Full text: Hessenland (10.1896)

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licitas, divitiae onines ac ordinis splendor 
* constansque stabilitas“ war in Vergessenheit 
gerathen und an dessen Stelle die Sorge für 
weltliche Vorrechte und Lebensgenüsse getreten. 
Und so ereilte sie durch die Reformation das 
Verhängniß; nach einem Bestehen von vier Jahr 
hunderten wurde das Kloster auf Gebot Philipp's 
des Großmüthigen 1527 aufgehoben. 
Vier Siegel des Klosters, deren Einsicht wir 
dem königlichen Staatsarchiv in Marburg ver 
danken, zeigen folgende Bilder und Umschriften: 
1) Unvollkommen kreisrund. Thronender Abt 
mit Stab und Buch, baarhaupt. f Manien im 
Stempel durch Aushöhlen getilgt] ABB[as] DE 
BREIDENO V WA. 
2) Spitzoval. Thronende Madonna, f 81- 
GILLVM S[ancte] MARIE VIRGINIS 
[MJATRIS XP[ßUfr]I IH[oo\V IN BREI- 
TENOWA. 
3) Spitzoval. Thronender Abt mit Mütze, 
Stab und Buch, f S[igillum] W[er]NHERI 
ABBATIS DE BRETENOWE. 
4) Spitzoval. Desgl. f ISFRIDUS DEI 
GRA[cia] ABBAS IN BRETENOWE. 
III. Die Gebäude. 
Der umfangreiche, 29 Morgen große Kloster- 
hof (Landgraf Hermann hat ihn selbst gemessen 
und nur 10 Meßruthen kleiner als die ganze 
Stadt Melsungen gefunden) ist noch jetzt mit 
hoher Mauer umgeben, die von zwei mit Thürmen 
befestigten Thoren, dem früheren Fulder und dem 
noch jetzt erhaltenen Grifter Thore, durchbrochen 
waren. Ziemlich inmitten desselben steht die große 
der heiligen Jungfrau geweihte Klosterkirche, eine 
langgestreckte Pfeilerbasilika, 220' lang und 
104' breit, in Form eines lateinischen Kreuzes. 
Ihr Haupteingang befindet sich am westlichen 
Ende, wo man die Vorhalle betritt, der zu beiden 
Seiten zwei unvollendete Thürnie stehen. Ueber 
der Vorhalle sind die Empore, die sich über die 
ganze Breite erstrecken und durch Rundbogen 
fenster ihr Licht empfangen. Gegen die Vorhalle 
öffnet sich das Mittelschiff durch drei von zwei 
Säulen getragene Rundbogen. Die Schildzwickel 
beider Kapitale sind mit Blattornament geziert, 
und in dem Schilde des einen ist eine männliche 
Figur ausgehauen, worüber am Rande der Name 
Henricus steht. An das 20' breite Hauptschiff 
schlossen sich früher auf jeder Seite 11' breite 
Seitenschiffe an, die mit demselben durch sieben 
Arkaden, deren Pfeiler nahezu quadratisch sind, 
in Verbindung standen. Ein Gleiches gilt von 
den Chorseitenschiffen, die durch je eine Bogen 
öffnung mit den Kreuzflügeln in Verbindung 
standen. Ueber dem Arkadensims liegen acht im 
Halbkreis geschlossene Fenster nahe an der Holz 
decke. Hinter dem achten Pfeiler treten die durch 
die Arme des Kreuzes gebildeten Querschiffe 
heraus. An die Querschiffe knüpfte sich der 50' 
tiefe hohe Chor. Die Seitenschiffe wie der 
Hauptchor und die Querflügel schlossen mit je 
einer Apside. Der südliche Thurm und der nörd 
liche Kreuzflügel hatten ebenfalls Eingänge. Der 
im 16. Jahrhundert umgeänderte Chorbau hat als 
Schluß ein halbes Achteck erhalten, welches sich 
auf die Apsis, jetzt noch sichtbar, aufsetzt. Die 
beiden allein noch erhaltenen Apside am Querschiffe 
haben schmale Lisenen und von Köpfen getragene 
Rundbogenfriese. Der ganze Bau ist aus Quadern 
aufgeführt, ehemals war er inmitten noch von 
einem hölzernen Thurme gekrönt. Die Steinhauer 
arbeiten und die Malerei zeigen überall einen ge 
diegenen Geschmack; Reste von einer Kreuzigung, 
die aufgefunden sind, hat man der Mauer über 
dem einen Thore eingefügt. In die Kreuzflügel 
wurden einige gothische Fenster eingebrochen, und 
das Querschiff nebst dem Chore wurde wieder 
mit Sterngewölben versehen. Jetzt sind die 
Seitenschiffe abgebrochen, die Arkaden und die 
alten Fenster vermauert. 
Das ganze Gebäude ist durch Einziehung von 
Gebälken und Einbrechen von Luken 1579 zu 
einem Fruchtspeicher eingerichtet und hat dadurch 
ein trauriges Aussehen bekommen. Als Ersatz 
für das dadurch unbrauchbar gewordene Gottes 
haus wurde eine auf der Südseite gelegene nicht 
mehr vorhandene Kapelle zur Kirche eingerichtet. 
Die anderen Klostergebäude reihten sich auf der 
Nordseite an, von denen jedoch nur ein der 
Kirche schräg gegenüber liegendes massives Haus 
mit Staffelgiebel, eine frühere Scheune oder Brau 
haus aus dem 16. Jahrhundert, übrig geblieben 
ist. Es dient jetzt zu Beamtenwohnungen, nach 
dem es im Jahre 1791 nach Niederreißung der 
Kapelle auch für lange Zeit als Kirche eingerichtet 
gewesen. Augenblicklich wird der Gottesdienst für 
die Anstalt und die Dörfer Guxhagen und Büchen 
werra seit 1874 wieder in der ursprünglichen 
großen Kirche an der Ostseite abgehalten. Der 
übrige Theil der Kirche wird in den oberen 
Stockwerken zu Werk- und Schlasstätten, im 
Untergeschoß als Küche rc. benutzt. Außerdem 
ist das oben erwähnte Grifter Thor von früher 
erhalten, alle übrigen Gebäude sind ganz neu. 
Innerhalb der Ringmauern des Klosterhoses 
lagen auf der Süd- und Ostseite die Weingärten
	        

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