Full text: Hessenland (10.1896)

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indirekt sind sie von der Theilnahme an den 
Landtagswahlen — durch Ausschließung von 
Gemeindeämtern — fern gehalten. 
In Ausführung des oben erwähnten Para 
graphen der Verordnung vom 5. Januar 1831 
ordnete sodann das Gesetz vom 29. Oktober 1833 
die besonderen Verhältnisse der Israeliten. 
Den israelitischen Staatsangehörigen werden 
zunächst gleiche Rechte mit den Unterthanen 
anderer Bekenntnisse zugestanden, es werden 
ihnen jedoch auch gleiche Verpflichtungen auf 
erlegt und noch folgende Ausnahmen bestimmt: 
1. können sie das Patronatsrecht über christ 
liche Kirchen nicht erwerben, 
2. entbehren sie die Fähigkeit zur Anstellung 
in christlichen Kirchenämtern und als Lehrer, 
3. von Gemeindeämtern sind sie ausgeschlossen. 
Zeitweise genießen die Vortheile der Gleich 
stellung die Juden nicht, welche den Nothhandel 
betreiben. Derjenige Israelit, welcher einen 
Zweig oder alle Zweige dieses Handels zum 
Gegenstand und Mittel seines Erwerbs macht, 
betreibt den Nothhandet als einen Haupterwerb, 
als eine ausschließliche Erwerbsweise, d. h. soweit 
der Nothhandel als ein Haupterwerb, als eine 
ausschließliche Erwerbsweise objektiv dasteht. 
Auch sind die den Nothhandel betreibenden 
Israeliten von der Fähigkeit zu öffentlichen 
Aemtern, sowie von der Wahlfähigkeit und 
Wählbarkeit in Hinsicht auf die Landtage, des 
gleichen vom Erwerb des Ortsbürgerrechtes aus 
geschlossen. Die Ausschließung hört erst dann 
auf, wenn durch ein von dem Verwaltungs 
beamten ausgestelltes und von der Regierung 
richtig befundenes Zeugniß dargethan ist, daß 
der betreffende Jude seit Jahresfrist ein anderes 
bürgerliches Geschäft ausschließlich betreibt. Alle 
nur auf das Glaubensbekenntniß gegründeten 
Verschiedenheiten sollen erloschen sein, sofern sie 
nicht durch das Gesetz vom 29. Oktober 1833 
eine Bestätigung erhalten. Die Juden bilden 
Mitglieder der gewöhnlichen politischen Gemeinde, 
haben sich aber in allen Angelegenheiten, die ein 
anderes Glaubensbekenntniß, insbesondere die 
christliche Kirche betreffen, einer Mitwirkung und 
Abstimmung zu enthalten. Als Gemeindemit 
glieder sind sie auch zur Mitbestreitung der Ge- 
meiudelasten verbunden, brauchen jedoch zu den 
jenigen Lasten der Ortsgemeinde, die deren 
kirchliche Verfassung erfordert, insoweit nicht be 
stehende Rechtsverhältnisse eine Ausnahme be 
gründen , nicht beizutragen, dagegen sind sie 
verbunden, die Schulden und Lasten ihrer 
Glaubensgemeinde, sowie sonstiger bis dahin be 
standenen Körperschaften allein zu tragen. 
Wegen der Auswanderung israelitischer Unter 
thanen in das Ausland galten die allgemeinen 
Bestimmungen über Auswanderung und Frei 
zügigkeit. unbeschadet jedoch derjenigen Beiträge 
zu israelitischen Gemeindeschulden, welche aus 
einem Privatrechtsverhältnisse der Abziehenden 
gefordert werden konnten. 
In Beziehung auf ihre gemeinheitllcheu An 
gelegenheiten sind die Juden eines oder mehrerer 
Orte in eigene Gemeinden abgetheilt. Jede 
Synagogengemeinde hat nach ihrem Umfange 
mehrere Aelteste, einen Vorsänger und die 
größeren einen Rabbiner. 
Durch 8 12 des Gesetzes vom 29. Oktober 1833 
sind die Regierungen ermächtigt, denjenigen 
Synagogengemeiuden, welche zum gesammten 
Jugendunterricht fähige und geprüfte Lehrer vor 
zuschlagen und zu besolden vermögen, die erfor 
derliche Genehmigung zur Errichtung eigener 
vollständiger öffentlicher Schulen zu ertheilen. 
Diese Schulen stehen unter der Aussicht des Vor 
steheramts, des Kreisraths und unter Leitung 
der Regierung. 
Die Kosten des Gottesdienstes, Unterrichts, 
sowie der Todtenhöfe und der gesammtschaftlichen 
Schulden werden aufgebracht durch: 1. die Klassen 
steuer, 2. die Abgaben, welche von religiösen 
Zeremonien und anderen geistlichen Handlungen 
abhängen. 
Zur (Erinnerung an Nanny vom Hof. 
Von Frida Storck. 
» eutlich, als sei es gestern gewesen, steht ihr 
Bild meiner Seele, da ich ihr zum ersten 
~ • Male gegenüber stand. Achtzehn Jahre 
mögen seitdem vergangen sein. 
Interesse und zugleich herzliches Mitleid er 
faßte mich beim Anblick dieser gebrechlichen, über 
schlanken Gestalt, des hageren, klugen Antlitzes, in 
dem die Augen so beredt von ernster Geistesarbeit 
sprachen. Der starke Geist, der in dieser schwachen, 
so viel von Leiden gequälten Hülle lebte, zwang 
die Schwächen des Körpers immer und immer 
erfolgreich nieder. Und dieser schaffensmuthige,
	        

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