Full text: Hessenland (10.1896)

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würde uitb zeichnete sich in den folgenden Jahren 
in mehreren philosophischen und theologischen 
Disputationen über die Kindertaufe und das 
Abendmahl des Herrn aus, wurde Lehrer am 
Pädagogium daselbst und 1622 Subdiakonus an 
der dasigen Pfarrkirche als Nachfolger des übel 
berüchtigten Joh. Weishaupt. Weishaupt, ge 
bürtig aus dem kölnischen Städtchen Marsberg 
in Westfalen, gehörte zu den theologischen Aben 
teurern und Zugvögeln, welche unter Landgraf 
Moritz aus aller Herren Länder nach Hessen 
strömten, um die infolge der sog. Verbesserungs 
punkte erledigten Pfarreien einzunehmen, wo sie 
dann ihr ungeistliches Wesen fortsetzten und durch 
Eifer für die Reformen des Fürsten zuzudecken 
sich bestrebten. Weishaupt, seit 1609 Pfarrer zu 
Elnhausen, wurde 1611, als der von Moritz ein 
gesetzte Superintendent Valentin Schoner und 
Subdiakonus Valentin Crajus an der Pest ver 
storben waren, an des Letzteren Stelle nach Mar 
burg, 1622 aber wegen seines ärgerlichen Lebens 
nach Bottendorf versetzt, wo er am 18. Dezember 
1624 am Wege nach Frankenberg an einem 
Raine sitzend todt gefunden wurde. Daß Moritz 
Gndenus zu Weishaupt's Nachfolger in Marburg 
bestellt wurde, läßt darauf schließen, daß man in 
ihm einen treuen, gewissenhaften und tüchtigen 
Geistlichen sah, der das, was sein Vorgänger ver 
dorben, wieder gut machen sollte. Moritz Gudenus 
war seit 24. Februar 1623 mit Beata, des 
Rathsherrn Joh. Stein zu Sontra Tochter, einer 
Schwester des Superintendenten Paul Stein zu 
Kassel, vermählt, welche ihm in allen Lagen seines 
Lebens treu verbunden blieb und Noth, Schmach 
und Elend mit ihm getheilt und getragen hat. 
Nach seiner Entlassung zu Marburg (1624) fand 
Gudenus schon 1625 wieder Verwendung als 
Gehilfe des Pfarrers Joh. Curüus zu Abterode 
und wurde, als dieser infolge von Mißhandlungen 
durch kaiserliche Soldaten am 18. Mai 1626 
verstarb, sein Nachfolger. Hier hatte er eine der 
besten Pfründen des Landes, auf der er selbst in 
jenen trüben und unglücklichen Zeiten „täglich 
einen Goldgulden zu verzehren hatte". 
Es ist ein eigenthümliches Geschick, daß, wie 
Landgraf Moritz in seiner Regierung, im Staats 
und Kirchenwesen durch die sog. Verbesserungs 
punkte die größten Verwickelungen sich selber 
bereitet und seine Lande und Unterthanen in das 
unsäglichste Unglück des dreißigjährigen Krieges 
verwickelt hat, er auch selbst bei denen, welche 
seinem Herzen am nächsten standen oder stehen 
sollten, für seine kalten biblischen und kirchlichen 
Abstraktionen kein Verständniß schließlich mehr 
gefunden, und sich auch diese von seinen mit der 
größten Energie und Daransetzuug seiner ganzen 
Existenz und der Wohlfahrt seiner Lande für 
seine Lebensaufgabe erkannten kirchlichen Zielen 
ab- und der römisch-katholischen Kirche zuwandten, 
um in derselben einen frischeren geistlichen Lebens 
hauch und Befriedigung ihres geistlichen Ver 
langens zu suchen und die Sicherheit und Festig 
keit des Glaubens wieder zu gewinnen, welche 
ihnen die fürstliche Willkür und die kirchlichen 
Veränderungen genommen hatten. Es waren dieses 
seine Pathenkinder Moritz Gudenus, Moritz, 
Herr von Büren bei Paderborn, welcher sogar 
(1644) in den Jesuitenorden trat und demselben 
seine Herrschaft vermachte ('s 1661), der Pfarrer 
Aron Crusemann zu Eschwege und sein 
eigener 'Sohn zweiter Ehe, der geistreiche und 
schreibselige Landgraf Ernst zu Rheinfels, der 
in seiner Jugend mit dem Heidelberger Katechis 
mus überfüttert und noch bei seinem Regierungs 
antritt zu Rheinfels 1649, von deinselben Eifer 
für den Calvinismus, wie vordem sein Vater 
Moritz, beseelt, in seiner neuen Herrschaft Nieder 
katzenellenbogen dem lutherischen Kirchenwesen, 
das er vertragsmäßig zu erhalten und zu schützen 
übernommen, den Krieg zu erklären und „den 
Lutherischen den Muth von Tag zu Tag zu be 
nehmen" bemüht war.*) Zählt man noch den 
auf der hohen Landesschule zu Kassel 1637 aus 
gebildeten Hanauer Adolf Gottfried Volusius 
hinzu, welcher unter dem Erzbischof Anselm 
Kasimir (von Wambold) von Mainz konvertirte 
und zu den höchsten geistlichen Würden aufsteigend 
1676 mainzischer Weihbischof zu Erfurt wurde 
('s 17. März 1679), so läßt dieses erkennen, daß 
die einseitig abstrakte, verstandesmäßige Richtung, 
welche seit Moritzens Regierung in Theologie 
und Kirche zur Herrschaft gekommen, tiefere 
religiöse Naturen unbefriedigt ließ. Niemals 
konvertirten in Hessen so viele Persönlichkeiten, 
als im 17. Jahrhundert, wenn auch ein großer 
Unterschied der Begabung und des Weges der 
Konversion zwischen den Genannten vorhanden 
war. 
Alle Konvertiten sind in der Regel Leute von 
tiefer Religiösität, welche erst nach vielen Be 
wegungen des Herzens und nach schweren Seelcn- 
kämpfen ihren Schritt thun. In diese Kämpfe 
hineinzusehen, gewährt ein hohes Interesse. Nur 
wenige lassen einen so klaren Blick thun in diese 
Kämpfe als Moritz Gudenus. 
Moritz Gudenus, der Pfarrer zu Abterode, war 
unter dem Genannten der Zweite, welcher diesen 
*) Schreiben Landgraf Ernst's an dem von ihm berufenen 
reformirten Prediger Joh. Werner vom 14. Dezember 1649.
	        

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