Full text: Hessenland (10.1896)

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Kapelle — überhaupt der Hauptreiz des Baues; 
hier gewahrt mau am bedeutsamsten die Be 
thätigungen einer neuen Formenwclt. Was Laste 
in dem Abschnitte „Die den Bau beherrschenden 
künstlerischen Strömungen" hierüber mittheilt, ist 
im hohen Grade interessant und beachtenswert!). 
Lineare Elemente und stilisirte Pflanzenornamentik, 
wie sie in Anlehnung au orientalische Tauschirungs- 
arbeiteu die italienischen Intarsien in zahllosen 
Kombinationen aufweisen, erscheinen hier in's 
Plastische umgesetzt; hiermit verbinden sich, ihnen 
ähnelnd, die der Metalltechnik direkt entstammenden 
Motive, die bedenkenlos und ohne Rücksicht aus 
ihren Ursprung auf jegliches Material übertragen 
werden. Ueberall krause, gerollte, verschnörkelte, 
phantastische Formen. 
Zu diesen von der Manier des Niederländers 
Vreedemann de Vries beeinflußten Bildungen, die 
besonders in den Steinarbeiten und Gips- 
modellirungen hevortreten, gesellt sich monumentale 
Freskomalerei; auf der einen Seite in Technik 
und Motiven das Studium der italienischen 
Muster verrathend, auf der anderen Seite, im kecken 
und flotten Schaffensdrange und mit deni Reiz 
einer kraftvollen und eigenartigen Erfindungs- lind 
Gestaltungsgabe, die eigenen neuen Bahnen suchend. 
Weniger als von den Einflüssen, die sich beim 
Bau bemerklich machen, wissen wir leider — es 
liegt dies ja leider bei manchen Bauten der Zeit 
nicht viel anders — von den ausführenden Künstlern. 
Außer dem Baumeister Christoph Müller und 
seinem Sohne Hans, der auch Zeichnungen für 
vier Portale entwarf, wird ein niederländischer 
Meister, Wilhelm Dernucken, als Verfertiger der 
Gallerten in der Schloßkapelle genannt*); daß 
von ihm auch Altar und Kanzel herrühren, ist 
nach dem mit ihm geschlossenen Vertrage wenigstens 
wahrscheinlich. 
Landgraf Wilhelm IV. verlangte von einem 
tüchtigen Bildhauer auch die Fertigkeit „Gibs zu 
arbeiten liitb auszustechen" und hatte diese An 
forderung auch gerade an Meister Wilhelm bei 
seinem Eintritt in hessische Dienste im Jahre 1577 
*) Für Arbeiten am Schmalkaldener Schlosse hat Meister 
Wilhelm einmal — in welchem Jahre wird nicht an 
gegeben — 521 Gulden (Landau's Kotlekt. St. L. B.) 
erhalten. — Vernucken ist nachweislich wiederholt von 
Wilhelm IV. auch für Rotenburg beschäftigt worden; so 
mögen noch andere Künstler an beiden Schloßbauten be 
theiligt gewesen sein. Namen von solchen ließen sich 
vielleicht ans etwaigen Akten über den Rotenburger Bau 
noch gewinnen; Rückschlüsse für Schmalkalden daraus zu 
ziehen, würde nur insoweit möglich sein, als die spärlichen, 
im alten Zustande erhaltenen baulichen und dekorativen 
Rotenburger Reste Vergleiche zulassen. 
gestellt*); immerhin mag Laste Recht haben, 
wenn er nicht Vernucken, sondern einen gewissen 
Hans Becker, der ausdrücklich als Stuckateur 
erwähnt wird, als Verfertiger der sog. weißen 
Arbeit im Schmalkaldener Schlosse ansieht. 
Von den Malern ist ein Georg Krönhard als 
Schöpfer der Bilder der Antithesis sicher bezeugt.**) 
Laste ist geneigt (s. S. 4 oben, S. 6 und be 
sonders S. 18 unten), ihm noch weitere Lein 
wand- und Tafelbilder im Schlosse zuzuweisen. 
Für den Tanz- oder Bankettsaal trifft diese Ver 
muthung jedenfalls nicht das Richtige, da nach 
einer in Landan's Kollektaneen erhaltenen Notiz 
der Maler Meister Jost — zweifellos Jost 
vom Hofs, der auch sonst als Maler Wilhetm's IV. 
nachweisbar ist — die Decke des Tanzsaals ge 
malt hat, wofür er 195 Gulden erhielt.***) 
Wir schließen unsere Besprechung, indem wir 
den Bearbeitern der Wilhelmsburg unsern leb 
haften Dank anssprechen für diese mustergiltige 
Veröffentlichung, die uns Hessen zumal als 
weiteres Glied in der einst vom hessischen Ge 
schichtsverein unter allseitiger Anerkennung heraus 
gegebenen und leider wegen finanzieller Schwierig 
keiten nicht fortgeführten kleinen Folge mittelalter 
licher Baudenkmäler fi) ganz besonders willkommen 
fein nluß. Die nach so vielen Seiten hin durch diese 
Monographie gegebenen Anregungen werden sich 
unbedingt nutzbar erweisen; möchte auch die in 
der Vorrede ausgesprochene Hoffnung sich er 
füllen und das schöne Werk den Erfolg haben, 
„das Interesse auf dies abseits der großen Heer 
straße liegende Kleinod aus deutscher Renaissance 
zeit zu lenken und womöglich hilfreiche Hände 
in Bewegung zu setzen, den ursprüglichen Zustand 
des alten Fürstensitzes wieder herzustellen". 
*) S. Landan's Kollektaneen (St. L. 33.). 
**) In, Juli 1591 plante Wilhelm IV. eine Wieder 
herstellung der „im langen Saht zu Rotenbergk" auf 
gemalten Wappen; er ließ zu dem Zwecke am 22. Juli 
non Kassel nach Schmalkalden, wo er sich befand, das 
Wappenbuch kommen, das sein Maler „alhier" (zu Schmal 
kalden) Meister Jorge „hiebeuor wiederumb" nach dort 
geschickt habe. Kandau's Koll.) Meister Jorge dürfte 
Georg Kronhard sein; er ist hiernach vermuthlich auch 
als Wappenmaler für das Schmalkaldener Schloß be 
schäftigt gewesen. 
***) Das Jahr ist leider nicht angegeben. Ich trage 
»ach, daß laut einer ans demselben Blatte befindlichen 
Nachricht im Jahre 1587 für die Wilhelmsburg 
8288 Gulden verausgabt worden sind, 
4) Herr von Dehn-Rotfelser hatte übrigens bereits 
im Jahre 1882 die Aufmerksamkeit des Geschichtsvereins ans 
Laske's Aufnahme der Wilhelmsburg hingelenkt und sie 
zur Veröffentlichung in einem künftigen Hefte der Bau 
denkmäler empfohlen. lBrief des Genannten vom 28. Sep 
tember 1882. Akten des Gefchichtsvcreins.) 
G. Scherer.
	        

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