Full text: Hessenland (9.1895)

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Otto Bähr. 
c4 m 20. Februar 1895 wurde zu Kassel der 
rf Reichsgerichtsrath a. D. Dr. Otto B äh r 
& V zu Grabe getragen. Die Nachricht von 
seinem Hinscheiden erregte weit über Hessens 
Grenzen hinaus die lebhafteste Theilnahme. Denn 
in dem Verstorbenen verlor die Wissenschaft einen 
ihrer hervorragendsten Vertreter, das deutsche 
Vaterland einen hochverdienten Bürger. Das 
Hessenland vor Allem aber sah in ihm einen 
seiner besten nnd treuesten Söhne scheiden. Darum 
sei auch an dieser Stelle des Verewigten in treuem 
Erinnern gedacht. 
Otto Bahr wurde am 2. Juni 1817 in 
Fulda geboren, wo sein Vater damals Regiments 
arzt war. Der Großvater war Stadtrezeptor in 
Ziegen Hain und entstammte einer bäuerlichen 
Familie aus dem Dorfe Todenhausen bei 
Ziegenhain. Im Frühjahr 1821 wurde der 
Vater zur Leibgarde nach Kassel versetzt, wo er 
in der Unterneustadt ein neben der Renterei 
belegenes Hans der alten Leipziger Straße bezog. 
Hier begann für Otto Bahr die Zeit des 
Lernens. Er war das einzige Kind aus des 
Vaters zweiter Ehe mit Li fette Reinhold 
aus Osnabrück. Die Mutter, eine geistig 
überaus regsame, dabei wirthschaftlich tüchtige 
Frau, richtete schon in seiner frühen Jugend ihr 
Streben daraus, für seine geistige Entwickelung 
zu sorgen. Sie selbst unterrichtete ihn in den 
ersten Ansangsgründen und förderte ihn so weit, 
daß er, nachdem er mit sechs Jahren noch lateinische 
Stunde erhalten hatte, Michaelis 1824 in die 
Quinta des Lyceums aufgenommen wurde. Ein 
Jahr daraus zog er mit den Eltern in das dem 
Stückgießer Henschel gehörige, neben dem Gieß 
haus gelegene „Freihaus" am Klosterplatz. 
Ostern 1834 ging er nach wohlbestandenem Ma- 
turitätsexamen aus die Universität Marburg, 
um Jura zu studiren. Nachdem er in den Jahren 
1835 und 1836 seine Studien in Göttin gen 
und Heidelberg fortgesetzt hatte, kehrte er zum 
Sommer 1837 nach Marburg zurück und be 
stand dort das Universitätsexamen. Ende Januar 
1838 erlangte er im Staatsexamen zu Kassel 
das Prädikat „sehr gut". Nachdem er drei 
Jahre bei dem Obergericht in Kassel als Re 
ferendar gearbeitet hatte, wurde im Frühjahr 
1841 seine Befähigung zum Richteramte aus 
gesprochen. Um auch die untergerichtliche Praxis 
kennen zu lernen, ließ er sich im Herbst 1841 
an das Stadtgericht in Kassel versetzen. Im 
Frühjahr 1842 wurde er zu vorübergehenden 
Arbeiten in das Ministerium des Innern berufen. 
Es wurde ihm damals nahegelegt, in die Ver 
waltung überzutreten. Er empfand jedoch keine 
Neigung dazu, unterzog sich vielmehr, um sich die 
Möglichkeit alsbaldigen Eintritts in ein Ober 
gericht zu eröffnen, im Lauf des Jahres 1843 
dem zweiten Staatsexamen, das er ebenfalls mit 
dem Zeugniß „sehr gut" bestand. Auf Grund 
desselben wurde er vom 1. Mai 1844 an zum 
Obergerichtsassessor in Kassel bestellt. Im 
folgenden Jahre verheirathete er sich mit einer 
Tochter des Kommerzienraths Pfeiffer in Kassel. 
Ein Onkel seiner Frau war der als hervor 
ragender hessischer Jurist wohlbekannte Ober- 
appellativnsgerichtsrath Burchard Wilhelm 
Pfeiffer. Dieser veranlaßte ihn im Jahr 1846 
oder 1847 zu einem ersten schriftstellerischen Ver 
such. Es war dies der Artikel „Pacht- und 
Mi eth vertrag" in Meiste's Rechtslexikon. 
Im Jahr 1848 wurde B ähr in eine Kommission 
zur Ausarbeitung eines Zivilprozeßgesetzes berufen, 
1849 zum Obergerichtsrath ernannt. Die Thätig 
keit der Kommission blieb in Folge der politischen 
Ereignisse ohne praktisches Ergebniß. Bähr ge 
wann aber aus dieser Beschäftigung die Anregung 
dazu, später (1851) eine Erläuterung zu den 
zivilprozessualischenBestimmungen des provisorischen 
Gesetzes vom 22. Juli 185 t herauszugeben. 
Von entscheidender Bedeutung für Bähr's 
Geschicke wurde Hassenpflug's im Jahre 1850 
erfolgende Rückkehr nach Hessen. Bekanntlich 
nahm Hassenpslug alsbald den Kampf mit den 
Laudständen auf und schritt schließlich dazu. durch 
landesherrliche Verordnungen (die sog. September 
verordnungen) die Forterhebung der Steuern ohne 
ständische Bewilligung auszuschreiben, den Kriegs 
zustand zu erklären und die wichtigsten politischen 
Rechte der Unterthanen zu suspendireu. Das
	        

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