Full text: Hessenland (10.1896)

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Der Sohn des Apothekers, roth von Haaren, 
Bediente flink den stummen Bauersmann, 
Und dieser schaute jenen immer an, 
Als kenn' er ihn schon seit gar vielen Jahren. 
Doch endlich brach sich Bahn bei ihm das Wort, 
Er fragte keck, er fragte immer fort: 
„Sagt, seid Jhr's denn? — Ihr seid's wahrhaftig nicht! 
Der Apotheker sah dem Bauer in's Gesicht 
Und wußte die Bekanntschaft nicht zu deuten. 
„Versteht sich, bin ich's", sagt er dann bescheiden, 
„Wer soll es anders sein als ich?" — 
Der Bauer wundert sich gar müchtiglich, 
Wie heutzutag die Menschen doch gedeihen. 
„Seht," sagt' er, „kaum sind's jetzt zwei Jahr, 
Daß ich bei Eurem Vater war, 
Da saßt Ihr noch da oben in der Ecke 
In so 'nem Ding wie einer Vogelhecke 
Und drehtet stillvergnügt die Pillen!" 
Der Apotheker schwieg, — er dacht' im Stiller:: 
Der Eltern Sünde rächt sich doch fürwahr 
An ihren Kindern noch nach manchem Jahr! 
Aus alter un6 neuer Zeit. 
Folgende Eingabe der Kasseler Steinmetz 
meister, die uns ohne ein angegebenes Datum 
vorliegt, jedoch das Alter eines Jahrhunderts 
besitzen muß, zeigt, daß Streike der Handwerks 
gesellen nicht von neuer Erfindung sind, sondern 
daß schon vor hundert Jahren, ebenso wie jetzt 
üt Kassel die Steinmetzen und Maurer, dieselben 
Berufsgenossen sich durch das gleiche Mittel eines 
Streiks günstigere Arbeitsbedingungen zu schaffen 
versuchten und ebenso die Meister be'tr. Handwerks 
hiergegen sich zu vertheidigen. 
„Wohlgebohrne Herren 
insonders Hochzuverehrende Herren Oberkammer 
rath und Bau-I)irecteur wie auch 
Bau-Inspecteur ! 
Die Steinmez-Gesellen sind der ganz irrigen 
Meinung, als wenn uns alle Preiße des damalen 
obrigkeitlich gemachten und unterschriebenen 
Accords wären erhöhet worden, und wollen sie 
deswegen gleichfals erhöhet haben. Dies ist ditz 
Ursache, worum sie müßig gehen — sie haben 
zwar, weil wir ihre neüe Chicanen bei dem 
Accord, wohl voraussahen, und deswegen die 
nötige Maasregeln nahmen, an dem Corp dti 
Logis zu arbeiten noch nicht den Anfang ge 
macht, und überhaupt ist jezt keine Arbeit pressant, 
so daß sie also seüren mögten so lange, als sie 
wolten; Allein, um die Sache in Ruhe, ohne 
obrigkeitliche Hülse, mit ihnen abzuthun, erböthe:: 
wir uns, ihnen an einigen Posten zuzusetzen, ob 
uns gleich an einigen Posten abgezogen worden 
ist, sie waren aber damit nicht zufrieden. Weil 
wir nun ihnen mehr zu geben nicht vermögend 
sind, so musten wir sie beim Stadtgericht gestern 
sich vernehmen lassen, wo wir zu Protocoll er 
klärten, daß die Preiße, die einmal in dem 
Accord damals bestirnt, und festgesetzt worden, 
unverändert bleiben, dahingegen die Schaft 
Gesimser Saülen, Architrat' und Haupt-Gesimse- 
Arbeit, nach der proportion, wie die Peripherie 
der 3 Fuß dicken Saülen sich zu der 5 Fuß 
2 Zoll dicken Saüle verhält, bezalt werden solte, 
und für die besonders vorfallende mehrere Fugen 
und Lager wolten wir ihnen den Quadrat Fuß 
mit 10 hl. bezalen. Weilen sie damit nicht 
zufrieden seyn wolten, so würd ihnen von der 
Obrigkeit bedeütet, daß ein jeder, welcher für den 
Preiß nicht arbeiten wolle, Abschied nehmen könte. 
Hiermit waren sie aber auch nicht zufrieden, 
sondern bathen sich zur Entscheidung der Sache 
eine Commission aus. Das Protocoll wird also 
vermutlich wohl zu dem Ende an Ew. Wohl 
gebohrne eingeschickt werden. 
Wenn man zu denen von uns zugesagten 
verschiedenen Posten die Erhaltung des Werck- 
zeügs und andre Zuthaten rechnet, so bleibt 
uns zur Unterhaltung unserer Familien, zur 
Bezalung der Contribution und anderer Ab 
gaben, nichts übrig. In dieser Rücksicht, und 
da diese unbillige Leüte bei jeder vorfallenden 
noch nicht veraccordirten Arbeit diesen nemlichen 
Versuch machen würden, wenn sie diesesmal 
renessirten, auch andere Professions-Gesellen 
ihren Beispiel folgen könten, je mehr aber solche 
Leüte verdienen, desto mehr die Arbeit versaümt 
wird; So bitten wir Ew. Wohlgebohrne ganz 
gehorsamst : 
Die Sache baldmöglichst zu untersuchen, 
und nicht zu unsern Nachtheil zu entscheiden. 
Wir hoffen eine hochgeneigte Erhörung, und 
beharren mit vollkommenster Hochachtung 
Ew. Wohlgebohrne re. re. 
gehorsamste 
J. Burghard Barthold Steinmetz M 
Heinrich A. Wolff Steinmetz Mstr 
Heinrich Mueller Steinmetz Meistr." 
c£- W.
	        

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