der durch seine dorther gebürtige 
Frau, eine geborene Finis, Beziehungen zu dem 
Ort hatte, nachdem es vorher schon Jahre lang 
verpachtet gewesen war. 
Aus den fünf Husen zu Etzelkiesen, dem alten 
Meierhofe, war im Laufe der Zeit ein erheblich 
umfangreicheres Besitzthum erwachsen, das die von 
Kalenberg, wie wir sahen, gegen Ende des 
16. Jahrhunderts zusammengefaßt hatten. Außer 
dem Meierhofe besaßen sie dort noch fünf Hufen, 
mit denen die Aebtissin Margarethe von Heerse 
im Jahre 1551 sie belehnt hatte, daneben noch 
anderes hessisches und wohl auch Mainzisches 
Lehengut. Das hessische Lehngut bestand besonders 
in der Patrimonialgerichtsbarkeit und dem von 
Windcl'schen Hof. 
Uns interessirt nach den vorhergehenden Dar 
legungen am meisten der alte Meierhof, dessen 
Geschichte Gelegenheit giebt, die verwickelte Kom- 
plizirtheit mittelalterlicher Lehnsverhültnisse zu 
veranschaulichen. Wir wissen aus dem Vorher 
gehenden, daß die von Driburg, deren Stelle später 
Bertold Vrundcs und hiernach die von Steinheim 
einnahmen, in Bezug auf den Wettesinger Meierhof 
Lehnsträger der von Kalenberg waren, ebenso daß 
auch die mit ihnen stammverwandten von Pappeu- 
heim lehnsherrliche Rechte daran hatten. Ursprüng 
lich waren sie gemeinsam niit dem voll Kalenberg 
gleichberechtigte Inhaber und Lehnsherren ge 
wesen, doch hatte es sich dann formell so gestaltet, 
daß die letzteren Lehnsträger der ersteren geworden 
waren. Damit noch nicht genug, schwebte auch 
über denen von Pappenheim noch eine höhere 
Lehnsinstanz, nämlich die des Bischofs von 
Paderborn als obersten Lehnsherrn. 
Als die westfälische Herrschaft mit Einführung 
der 6»cks Napoleon am 1. Januar 1808 die
	        

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