Full text: Hessenland (10.1896)

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Schritt that. Wenn, wie gewöhnlich bei Kon 
versionen, sein Schritt dem Einflüsse der Jesuiten 
(zu Heiligenstadt) zugeschrieben wird, so ist dieses 
seinem Selbstbekenntniß nicht entsprechend. Gu 
denus ist nicht durch fremde Einflüsse, sondern 
vielmehr durch eigenes theologisches Studium der 
llnterscheidungs- und Kontroverslehren, namentlich 
durch Beschäftigung mit den Schriften B e l l a r m i n 's 
zu Zweifeln an der Schriftmäßigkeit des Calvinis 
mus gekommen, welche ihn endlich veranlaßten, 
am 4. Juli 1630 nicht bloß seinem Schwager, 
dein Superintendenten Paul Stein, sondern auch 
den fürstlichen Räthen zu Kassel von seinem 
Schritte Mittheilung zu machen. Er hatte jedoch 
diesen Vorsatz schon längere Zeit gehegt, ohne den 
selben auszuführen, da er sich der Folgen in einer 
Zeit, welche weder Religionsfreiheit, noch auch 
nur religiöse Duldung, sondern nur das rohe 
cujus regio, ejus religio kannte, dessen Anwendung 
er an sich selbst im Jahre 1624 hatte erfahren 
müssen, wohl bewußt war. Ein Uebertritt be 
deutete nicht nur ein Aufgeben seines Amtes, sondern 
zog auch das der Freundschaft und des Vaterlandes 
Nach sich. Der Schritt war schon während seines 
Studiums zu Marburg in ihm rege und während 
seiner Amtszeit daselbst reif geworden, je mehr er 
sich mit den Schriften Bellarmin's beschäftigte. 
Für den Bellarmin, seinen geistlichen Vater, 
hegte er zeitlebens eine kindliche Liebe, er 
nennt ihn einen Mann, der alles Lob über 
treffe, dessen gottseligster und auserwählter Seele 
sich fein Gemüth unsterblichen ewigen Dank zu 
fagen freue. Er rechnete es sich zum höchsten 
Glück, wenn er an Bellarmin's Grab würde 
haben beten können, und schenkte die Werke dieses 
katholischen Theologen der Jesuitenbibliothek zu 
Heiligenstadt, damit sie jedem, der sie zum Heil 
seiner Seele begehre, ausgelehnt würden. 
Lange Zeit verzögerte er seinen Uebertritt aus 
Furcht. Er konnte selbst seinen Schritt nicht gut 
heißen, wenn er an die Wohlthaten des Landgrafen 
bei seiner Ausbildung und an die Beförderungen 
und Ehren dachte, zu denen er Hoffnung hatte. 
Es war ihm namentlich wohl bekannt, daß Land 
graf Moritz einmal über einen zu Bremen 
konvertirten Hessen Namens Cäsar geäußert hatte, 
der Uebertritt desselben sei eine Schande für das 
ganze Hessenland, für seine Eltern und Freunde 
und das ganze Vaterland, aber Gott, meinte er 
später, werde darüber anders urtheilen, als die 
Einwohner in Hessen. Erst nachdem er von 
einer schweren Krankheit heimgesucht worden war, 
that Gudenus den lange beabsichtigten Schritt, 
und zwar durch ein Schreiben an die Jefuiten zu 
Heiligenstadt am 8. Juli 1630. 
In dem weiteren Schreiben vom 4. Juli an 
den Superintendenten Stein legt er ein unzwei 
deutiges Bekenntniß ab, daß „Jesus Christus 
wahrer Gott und Mensch und unser Heiland sei, 
und alle Gerechtigkeit und Seelenheil nur von 
seinem bittersten Leiden und heiligsten Tode 
kommen, daß er auch nicht das geringste Stück der 
Gerechtigkeit und himmlischen Seligkeit ohne den 
Herrn Jesum suche". Nach dem Inhalt dieses 
Schreibens waren es vornehmlich die Ueber 
treibungen der protestantischen Theologie und der 
Bruch mit der kirchlichen Vergangenheit unter 
Landgraf Moritz, welche den Gudenus in seinen 
Zweifeln bestärkt hatten. Er könnte nicht glauben, 
daß diejenigen Diener des Antichrists seien, welche so 
freundlich in der Wahrheit und Religion einmüthig 
übereinstimmten unter einem Richter, hingegen 
die Gottes Eigenthum, welche sich gegenseitig in 
Haß und Streit seindfelig zerfleischten und auf 
rieben. Er wolle daher seine und der Seinigen 
Seelen dem „heiligen Wege, dem sicheren und 
königlichen Wege lieber anvertrauen, als sie in 
das Dorngebüsch eines Luther und Calvin gerathen 
lassen". 
Am selben Tage richtete er, wie bemerkt, ein 
Schreiben an die fürstlichen Räthe zu Kassel, in 
welchem er wegen der ihm erwiesenen fürstlichen 
Wohlthaten sich pflichtschuldig erkennt, dem Vater 
lande nütze zu fein. In seinem theologischen 
Studium habe er die schwebenden Kontroverslehren 
durchlesen und befunden, daß es um die katholische 
Religion weit anders, als fast insgemein die 
calvinischen Doktores schreiben, predigen und daher 
die Leute beredet seien. So sei er zweitens in 
solcher Lektion in seinem Gewissen überzeugt 
worden, daß die Lehre der Katholischen dem 
Worte Gottes gemäß, die reformirte dagegen in 
vielen Stücken wider Gottes Wort und die 
heilige Schrift streite und es unmöglich sei, die 
letztere in allen Stücken aus der heiligen Schrift 
zu erweisen. Er sei auch drittens aus dem 
eigenen reformirten Lehrern überweiset, daß das 
ganze christliche Alterthum, darunter viel tausend 
Märtyrer und vortreffliche Lehrer, überall katholisch 
gewesen und dasselbe bekannt und geglaubt hätten, 
was noch heute die römisch-katholische Kirche lehre 
und glaube. Daher werde es ihm in Ewigkeit 
unverantwortlich sein, in seinem vorigen Stande 
zu verharren, und wolle lieber den Tod, als 
solche tägliche Anklage seines Gewissens ferner 
erdulden. Die Räthe möchten daher den Fürsten 
für ihn betrübten Menschen zunächst für alle 
Wohlthaten danken, für welche, sowie für des 
Fürsten ewiges Heil er stetig zu beten verpflichtet 
sein und bleiben wolle. Wenn er auch stets
	        

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