Full text: Hessenland (10.1896)

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weiter auf die oft allzu neugierige, tadelsüchtige 
Nachbarschaft, wie au demselben Hause: 
„Wer will wohnen an der Straßen, 
Der muß die Leute reden lassen", 
oder: 
„Sieh aus dich und die Deine», 
Dann schilt mich und die'Meinen", 
dcsgleicheil auf unnütze und unliebsame Gäste: 
„Wer zu dieser Thür eingeht 
Und sein Sinn ans's Schmarotzen steht, 
Der bleibe lieber draußen; 
Denn unsre Katz kann selber mausen", 
oder ans Geschäft und Beruf des Hausbesitzers, 
wie an einer Schwälmer Mühle: 
„Willkommen mein lieber Mahlgast, 
Bring alles, was du zu mahlen hast; 
Dann stell' ich die Mühle in Gottes Namen, 
Und fröhlich singen wir alle Amen." 
In ergreifender Weise wird hin und wieder 
deut Hausbesitzer die Vergänglichkeit dieses seines 
Besitzes zu Gemüthe geführt. So hält eine 
Hausinschrist zu Loßhausen dem Hausherrn und 
jedem andern, der sie lesen und beherzigen 
mag, täglich eine ernste Predigt mit den Worten: 
„Dies Haus ist mein und doch nicht mein; 
Wer nach mir kommt, wird's auch so sein", 
wie sich auch ein, aus die Ewigkeit gerichteter, 
das Zeitliche nicht hoch anschlagender Sinn kund 
giebt in jener anderen Hausinschrift: 
„Hier will ich ein wenig wohne, 
Bis mir Gott schenkt die Himmelskrone." 
Es ist leicht einzusehen, wie derartige Haus- 
inschriften oft recht heilsame Gedanken Und 
segensreiche Betrachtungen im Herzen des Beschauers 
anregen müssen, sei es, daß derselbe solche Mah 
nungen täglich vor Augen hat oder auch nur 
im Vorübergehen dieselben flüchtig erblickt und 
liest. Und wer konnte es vollends ermefsem wie 
gar manches Mal solche stumme Mahner, ohne 
daß die Welt es zu ahnen vermöchte, eine that 
sächliche Schicksalsführung zur Folge haben, wenn 
sie dem Vorüberziehenden eine gute Lehre mit auf 
den Weg geben. 
Die angeführten Beispiele — nur ein ver- 
schwilldeild kleiner Bruchtheil aller vorhandenen — 
können schon ein deutliches Bild von dem gottes- 
fürchtigen, redlichen, wenn auch oft derben 
Sinne geben, der aus jenen Inschriften und durch 
dieselben aus den unverdorbenen alten Schwäl- 
mern zu deren Söhnen und Enkeln redet, die 
den väterlichen Sitten leider nicht Überall treu 
geblieben sind, sondern mit theilweiser Verleug 
nung ihrer höchst malerischen, kleidsamen, kost 
baren und den „Bauernadel" (wie H. v. Pfister 
sagt) würdig repräsentirenden Tracht auch manche 
gute alte Sitte von sich abgestreift haben. Schämt 
sich doch heutzutage der Schwälmer seiner wirklich 
schönen Kleidung in anderen Gegenden. Hub doch 
erscheint derselbe nur in seiner Nationaltracht 
(selbstredend nicht in der schlechten Werktags-, 
sondern in seiner Staatskleidung) als das, was 
er wirklich ist. 
Solche Inschriften und malerischen Verzierungen 
aber, wie die angeführten, kommen heutzutage an 
neuerbauten Häusern nur noch höchst selten 
vor, und der Künstler unter den Weißbindern, 
die sich auf Frakturschreibeu und Malen ver 
stehen, werden immer weniger, sodaß über fünfzig 
Jahre vielleicht die Schwalmdörfer eine • ganz 
andere Physiognomie und sicherlich ein weniger 
vortheilhaftes Aussehen haben werden. 
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Dem Dichter gebt den Herrscherstad, 
Sein Deich ist diese ganze Mett, 
Die ganze Mett, allfoa sein Mort 
In sinn'ger Menschen Husen fallt. 
Dem Dichter. 
Änd lveit ich meine, dafz die Mett 
Out ist in ihrem größten Theil, 
Drum sag' ich, du noch mehr ich tvitl 
Der ganzen Menschheit. Otück und Heit: 
Dem Dichter gebt den Derrscherstud, 
Sein Deich ist diese ganze Mett, 
Die ganze Mett, allbiu sein Mort 
In sinn'ger Menschen Husen fällt! 
Sertin, 27. II. 1893. ' Julius M. Srunnf.
	        

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