Full text: Hessenland (9.1895)

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den Krieg. Nach der Schlacht bei Aspern am 
20. und 21. Mai erhielt das in Eger zu 
sammengezogene Corps, etwa 7—800 Mann 
stark und unter dem Befehl des Oberstlieutenants 
und Flügeladjutanten, späteren Obersten von Müller 
stehend, die Aufgabe, mit dem Freicorps des 
Herzogs von Braunschweig-Oels, der sogenannten 
schwarzen Legion, sowie mit österreichischen Truppen, 
sämmtlich unter dem Oberbefehl des österreichischen 
Generals Am Endenach Sachsen zu marschiren 
gegen das sächsische Heer unter General Thiele 
mann. Die Streitkräfte des Generals Am Ende 
zählten gegen 10 000 Mann, 600 Pferde und 
20 Geschütze. Am 11. Juni zogen die ver 
bündeten Truppen in Dresden ein, welche Stadt 
geradezu fast ohne Flintenschuß überrumpelt 
wurde, und bestanden ein kleines Gefecht bei 
Wilsdruff nahe bei Dresden. Die demnächst in 
unmittelbarer Nähe des Städtchens kantonniren- 
den braunschweigischen und kurhessischen Truppen 
ließen die armen Einwohner alle Barbarei des 
Krieges fühlen —, sie hausten gleich einer Räuber 
bande. Am 22. Juni rückte General Am Ende 
in Leipzig ein. Auf die Kunde vom Anmarsch 
einer westfälischen Armee unter König Hiero 
nymus verließ er indeß wieder Leipzig, in das 
der König am 26. Juni an der Spitze seiner 
Truppen Einzug hielt, und räumte dann auch 
Dresden, wo der König am 1. Juli mit seiner 
Garde einrückte und sich als Befreier preisen 
ließ, obgleich er einen Feind nicht gesehen hatte. 
Der General Am Ende, der statt, wie ihm be 
fohlen, von Sachsen aus in das, Königreich 
Westfalen einzufallen, ohne Noth sich zurück 
gezogen hatte, wurde durch den österreichischen 
General Kien map er ersetzt. Dieser rückte, um 
ein Vordringen des französischen Generals Junot 
von Bayern her gegen Sachsen zu verhindern, 
über Zwickau an die Bayreuth'sche Grenze, wo 
Junot am 8. Juli bei Berneck und Gefrees am 
Fuße des Fichtelgebirges gezwungen wurde, sich 
über Bayreuth nach Amberg zurückzuziehen. In 
zwischen war die westsälisch-sächsksche Armee von 
Dresden aus über Plauen vorgerückt, um deni 
General Junot die Hand zu reichen. König 
Jerome zog sich aber vor dem ihm entgegen 
kommenden General Kienmayer über Schleiz und 
Neustadt a. d. Orla, wo am Abend des 14. Juli 
die Hessen ein kleines Vorpostengefecht mit den 
Westfalen bestanden, nach Erfurt zurück. Er 
entging der vom Herzog von Braunschweig ge 
planten Gefangennahme in Schleiz durch Verrath 
des Plans, was den Kurfürst von Hessen zu der 
sehr begreiflichen Randbemerkung veranlaßte 
„Solches sehr zu beklagen". Der rasche flucht 
ähnliche Rückzug des Königs von Westfalen 
findet eine Erklarnng in der unruhigen Bewegung 
in der Umgegend von Marburg, wo das Land 
volk und die alten kurhessischen Soldaten am 
23. Juni rebellisch geworden waren. Der Kur 
fürst, in Prag lebend, reiste aus diese Nachricht 
nach Eger ab, um sich von da an die Spitze 
seiner Truppen zu setzen und jene Erhebung zur 
Versagung der Franzosen und Wiedereinsetzung 
des alten Landesherrn in sein Land zu unterstützen. 
Indeß kam es dazu nicht. Der Wassenstillstand 
zu Znaim und der ihm folgende Wiener- 
Frieden ließen den Plan nicht zur Ausführung 
kommen. In Folge des Waffenstillstandes mußte 
General Kienmayer Sachsen räumen, und das 
kurhessische Corps mußte am 22. Juli den Rück 
marsch nach der böhmischen Grenze antreten. 
Es wurden ihm die Kreise Ellenbogen und Saatz 
in Böhmen als Kantonnements angewiesen. 
Der Herzog von Braunschweig betrachtete sich, 
ebenso wie der Kurfürst von Hessen, als souve 
räner Fürst: er hielt sich aber nicht an den 
Waffenstillstand gebunden und plante, mit seinem 
Freicorps die Nordsee und von da aus England 
zu erreichen. Während der Waffenruhe suchte er 
nun sein Corps durch Offiziere und Mannschaften 
der kurhessischen Legion zu ergänzen. Diese Erfolg 
versprechenden Schritte nahmen aber für die 
Offiziere der letzteren ein schlimmes Ende. Oester 
reichische Regimenter rückten am 2. September plötz 
lich in die hessischen Kantonnements und verhafteten 
mehrere Offiziere, — es waren nur ehemals 
preußische —, wegen Treubruchs gegen den Kur 
fürsten von Hessen. Sie wurden nach öster 
reichischen Kriegsartikeln zum Tode verurtheilt, 
indeß vom Kurfürsten zur Kassation und Festungs 
haft begnadigt. 
Mit dem Waffenstillstand, der sich sehr in die 
Länge zog, waren also die Hoffnungen des Kur 
fürsten, sein Land durch österreichische Hilfe wieder 
zu gewinnen, hinfällig geworden. „Wie sehr 
solches zu beklagen, nicht auszudrücken" schreibt 
er. Die in Hessen ausgebrochene Revolte konnte 
seinerseits nicht unterstützt werden —, wenigstens 
war der Oberstlieutenant von Müller, Befehls 
haber des hessischen Corps, verständig genug, nicht 
eigenmächtig in Hessen einzufallen, obgleich ihm 
sein Kriegsherr stillschweigend freie Hand gelassen 
hatte. Der Wiener Frieden vom 18. Oktober 
machte die Auslösung des kurhessischen Corps 
nothwendig; doch erfolgte sie erst am 27. De 
zember 1809. 
Nach der mit Oesterreich abgeschlossenen Kon 
vention stand es den Offizieren frei, mit ihrem 
Grade und ihrer Anciennetüt in österreichische
	        

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