Full text: Hessenland (10.1896)

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seinem Vaterlande zu dienen wünsche, so sei es 
doch auf die bisherige Weise nicht möglich. Der 
Fürst möge sein Thun nicht ungnädig ansehen, 
da es geschehe, um seine Seele zu retten, das zu 
bezeugen, er den wahren, lebendigen Gott anrufe. 
Es sei aber besser, alle Bequemlichkeit, die dem 
Fleisch und Blut lieb wären, aufzugeben, als 
wider Gott und sein Gewissen zu handeln. Er 
bittet noch um ferneren gnädigen Schutz für sich 
und die Seinen und schließt mit Segenswünschen für 
das hessische Fürstenhaus, Räthe und Vaterland. 
Gudenus trat am Sonntag vor Mariae 
Magdalcnae Tag, 21. Juli 1630, in der Liebfrauen 
kirche zu Heiligenstadt über, wo er selbst tief er 
griffen nach der Predigt vor dem Chore zu dem 
versammelten Volke eine ergreifende Rede hielt über 
1. Mose 28, 16: Gewißlich ist der Herr an diesem 
Orte rc., indem er diese Worte von der katholischen 
Kirche auslegte, sodaß viele durch seine Worte zu 
Thränen bewegt wurden. Darauf las er mit lauter 
Stimme das katholische Glaubensbekenntniß und 
empfing das heilige Sakrament des Altars. 
Eine Wiederholung der Taufe, welche in der 
Neuzeit bei einer Konversion aus der nieder- 
hessischen Kirche vorgekommen, mnthete man 
diesem Diener derselben nicht zu. 
Gleichzeitig konvertirte, wie oben bemerkt, der 
Pfarrer Aron Crusemanu zu Eschwege, eine 
geistig weit geringere Persönlichkeit, als Gudenus.*) 
Crusemanu sagte damals zu Gudenus: „Wir 
werden unsere besten Tage auf der Welt gehabt 
haben." Das Wort erfüllte sich bald. Cruse- 
mann lebte noch 10 Jahre nach seiner Konversion; 
er wurde mainzischer Schultheiß zu Fritzlar, wo 
er, wie seine Wittwe bezeugte, unter brünstigem 
Gebet und standhaft im Bekenntniß des katholischen 
Glaubens starb. Seine Frau und Kinder waren 
ihm in der Konversion zur katholischen Kirche 
nicht gefolgt, während dem Gudenus seine Frau 
und Kinder in die katholische Kirche und die 
nun folgenden bösen Tage folgten. Ob des 
Gudenus Schwager, der Superintendent Stein zu 
Kassel, und der Superintendent des Eschweger 
Bezirks, Hermann Fabrouius, von den Neigungen 
beider Geistlichen zuvor Kenntniß gehabt und ob 
und wie sie denselben kraft ihres oberhirtlichen 
Amtes zu begegnen gesucht, entzieht sich unserer 
Kenntniß. Landgraf Moritz, vor dessen Zorn 
und Ungnade sich Gudenus so sehr gefürchtet, 
sprach ihn wegen des Uebertritts von aller Geld- 
und Ehrsucht ohne Bedenken frei. 
*) Von Crusemänn's Konversion wird in Gndcnns' 
erstem Briefe an Landgraf Ernst vom 16. Februar 1661 
nichts erwähnt. 
(Fortsetzung folgt.) 
Ernst und Scher; in Inschristen und malerischen Verzierungen 
an Gefachen der Häuser im Schwalmgrunde. 
Von Metropolitan F. Riebeling zu Wolfsanger. 
u unserm Hessenlande und ganz besonders im 
lieben Schwalmthal hat von alten Zeiten her 
j dies jetzt leider immer mehr abnehmende Sitte 
bestanden, die vom dunkeln Gebälke umrahmten, 
hell schimmernden Gefache der Wohnhäuser, 
Scheuern und Stallungen durch oft sehr geschickt, 
mitunter-sogar künstlerisch ausgeführte Inschriften 
und Malereien zu verzieren. Ernst und Scherz 
wechseln darin mit bunter Mannigfaltigkeit und 
sind, ein beredter Ausdruck vom festen Glaubens 
leben des Volkes, wie von seinem gesunden, wenn 
auch oft derben^Sinne. Da findet man Sinn- 
und Denksprüche aller Art, oft heilig ernsten, 
aber auch toll lustigen Inhaltes; da erblickt 
man große Blumenschilder, bunte Schnörkelei, ja 
sogar Menschen und Thiere; da sieht man Sonne, 
Mond und Sterne, Häuser und Höfe, Blumen 
und Bäume, Pferde und Einhörner. Weise 
Lehren finden sich da in Bild und Wort. Sv 
zeichnete sich bis vor mehreren Jahren in Zella 
an der Schwalm namentlich ein Bauernhof durch 
verhältnißmäßig sehr kunstvollen Bilder- und 
Schriftschmuck aus. Da galoppirt auf dem 
einen Gefach am Pferdestall ein verwegener 
Reiter, hoch in die Brust geworfen, den Säbel 
über dem Haupte schwingend und die über dem 
Bildniß stehenden Worte rufend: 
„Ich hab' mhTeirttnal vorgenommen, 
Gerade durch die Welt zu kommen." 
Am anderen Gefach aber reitet derselbe, aus 
Hindernisse gestoßen, recht demüthig und vor 
sichtig, dicht auf den Hals seines Rößleins gebückt 
unter einem Zaune weg mit den Worten: 
„Bald mußt' ich sehn, es wollt' mir nicht glücken. 
Ich mutzt' durch die Welt mich drücken und bücken."
	        

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