Full text: Hessenland (10.1896)

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und bis dahin gerollt waren, auf denen wir uns 
ausruheten. Endlich nach unglaublicher Mühe 
und Anstrengung gelangten wir am Fuße des 
Gipfels des Feuer speienden Berges an, woselbst 
man keine Stücke von dem Schaum mehr antrifft 
und welcher, zu steil, daß ein Stück könnte liegen 
bleiben, nur ans einem roten Sand besteht, in 
welchen man über die Hälfte der Beine einsinkt; 
auf der Spitze dieses Gipfels befindet sich die 
große Oeffnung oder Schlund, aus welchem be 
ständig Rauch aufsteigt. Der Durchmesser hält, 
wie man mich versichert hat, in seiner größten 
Breite 100 Toisen *) und ist fast zirkelförmig. 
Wiewohl ich diese Oeffnung einen Schlund ge 
nannt habe, ist sie doch jetzt nicht tief, da die 
Lava, nachdem sie mehrere Tage gekocht, sich fast 
dem Rande gleich erhoben hat, dergestalt, daß 
derselbe nicht höher als 8 bis 10 Fuß ist. Diese 
Lava ist seit 14 Tagen verdickt oder kalt ge 
worden und gewährt den Anblick einer ungleichen 
und an vielen Stellen gespaltenen Ebene von 
mehreren hundert Toisen im Durchmesser. Aus 
diesen Spalten ist es, woraus ein besonderer 
feuchter Rauch ausdampfet und aus welchem man 
bei der Nacht Flammenstreifen aufsteigen sieht. 
Die Ränder dieser Spalten sind rothbraun und 
gelb gefärbt, indem der Rauch, welcher von dem 
innern Feuer herrührt, längs ihren Wänden den 
Salpeter und Schwefel, welchen er bei sich führt, 
angesetzt hat. Besonders findet man den Schwefel 
ganz rein, an einigen Orten fingerdick. Diese 
Ebene ist sehr höckerig, wie ich soeben gesagt habe, 
von schwärzlicher Farbe, außer einem Raume von 
ohngesähr 50 Toisen im Durchmesser, welcher mit 
einer röthlichen Asche bedeckt ist, die auch an meh 
reren Stellen Risse hat, welche Rauch aus dampfen. 
Die Neugierde hatte uns schon das vorige 
Jahr an den nämlichen Ort geführt; ich bemerkte 
damals fast in der Mitte dieser Ebene einen 
kleinen Hügel von beinahe 100 Schritten im 
Umfang, 20 Toisen hoch und oben offen, welcher 
damals der wahre Schlund war, aus welchem 
das Feuer und die Steine hervorkamen, welche 
der Berg auswarf. Da ich wahrnahm, daß die 
geschleuderten Steine eine fast Parabolische Linie 
beschrieben, näherte ich mich von der entgegen 
gesetzten Seite ihres Falles, ungeachtet unsere 
Führer ihr möglichstes thaten, um mich davon 
abzuhalten, und kam so weit, daß ich in den 
Schlund sehen konnte; ich entdeckte den Grund 
davon nicht; denn es stiegen jeden Augenblick 
Wirbel von Rauch heraus, welche mich hinderten 
*) 1 Toise = 1 Klafter = 1,95 Meter. 
weit hinein zu sehen, und ich sah nur eine Nöthe, 
beinahe von der Farbe wie die des Eisenerzes, 
wenn es im Ofen im Fluß ist. Die Steine, 
welche mit dem Lärmen von Raketen von Halber- 
Minute zu halber Minute aus diesem Schlunde 
hervor geworfen wurden, waren von verschiedener 
Größe, die mehrsten aber übertrafen das Gewicht 
von 12—15 Pfund nicht, sie waren ganz roth 
und entzündeten Papier und Holz, wenn man 
es an sie anhielt. Ich zog mich aus die nämliche 
Art zurück, wie ich mich genähert hatte, das heißt 
auf allen Vieren und kam mit einer etwas be 
schädigten Hand davon. 
Das Obere des Berges hat seit meiner ersten 
Reise vielleicht zwanzigmal seine Gestalt ver 
ändert; jetzt sieht man nichts mehr von diesem 
Hügel, von dem ich so eben geredet habe, aber 
der Berg hat vor noch nicht vierzehn Tagen 
einen andern, über 200 Fuß hohen, an einer 
dem erster» ganz entgegengesetzten Stelle geboren, 
und in diesem befindet sich nun der Schornstein, 
aus welchem der Rauch und die Steine hervor 
kommen. Dieser Hügel, welcher vielleicht, indem 
ich dieses schreibe, nicht mehr da ist, bestand aus 
Steinen mit Asche vermischt und war sehr steil. 
Ich bestieg diesen Berg nicht, indem mir meine 
Neugierde zu nichts würde geholfen haben, da 
derselbe diesen Tag keine Steine und kein Feuer 
auswarf, sondern nur ein dicker schwarzer Nebel 
herausstieg. Ich habe vergessen zu sagen, daß, 
wiewohl es in Neapel sehr schönes Wetter war, 
wir auf dem Berge, dessen Gipfel mit Schnee 
bedeckt war, eine sehr kalte Luft empfanden —, 
cs schneiete selbst damals, aber der Schnee ver 
wandelte sich Nachmittags in Regen, welcher den 
ganzen Tag anhielt, wiewohl in Neapel nicht ein 
Tropfen fiel; der Berg hatte nur wie in Wolken 
gehüllt geschienen. 
Wiewohl diese mit so vielen Rissen bedeckte 
Ebene, aus welchen beständig Flammen und 
Rauch aufsteigt, bei dem ersten Anblick Schrecken 
einflößt, so gewöhnt man sich doch bald daran, 
und es ist nicht die mindeste Gefahr dabei, auf 
dieser geronnenen Lava zu gehen, man kommt 
damit los, seine Fußbekleidung und höchstens die 
Füße selbst ein wenig zu verbrennen und von 
Zeit zu Zeit Rauchstöße aushalten zu müssen. 
Ich habe alles dieses versucht und habe diese 
Ungemächlichkeiten sehr erträglich gefnuben, würde 
aber doch nicht vor 14 Tagen das Nämliche ge 
wagt haben, da diese Lava noch flüssig war und 
sich oft kochend bis an den Rand des Berges 
erhob, damals mußte man sich begnügen, dieses 
Schauspiel von weitem zu betrachten. »Schlntz folgt.»
	        

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