Full text: Hessenland (10.1896)

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unter seine Söhne Breitenau an Landgraf Wil- 
helni IV., den Weisen. Gerade dieser sv ver 
diente Fürst mußte es nun sein, der der Kirche 
eine Verunstaltung, schlimmer als der Kriege 
Wüthen es vermocht hatte, zufügte, indem er sie 
zum Fruchtspeicher herabwürdigte. Unter seinem 
Nachfolger, Landgraf Moritz, eröffnete sich noch 
einmal eine bessere Aussicht. Moritz hatte wie 
sein Ahn Johannes I. die Absicht, hier eine 
Stadt entstehen zu lassen, die den Namen Köln 
oder Coloniu Hessorum haben sollte. Die eigen 
händigen Entwürfe hierzu werden in der Landes- 
biblivthek aufbewahrt. Diese Idee zerschlug sich 
jedoch wieder, doch blieb Moritzens Gunst Breitenau 
stets zugewandt. Anstatt der etwas abenteuer 
lichen Städtegründung verwandelte er es in einen 
Landaufenthalt im Jahre 1608. Viele alte Ge 
bäude wurden abgebrochen und durch den Bali- 
meister Wicdekindt 1622 ein Marstall gebaut, 
dem dann Herrenhaus, Jägerei und Wirthschasts- 
gebüude nachfolgten. Diese Anlagen sollten jedoch 
alle nicht von langer Dauer sein, schneller, als 
sie entstanden, wurden sie von den Stürmen 
des dreißigjährigen Krieges wieder verschlungen. 
Schon 1626 wurde Breitenau von Tilly'schen 
Reitern lind Fußvolk geplündert, nachdem das 
zum Theil gerettete Vieh »ach dem Siechenhose 
bei Kassel gebracht, wo es zehn Wochen gehalten 
wurde. Der Kirche wurden ihre drei Glocken ge 
raubt, außerdem fast die ganze Büchersammlung. 
Eine zweite noch verheerendere Kriegswoge ergoß 
sich über Breitenau im Jahre 1640 und vollendete 
das Werk der ersten. Die kaiserliche Armee des 
Piecolvmini begnügte sich dieses Mal nicht mit 
Plünderung, sondern brannte alle Wohn- und 
Wirthschaftsgebäude nieder, so daß überhaupt 
nur zwei Kirchen und eine massive Scheune übrig 
blieben. Die weitere Umwandlung haben wir 
bereits oben erwähnt. Am 1. Oktober 1874 
wurde Breitenau der jetzigen Bestimmung als 
Korrektions- und Land - Armen - Anstalt über 
geben. — 
Betrachten wir nun noch einmal die ganze 
Wirksamkeit des Klosters, so gelangen wir zu dem 
Ergebniß: Kunstwerke und werthvolle Hand 
schriften haben die Mönche nicht hervorgebracht, 
wenigstens sind uns keine überkommen, auf die 
Geschichte ihrer Heimath haben sie keinen Ein 
fluß ausgeübt; aber eins haben sie uns hinter 
lassen : in der K i r ch e ein ehrwürdiges erhabenes 
Baudenkmal des Rundbogen- oder romanischen 
Stiles, unseres Wissens die einzige noch er 
haltene frühromanische Pfeilerbasilika in Hessen. 
Daß die Mönche am Bau thätigen Antheil gehabt, 
ist wohl anzunehmen, denn Hirsau ist durch seine 
Kunst- und Gelehrtenschule unter Abt Wilhelm 
im 11. Jahrhundert berühmt. Wir müssen die 
Kirche deshalb als ein uns anvertrautes werth 
volles Vermächtnis betrachten, und wäre es eine 
dankenswerthe Aufgabe unserer Zeit, das was 
ein allzu praktisches Jahrhundert au ihr gesündigt, 
wieder zu sühnen durch die Wiederherstellung 
derselben, um sv der Nachwelt ein würdiges 
Bild des ehemaligen Benediktinerklosters Breitenau 
zu zeigen. 
Spaziergang auf den Uefuv. 
Von S. L. Du-Ry. Mitgetheilt von Otto Gerland. 
(Schlich.) 
f achdem wir beinahe eine Stunde auf diesen 
Höhen zugebracht hatten und die Kälte anfieng 
«-'s empfindlich zu werden, begaben wir uns auf 
den Rückweg an einer von der, auf welcher wir herauf 
gestiegen waren, entgegengesetzten Stelle. Am 
Fuße des Piks oder Zuckerhutes angekommen, 
erblickten wir durch einen dichten Rauch einen 
hellen Schein, welcher, wie wir einen Augenblick 
nachher bemerkten, von der entzündeten Lava her 
rührte, welche aus einer Oeffnung, die sie sich 
denselben Tag gemacht hatte, wie ein Strom 
hervorkam; sowie wir weiter fortgiengen, ver 
mehrte sich der Schein. Da wir endlich in einer 
gewissen Entfernung angekommen waren und der 
Rauch sich gelegt hatte, bemerkten wir eine 
Strecke von 5 bis 6 Landmeilen (Stundeweges) 
ganz entzündet. Die Lava kam aus der Oeffnung, 
bei der wir ganz nahe waren, wie ein Strom, 
der 15 bis 20 Fuß breit schien, mit einem Ge 
töse, dem des bewegten Meeres ähnlich, hervor; 
und wir hörten den Berg mit dem Laut des 
entfernten Kanouenfeucrs brausen und donnern. 
Dieser Strom floß nach der Verschiedenheit der 
Abhänge, welche er auf seinem Wege antraf, bald 
mit vielem Ungestüm, bald auf gleichem Boden 
sehr langsam. Ohngefähr 100 Schritte von seiner
	        

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