Full text: Hessenland (10.1896)

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Distriktsoffiziers zu Rinteln, besuchte der Ver 
storbene das dortige Gymnasium, um später in 
Marburg Theologie zu studieren. Nach Vollendung 
seiner Studien wurde Hellwig im Juni 1837 Er 
zieher in dem landgräflichen Hessen-Barchfeldischen 
Fürstenhause. Am 9. Januar erfolgte seine 
Ordination, nachdem er bereits unter dem 10. De 
zember 1840 auf Präsentation des Freiherrn 
Riedesel zu Eisenbach seine Bestallung als Geist 
licher zu Beenhausen in der Klasse Rotenburg 
erhalten hatte. Dieses weitläufige, wegen seiner 
bergigen Lage oft recht schwer zu versehende Kirch 
spiel verwaltete er 27 1 /2 Jahre lang mit un 
verdrossener Freudigkeit, wobei er sich namentlich 
auch die Hebung des Unterrichts in den vernach 
lässigten Schulen angelegen sein ließ. Im Jahre 
1868 wurde Hellwig zum Hauptpfarrer der Alt 
stadt zu Rotenburg und Metropolitan daselbst 
ernannt. Aus seiner dortigen arbeitsreichen, ver 
dienstvollen Wirksamkeit wurde er am 5. bezw. 
28. Mai 1878 als Pfarrer und Metropolitan 
nach Felsberg, seiner letzten Amtsstütte, berufen, 
wo ihm am 9. Januar 1891 das Glück zu 
Theil wurde, in voller Rüstigkeit das 50 jährige 
Amtsjubiläum feiern zu können, zu dem ihm der 
rothe Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife und 
der Zahl 50 verliehen wurde. Die Theilnahme 
an diesem Ehrentage war eine sehr rege. Auch 
der frühere Zögling des Jubilars, Landgraf 
Alexis zu Hessen-Philippsthal-Barchfeld gedächte 
desselben huldvollst durch Schreiben und Spende. 
Am 18. Februar 1891 konnte dann von ihm 
im trauten Familienkreise mit seiner Ehefrau 
Henriette, geborene Nöding, noch das Fest 
der goldenen Hochzeit begangen werden. Die Ge 
meinde Felsberg wird ihres bis in seine letzten 
Tage überaus rüstigen Seelsorgers um so dank 
barer gedenken, als derselbe bei dem stilgerechten 
Umbau der Kirche zu Felsberg in den Jahren 
1882 und 188.3 Hand in Hand mit dem Bürger 
meister Fen ge die anregende und fördernde Kraft 
war. Von der Hand des verblichenen Metro 
politans besitzt die Pfarrei Felsberg eine recht 
werthvolle, mit großem Fleiße ausgearbeitete Chronik 
der Pfarrei und Stadt Felsberg, in die Einblick 
zu nehmen der Redaktion dieses Blattes von dem 
Dahingeschiedenen noch wenige Tage vor seinem 
Tode gütigst gestattet worden ist. 
Ein tiefer Kenner hessischer Geschichte! 
Unsern Lesern möchten wir die Kenntniß folgenden 
Machwerks nicht vorenthalten, welches unter dem 
Titel: „Die Kurfürsten von Hessen" nach 
den Hessischen Blättern in dem soeben im Berlag 
von Thormann & Götsch in Berlin erschienenen 
Buche: „Die Michelslieder" von Karl Brumm 
enthalten ist. 
Die Kurfürsten von Hessen. 
Wohl gab es einst der Herrscher viel, 
Die irdischer Krone Zweck und Ziel 
Gemeinen Sinns vergessen; 
Doch kam im ganzen römischen Reich 
An Schändlichkeit schier niemand gleich 
Den Kurfürsten von Hessen. 
Der Treue Sold — des Kerkers Hut, 
. i. Der Liebe Pfand — dem Herrn Dein Blut; 
Zur Habgier der Maitressen 
Verschachert schamlos Schaar an Schaar, 
Dem Leu'n dem Bären und dem Aar 
Vom Kurfürsten von Hessen! 
Nicht Einer in der ganzen Sipp', 
Der herzlos nicht, verlogener Lipp', 
Galt's Schätze zu erpressen. 
Mit Tück' und Frohn' gedrückt das Land; 
Von Gottes Gnaden, uns zur Schand', 
Ihr Kurfürsten von Hessen! 
Und wo ein Mann von Schrot und Korn 
Mit freiem Worte, edlem Zorn 
Sich stolzen Geists vergessen. 
Zu pochen auf sein gutes Recht, 
Da fiel zum Raub er dem Geschlecht 
Der Kurfürsten von Hessen! 
Und wo ein Weiblein, jung und frisch, 
Im Bauernhof, am Herrentisch, 
Der Schönheit Reiz besessen, 
Da floh das Glück zur Thür hinaus. 
Da schlichen sünd'ger Minn' in's Haus 
Die Kurfürsten von Hessen! 
Zu grauses Lied der Opfer Qual, 
Zu schreckvoll Bild der Sünden Mal! 
Es zog selbst Michel, dessen 
Geduldige Schaftsnatur vorbei. 
Die Schlafmütz' ab zu zorn'gem Schrei: 
„Fluch Dir, Tyrann von Hessen!" 
Und als die Stunde scholl durch's Land, 
Da Preußens Schwert getilgt die Schand' 
Der Throne, wurmzerfressen: 
Der Feigling allergrößter war 
Sammt seiner tück'schen Bastards-Schaar 
Der Kurfürst tapf'rer Hessen. 
Wo der Berfasser sein geschichtliches Wissen sich 
erworben hat, muß im Dunkeln bleiben. Daß 
seiner Ansicht nach die hessischen Fürsten den Titel 
„Kurfürst" von jeher, also auch schon zur Zeit 
des „römischen Reichs" besessen haben, erscheint 
gegenüber dem übrigen Zeug, welches er in ge 
schmacklosen, kümmerlichen Versen zusammenwirrt, 
noch als ein verhältnismäßig unbedeutender Irr 
thum. Woher er aber die Berechtigung zu der 
Behauptung nimmt, daß „im ganzen römischen 
Reich an Schändlichkeit den Kurfürsten von Hessen 
schier niemand gleich gekommen sei", und diese, 
unter ihnen so tüchtige, in ganz Deutschland 
und zum Theil in ganz Europa hoch angesehene 
Regenten wie Philipp den Großmüthigen, Wil-
	        

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