Full text: Hessenland (10.1896)

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Grundaulage zum Vorbild gedient habe. Mir 
erscheint eine unmittelbare Beeinflussung 
durch diesen süddeutschen Bau fraglich*); dagegen 
spricht sich eine unverkennbare Aehnlichkeit der 
Wilhelmsburg mit einigen von Wilhelm's IV. 
früheren Bauten, so mit dem Marstall zu Kassel 
und besonders mit dem (von Laske übersehenen) 
Notenburger Schlosse**) aus. 
Schlichtheit und Einfachheit kennzeichnet die 
Wilhelmsburg gegenüber manch einein Fürstensitze 
der damaligen Zeit und während sich anderwärts, 
wie z. B. in Stuttgart, der Hof nach südlichem Vor 
bilde mit schmucken Arkaden umzieht, begnügt 
man sich hier bei gleicher entschiedener Betonung 
der Ausbildung der Hosanlage, mit kunstvoller 
Bildung der auf sie führenden Thüren und 
Portale***). Hierin beruht jetzt fast allein der 
Außenschmuck des Gebäudes, seitdem im Anfange 
unseres Jahrhunderts die kunstvollen Schnörkel- 
verzierungen der Erker ihren luftigen Sitz ver 
lassen haben ch). 
In der Regelmäßigkeit der Anlage der Wilhclms- 
burg zeigt sich bereits entschieden der Einfluß der 
italienischen Renaissanceströmung; daneben fehlt es 
nicht an mittelalterlichen Erinnerungen, wohin z. B. 
die in den vier Ecken des Hofes angeordneten Treppen- 
thürme zu rechnen sind. Die Vertheilung der 
Räume ist im ganzen die, daß der Unterstock den 
Zwecken der Wirthschaft und Hofhaltung ein 
geräumt war, während im oberen Stock die Ge 
mächer für den Landgrafen (nur Wilhelm IV. 
wohnte unten, weil ihm bei seiner Wohlbeleibtheit 
*) Daß Wilhelm IV. für seine früheren Bau 
pläne auch dieses Fürstenhaus studirt hat, soll natürlich 
nicht bezweifelt werden. 
**) Diese einst so glänzende Anlage ist ja leider durch 
spätere Eingriffe stark verändert und geschädigt worden. 
Der Ostflügel mit seinein Rittersaal ist völlig verschwunden. 
(Ihn zierte — und hierin mag eine Anlehnung an das 
Stuttgarter Schloß liegen — in der zweiten „Wandlung" 
eine von sieben jonischen Säulen getragene offene 
Gallerte, die freilich nicht nach dem Hofe, sondern 
nach dem Garten zu lag.) Erhalten sind (abgesehen von 
den westlichen Vorbauten) die drei übrigen den viereckigen 
Hof begrenzenden Bauten, und zwar Nord- und West 
flügel in späterem Umbau, tvährend die Südseite (abgesehen 
von Modernisirung der dem Hofe zugewendeten Fenster 
reihe des ersten Stockes) noch de» alten Charakter im 
ganzen gewahrt hat; ferner stehen noch in drei Ecken des 
Hofes drei der alten Treppenthürme, mit achteckigen 
Grundriß wie die der Wilhelmsburg. (Hierdurch be 
richtigen sich die zum Theil irrigen Angaben in D e h n - 
Rothfelser's und Lotz' Bau-Denkmälern S. 234.) Eine 
Rekonstruktion der Außenaulage wie der wichtigeren 
Jnnenräume wird wesentlich gefördert durch die Be 
schreibung, welche Friedrich Lucae im „Edlen Kleinod 
an der Hessischen Landes Crone, oder Vorstellung der 
Fürstlichen Residentz Rotenburg" (Ungedruckt Muer. 
Hass. fol. 47 der Ständischen Landesbibliothek) giebt; 
das Treppensteigen lästig war), die Räume für 
die landgräfliche Familie, die Zimmer für fürst 
lichen Besuch, sowie die Prunksäle, nämlich der czroßc 
Speisesaal und der Bankett- oder Tanzsaal liegen. 
Beiden Stockwerken gemeinsam ist das bau 
künstlerisch schönste Glied des Ganzen, die Kapelle. 
Ihre Grundanlage, rechteckige Saalkirche mit 
Emporen, wie die planvolle Anordnung von 
Altar, Kanzel und Orgel übereinander f-s) 
bringt die veränderten Formen des protestantischen 
Gottesdienstes auch baulich in entschiedener Weise 
zum Ausdruck; so wird diese Kapelle, die 
hierin bewußter vorgeht als die Stuttgarter, zu 
einem Markstein in der kirchlichen Baukunst. 
Widerspruch gegen die römische Kirche äußerte 
sich auch in den Tafelbildern an den Brüstungen 
der Emporen, in denen, nach Cranach's Vorgänge, 
ein Passional Christi und Antichristi dargestellt war. 
Die Tafeln sind leider längst geschwunden, geblieben 
aber ist dem Raume jener wunderbare dekorative 
Schmuck, der — hierbei allerdings im Gegen 
satz zu der sonstigen Nüchternheit der pro 
testantischen Saalkirche» — reich und phantasievoll 
gezeichnet inl lichten, und durch matte Farbentöne 
gehobenen Stuck die Pfeiler und Bogen der 
Emporen wie die Gewölbe überzieht und eine 
Wirkung hervorruft, der Lübke Ausdruck giebt mit 
den Worten: „In der ganzen deutschen Renaissance 
kenne ich keinen Jnnenraum von ähnlicher Fein 
heit der Dekoration". 
In der Ornamentik der Wilhelmsburg liegt — 
und dies gilt nicht nur von derjenigen der 
Mittheilungen bei Winkelmann kommen hinzu. Wie 
weit sich außerdem aus Archivalien des Marburger 
Staatsarchives Ergänzungen geben lassen, ist mir nicht 
bekannt, wäre aber wohl der Nachforschung werth. 
***) Von den Portalen des Rotenburger Schlosses sind 
nur wenige im ursprünglichen Zustande erhalten; doch 
lassen sich auch hier an dem Wenigen Aehnlichkeiten mit 
Portalbildungen der Wilhelmsburg nachweisen; so ver 
gleiche ich die den Treppenthürmen (Südostecke und Süd 
westecke) benachbarten Portale in Rotenburg mit deni neben 
dem südöstlichen Treppenaufgang befindlichen zu Schmal 
kalden (bei Laske, Tafel 4). 
f) Laske hat sie auf Tafel 1 nach deni Muster des 
Marstalles in Kassel rekonstruirt. Auch G e i st h i r t, Histor. 
Schmale. B. 2. C. IV. § 5 (Zeitschr. d. Ver. f. Henneb. 
Gesch. I. Suppl. S. 67) „Das Tach, auf welchem sich Löwen 
und ander Bildwerck aus Stein rings herum praesentiren" 
dürfte an den Marstall als Vorbild denken lassen. Die 
Abbildungen der Stadt Schmalkalden bei M e r i a n und in 
Meißner's Schatzkästlein sind leider zu klein, als daß 
sich Einzelheiten an den Giebeln an der Wilhelmsburg klar 
erkennen ließen. 
ff) Ob die Rotenburger Kirche, in der die Kanzel 
gleichfalls am mittleren Pfeiler über dem „Herrentisch" 
angebracht war, früher als die Kapelle der Wilhelmsburg 
fällt, vermag ich nicht anzugeben; sicher ist nur, daß in 
ihr im Sommer 1590 noch gearbeitet wurde.
	        

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