Full text: Hessenland (10.1896)

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Jahre wurde uns ein Knabe geboren, ein lieb 
liches, kräftiges.Kind, doch schon nach einigen 
Monaten fing es an zu kränkeln, und an seinem 
ersten Geburtstage betteten wir es zum ewigen 
Schlaf draußen unter dem grünen Rasen. Noch 
vier andere Geschwister folgten unserem Erst 
geborenen. Blühend und gesund erblickten sie das 
Licht der Welt, um bald an einer Krankheit da 
hinzusterben, denen die Aerzte keinen Namen zu 
geben vermochten. Nur ich kannte den Grund des 
Elends. Die unschuldigen Kleinen büßten Sünde 
und Schuld der Mutter, die ihr Seelenheil der 
irdischen Liebe geopfert hatte. Krank und elend 
wurde ich von all dem Jammer und war nur 
noch ein Schatten meiner selbst. Nichts, nichts 
schaffte meinem Herzen Frieden und Ruhe meinem 
Gewissen. Wie bin ich gewallt zu den heiligen 
Gnadenorten, wie habe ich mir die Kniee wund 
gelegen vor den Altären der Heiligen; die größte 
Buße, die man mir auferlegte, erschien mir zu 
gering gegenüber meiner Schuld. Deinen Vater, 
Magnus, Deinen edlen Vater, der einst der Ab 
gott meiner Seele war, den ich mehr geliebt hatte 
als mein Leben, den lernte ich hassen als den 
Räuber, der mir den Segen meines Vaters, das 
Heil meiner Seele gestohlen. Immer weiter und 
weiter wurde die Kluft zwischen uns, und meine 
Külte, meine Vorwürfe haben ihn in den Tod 
getrieben. O mein Kind, mein Magnus, auch 
noch zur Mörderin wurde Deine arme, unglück 
selige Mutter!" — 
„Schone Dich, Mütterchen, o rede nicht weiter", 
flehte Magnus, denn ein Schauer ging durch den 
Leib der Kranken und kalter Schweiß Perlte ihr 
auf der Stirne. 
„Nein, Magnus, es geht vorüber — laß — 
mich — weiter reden — Du mußt Alles wissen. — 
Man brachte mir Deinen Vater heim mit dem 
tödtlichen Blei im Herzen. Ein unvorsichtiger 
Schuß —, so erzählte man sich, doch ich fand einen 
Brief an mich in seinem Schreibtisch und hätte 
auch so gewußt, wer ihn gemordet hatte. Ich 
war in Verzweiflung und haderte mit Gott, daß 
er mir mehr schicke, als ein Menschenherz zu er 
tragen vermöge. — Da kam ein Lichtstrahl in 
dunkler Nacht. Ein halbes Jahr nach Deines 
Vaters Tode wurdest Du geboren, mein Magnus. 
Kaum vermochte ich auf schwachen Füßen zu 
stehen, so trug ich Dich hinauf nach dem Frauen 
berg und weihete Dich der Mutter Gottes. Ein 
Gelübde that ich zu der Gebenedeiten, daß, wenn 
Du mir erhalten bliebest am Leben, Du Dich 
weihen solltest ihrem heiligen Altare, um als 
Priester der Mutter Seelenheil zu erflehn und den 
Vater zu erretten aus ewiger Verdammniß. Die 
Heilige nahn: mein Opfer gnädig an, sie ließ 
Dich gesunden an Leib und Seele und ist nun 
geneigt Dich aufzunehmen in ihrem Heiligthume. 
Bist Du bereit mein Kind, die Seelen Deiner 
Eltern zu erretten und wieder zu vereinen am 
Throne des Höchsten? — 
Magnus, Magnus," schrie sie herzzerreißend, 
als keine Antwort erfolgte. „Heiligste Maria, 
hilf!" und mit geschlossenen Augen sank sie leblos 
in die Kissen zurück. 
Da kam Leben in den Erstarrten. „Stirb 
nicht, einziges Mütterlein, nur einmal noch öffne 
die treuen Augen. ' Ich will thun nach Deinem 
Wunsche, alles thun, was Du willst! Gott er 
barme sich meiner!" 
Da klang ein Glöcklein näher, immer näher, 
jetzt vor dem Hause, dann im Flur. Die Thüre 
öffnete sich und der Priester, erschien mit der 
heiligen Wegzehrung. Die Sterbende hört den 
Klang, auch die Worte des Sohnes mußte sie 
vernommen haben. Sie richtete sich mit der letzten 
Kraft noch einmal empor und legte die Rechte 
segnend auf den Scheitel des knieenden Lieblings. 
„Hab' Dank, heilige Jungfrau, nimm ihn in 
Deinen besonderen Schutz. Dort oben Wieder 
sehn — "/hauchten die erblaßten Lippen. 
Dann waltete der Priester seines Amtes, und 
als die Dämmerung ihre Schatten senkte aus die 
müde Erde, war auch die Dulderin erlöst von 
allem Herzeleid. 
Magnus aber begrub mit seiner Mutter seines 
Lebens Glück, seiner Jugend Liebe, und aus dem 
frischen, lebensfreudigen'Jüngling wurde binnen 
kurzer Zeit der bleiche, ernste, strenge Bruder 
Eusebius. 
* * 
* 
Noch webt die Nixe duftige Schleier über das 
Fuldathal, da ziehen schon ganze Schaareu 
Gläubiger in die Thore der alten Bischofstadt, die 
heute Frohnleichnam feiert, das höchste Fest der 
katholischen Christenheit. Alles ist Glanz und 
Herrlichkeit, Leben und Bewegung. Die Straßen 
sind in grüne Alleen verwandelt, die Häuser ge 
schmückt mit Kränzen und Guirlanden, Heiligen 
bildern und Statuetten, die Fenster mit bunten 
Teppichen und brennenden Kerzen. Böllerschüsse 
hallen vom Michaelskirchlein, die Hosianna, die vor 
nehmste Glocke des Domes, verkündet mit ehernem 
Munde, daß sich die Prozession in Bewegung setzt, 
die Stadt durchziehend und an den im Freien, 
in den Straßen aufgebauten Altären den Segen 
empfangend. Ein schier endloser Zug! Schul 
jugend und Vereine mit Fahnen und Emblemen, 
die Geistlichkeit in Festgewändern, Nonnen und
	        

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