Full text: Hessenland (10.1896)

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„Schelme" in „Herren" verwandelt. Der fraktur 
schriftkundige Weißbindermeister hatte das erstere 
Wort übertüncht und letzteres an dessen Stelle 
gesetzt. Höchst ergötzlich aber blieb es anzuschauen, 
wie durch die „Herren" immer noch die „Schelme" 
hindurchblickten, als wollten sich diese nun ein 
mal nicht austilgen lassen. 
Sogar der sogenannte „Rebus" beansprucht 
in den Schwälmer Hausinschriften sein gutes 
Recht. Der interessanteste derselben ist, wie ich 
mich erst letzter Tage noch selbst überzeugen 
konnte, noch heute in Wasenberg zu lesen. Er 
lautet folgendermaßen: 
Ich 4 1 3es [Herz] 
Und 8 mich [Gans] ge [Ringe], 
Doch [Leiter] schilt mich jeder [Mann], 
Gott ist cs, der es [Reeden] kann. *) 
(Deutung: Ich führ' ein treues Herz und acht' mich ganz 
geringe, doch leider schilt mich Jedermann; Gott ist cs, 
der es rächen kann.) 
Sehr oft, wie schon aus einem der obigen 
Beispiele hervorgeht, findet man den Namen des 
Hausbesitzers in eine Reiminschrift verwobeil. 
So war an einem Haus in Merzhausen bis in 
die 1860 er Jahre zu lesen: 
„Johannes Grein bin ich genannt, 
Merzhausen ist mein Vaterland." 
In Willingshausen, dem durch seine überaus 
anmuthige Lage und seine liebliche Waldum 
gebung ausgezeichneten und vollends durch Ludwig 
Knaus selbst zu einer gewissen Berühmtheit ge 
langten reizenden „Malerdorf", wo der gefeierte 
Meister der Ktlnst schon vor länger als 35 Jahren 
bedeutende, später init denr reichsten Erfolg, mit 
Ruhin und Ehre gekrönte Malerstudien gemacht 
hat, in diesem schönsten und stolzesten Schwälmer 
Dorfe steht heutiges Tages noch an einem Hause 
der recht derbe und nahezu unsittlich klingende 
Reim, der aber bei dem derben Geschmack der 
ländlichen Bevölkerung wohl kaum als unsittlich 
empfunden werden dürfte, übrigens von einer ge 
wissen Schwälmer Gourmandise Zeugniß giebt: 
„Ein Schweinebraten kalt 
Und ein Mädchen von neunzehn Jahr alt. 
Wer diese Speis veracht — 
Der bleibt ein Narr bei Tag und Nacht." 
Höchst merkwürdig und komisch klingt die 
Mischung von Ernst und Scherz in einem und 
demselben Spruch, welcher lediglich eine Posse 
zum Ausdruck bringen will, jedoch nicht ohne 
einen ernsten Hintergrund, sondern unter aus- 
*) An dem Hause in Wasenberg erblickt man an Stelle 
der hier im Texte in Klammern eingefügten Worte die 
entsprechenden Figuren: ein Herz, eine Gans, zwei Ringe, 
eine Leiter, einen Mann und eine» Rechen. 
drücklicher Voranstellung einer unbestrittenen 
biblischen Wahrheit, so wenig auch beides i n - 
hältlich sich zusammen reimen will, wie z. B. 
in Ransbach au einem Pferdestall, wo bekanntlich 
der Großknecht und Kleinknecht, welch letzterer 
an der Schwalm „der Jung" genannt wird, auf 
dem Stallboden zusammen schlafen: 
„Gott ist wahrhaftig und auch gerecht. 
Hier liegt der Jung und auch der Knecht. 
Ihr Jungfern, geht nun all herbei 
Und rath' mir, welches der Jung oder welches der 
Knecht sei." 
Weitaus überwiegend jedoch sind Sprüche 
ernsten Inhaltes, und nicht zum wenigsten Bibel 
sprüche, wie an einem Hause in Zella: 
„Christum lieb haben, ist viel besser, denn alles wissen", 
oder auch altdeutsche Sprüche, wie an einem 
Auszugshause in Leimbach der schöne Spruch zu 
lesen ist: 
„Mit Gott thu alles fangen an. 
So wirst du Glück und Segen ha». 
Des Menschen Fleiß garnichts gelingt. 
Wenn Gott nicht seinen Segen bringt." 
Ueberhaupt haben fast alle Hausinschriften, 
ob in ernstem oder heiterem, ob in geistlichem 
oder weltlichem Tone gehalten, irgend eine gute 
Tendenz, wie inan auf den ersten Blick an all' 
den guten Lebensregelit erkennt, welche da unserm 
Auge begegnen, wie in folgendem Spruch, der in 
Ascherode und mehreren andern Schwalmdörfern, 
— übrigens auch in meinem jetzigen Pfarrort 
Wolfsauger — zu finden ist und wie eine 
Warnung für untreues Gesinde klingt: 
„Ich kam einmal in ein fremdes Land, 
Da stand geschrieben an der Wand: 
Sei stille und verschwiegen. 
Was nicht dein ist, das laß liegen." 
Sehr häufig beziehen sich die Inschriften auf 
das Haus selbst, welches der göttlichen Obhut 
empfohlen wird, etwa init dem Spruch: 
„Dieses Haus steht in Gottes Hand, 
Gott bewahr' es vor Feuer und Brand", 
oder wie in dem kurzen, überall beliebten Sprüch 
lein, das mit dem Haus auch dessen Bewohner 
unter den Schutz des Höchsten stellt: 
„Gott bewahre dieses Haus 
Und alle, die gehn ein und aus", 
ferner auf die gemalten Blumen, mit denen es 
geziert ist, und die doch mit den lebendigen, aus 
Gottes Schöpferhand entsprossenen Blumen nicht 
zu vergleichen sind, wie an einem neueren Haus 
in Zella: 
„Blumen malen ist gemein. 
Aber den Geruch zu geben, das kann Gott allein",
	        

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