Full text: Hessenland (10.1896)

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An demselben Stalle stand unter einem Esels 
bild ein Räthsel, dessen Lösung m. W. dem ganzen 
Dorfe unklar blieb: 
„Es ist einer gestorben und nicht begraben. 
Hat Gott gedient und ist doch nicht selig worden." 
(Nämlich des Heilands Esel.) 
In Lvßhausen findet sich der Spruch: 
„Die Leute sagen immer: 
Die Zeiten werden schlimmer; 
Die Zeiten bleiben immer. 
Die Leute werden schlimmer." 
In dem Balken über der Thür des oben er 
wähnten Zellaer Stalles findet sich, vom Zimmer 
mann eingebrannt, noch heute die ernste und 
schone lateinische Inschrift: 
„Spes mea est in Christo“; 
desgleichen in dem Thürbalken eines Hauses in 
Lvßhausen „ora’et labora“. 
An einem Auszugshaus iii Zella steht das 
Wort ernster Mahnung: 
„Bedenke Mensch das Ende, 
Bedenke deinen Tod" 
uild an einem anderen: 
„Hin geht die Zeit, her kommt der Tod, 
O Mensch, thu recht und furchte Gott." 
Ferner findet sich dort an einem Gebäude diese 
offene Vierzeile: 
Glaube ...... hörst k 
Sage ... ... weißt I 
nicht alles, was du } 
Thue kannst I 
v Richte siehst J 
An einem Hause desselben Orts, einem Nachbar 
haus des Pfarrhauses, stand, gleichsam als Motto 
des Hauseigenthümers, der unzählige Male von 
mir gelesene und schon von mir als Kind zu- 
sanimenbuchstabirte Reim: 
„Johann Konrad Baumgart bin ich genant. 
Und all mein Glück steht in Gottes Hand" — 
und daneben am andern Gefach: 
„Ich achte meine Hasser 
Gleichwie das Regenwasser, 
Das von den Dächern fleußt. 
Ob sie mir gleich nichts gönnen und auch nichts geben. 
So müßen sie doch sehen, daß ich lebe." 
An demselben Hause stand die Klage geschrieben: 
„Die Wahrheit ist gen Himmel gezogen. 
Die Treu ist über's Meer geflogen, 
Gerechtigkeit ist gar vertrieben. 
Untren allein ist auf Erden geblieben." 
In dem Dörfchen Gungelshausen ist an einem 
alten, fast baufälligen Hause zu lesen: 
„Was Adam that 
Nach Gottes Rath — 
Er baute Gottes Erde — 
Desselbengleichen thu' auch ich, 
Der Feldbau ernähr' mich 
Mit Weib und Kind und allem, was ich hab'." 
Im „Ernähren" oder „Nähren", wie es in 
diesem Spruch vorkommt und in unzähligen 
andern wiederkehrt, haben wir ein charakteristisches 
Merkmal nicht etwa der Volksdichtung, sondern 
dessen, was man so recht eigentlich mit „Bauern 
poesie" bezeichnen könnte. So fand sich vor 25 
Jahren, beiläufig gesagt, auf dem Friedhof zu 
Lohne, jenem angesehenen Dorfe im Kreis Fritzlar, 
von welchem das in Hessen allgemein bekannte 
Reimsprichwort gilt: „Lohne ist des Hessenlandes 
Kroire" — folgende höchst merkwürdige Inschrift 
auf dem Grabdenkmal eines Erschlagenen: 
„Allhier auf diesem irdschen Grunde 
Allwo du dich zu nähren dächtst. 
Da bekamst du diese Wunde, 
Die dich früh in's Grab gebracht." 
Ganz besonders interessant aber war mir von 
früher Jugend an bis in die neueste Zeit eine 
Inschrift an einem dicht an der Neukircher Post 
straße stehenden Gebäude zu Riebelsdorf, welche 
aus dem Jahre 1848 datiren soll und folgenden 
für danlalige Zeit einigermaßen charakteristischen 
Wortlaut hat: 
„Der Edelmann hat seinen eignen Trcwuth (= Tributs, 
Der Pfarrer spricht: ich bin frei, 
Der Schullehrer schreibt sich auch dabei, 
Der Soldat spricht: ich gebe nichts, 
Der Bettelmann spricht: ich habe nichts; 
So muß denn der Bauer den lieben Gott lassen walten 
Und diese Herren alle erhalten." 
Ursprünglich aber hieß es in der letzten Zeile 
nicht „Herren", sondern „diese Schelme alle 
erhalten". Die Verwandlung dieser „Schelme" 
in „Herren" hatte mein seliger Vater, welcher 
einige Jahre vorher noch Pfarrer des Kirchspiels 
Riebelsdorf gewesen war, indirekt veranlaßt. 
Eines schönen Tages — jedenfalls bereits in der 
sog. Reaktionszeit — wanderte ich als kleiner 
Knabe an des Vaters Hand des mir von Kind 
heit auf lieb und vertraut gewordenen Weges 
irach meiner Vaterstadt Neukirchen. An dem 
erwähnten Riebelsdorfer Gehöfte vorbeigehend, 
ließ sich mein Vater mit dein Besitzer desselben 
in ein freundliches Gespräch ein, wobei er u. a. 
auf die angeführte Inschrift deutete und scherzend 
zu dem Manne sagte, die „Schelme" an dem 
Gefach könnten ihm am Ende noch etwas zu 
schaffen machen. Dies schien in der That dem 
guten Manne nicht so unbedenklich und — was 
Wunder! — über ein Kleines hatten sich die
	        

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