Full text: Hessenland (9.1895)

geneigtheit der hessischen Bevölkerung in Stadt 
und Land zur ordentlichen Besoldung von Land 
ärzten noch lange andauerte. Hatte Eschwege 
doch in der zweiten Hülste des^sechzehnten Jahr 
hunderts seinen ersten Arzt in dem gelehrten 
Theophil Gualtherus, der aber Eschwege 
bald verließ, weil er sein Auskommen nicht fand, 
nach Goslar verzog und dort sein Glück machte. 
Seinem Nachfolger Martin Rhenanus, der 
zuvor Leibarzt des Erzbischofs von Bremen und 
des Herzogs von Holstein gewesen war, ging es 
nicht besser, obgleich in der ganzen Umgegend — 
dem jetzigen Kreis Eschwege — kein anderer Arzt 
zu finden war. Melander — „joco-seria“ — 
erzählt folgende Anekdote aus dessen Leben, 
die charakteristisch für die damaligen Verhältnisse 
ist. Auf einem Spaziergang begegnete unserm 
Doktor ein bekannter Eschweger Witzbold Namens 
Berthvld Scheffer und redete ihn also an: 
„Ich wünsche dem Herrn Doktor einen guten 
Tag; wo gedenkt denn der Herr Doktor hinaus? 
Wenn er mit mir gehen möchte, wollte ich ihn 
an einen Ort führen, da er das Wasser besehen 
sollte." Daraufhin führte er ihn aus die Werra- 
Brücke und sagte: „Herr Doktor, Ihr klagt 
immer, daß Euch Niemand das Wasser zu sehen 
bringe und wollet deshalb von uns ziehen; hier 
habt Ihr Wasser vollauf zu besehen." — 
Wie die Verordnung aber in der Besiegung 
des Stvrgerthums ihren schweren Stand hatte, 
möge man daraus entnehmen, daß der Schreiber 
Ulaldi-yll. 
In dem warmen Frühlingshanch 
Hell der Himmel blaute. 
Er ist schuld, daß ich in's Aug' 
Dir zu lange schaute. 
Blüthenzweige windbewegt 
Streiften sich im Haine. 
Sie sind schuld, daß sich gelegt 
Deine Hand in meine. 
Durch's Gezweig war ja so warm 
Sonnenschein gedrungen. 
Er ist schuld, daß ich den Arm 
Fest um Dich geschlungen. 
Vöglein sang im Strauch so hell, 
Hab' es wohl verstanden. 
Es ist schuld, daß sich so schnell 
Unsre Lippen fanden. 
<£. Siebert. 
dieses noch in den dreißiger Jahren dieses 
Jahrhunderts einen fahrenden, alten Zahnreißer 
gesehen und gekannt hat. Derselbe hieß Noth- 
acker und war gebürtig t»ou Borken. Regel 
mäßig erschien er auf den Jahrmärkten meiner 
Vaterstadt Homberg, ein altes Nänzcheu mit 
seinen Instrumenten an der Seite und an 
Leinen ein ganzes Koppel — oft sechs bis acht 
Stück — kleiner Hunde: Pudel, Pinscher, Teckel, 
Wachtelhüudchen und dergleichen mit sich führend. 
Vor den Häusern pfiff er gewöhnlich auf einer 
sogenannten Lümper - Pfeife ein lustiges Stück 
und ließ die Hunde darnach tanzen und springen. 
Darnach trat er in die Häuser ein und rief: 
„Glnmnrerts?" *) Und — — nun die Be 
völkerung hatte Zutrauen zu dein alten Burschen, 
und er machte es billig. Für zwei Groschen holte 
er den schlimmsten Zahn. Das zog bei einer 
Bevölkerung, die auf das Geld zu sehen hatte. 
Doch hat es ihm auch manchmal überdies ein 
paar Wochen freie Kost und frei Logis in dem 
nahen Ziegenhain eingetragen. 
Die Kurpfuscherei stirbt eben nie ganz aus; 
sie treibt auch noch Ende des neunzehnten Jahr 
hunderts ihr Wesen, nur mit dem Unterschied, 
daß sie ihr Gewand gewechselt und den Ort 
ihrer Thätigkeit non den öffentlichen Märkten 
und Plätzen in die Anzeigentheile der Zeitungen 
verlegt hat. 
*) Glummerts — glimmt es, was soviel Peißen sollte, 
ob Zähne heimlich schmerzten. 
£5*- 
Ans alter und neuer Ieit. 
Schenkungsbrief Landgraf Philipp's 
des Großmüthigen. Der am 9. September 
1558 im 65. Lebensjahr verstorbene M. Ada ne 
Kraft aus Fulda, auch Crato Fuldensis und 
M. Adam Fulda genannt, war von bescheidenem, 
humanem Charakter, sehr gelehrt und um die 
Verbesserung des Kirchen- und Schulwesens) in 
Hessen sehr verdient. Landgraf Philipp der 
Großmüthige bestellte ihn zum Visitator und 
Superintendenten der Marburger Kirchendiözese zu 
Marburg, woselbst er Professor der Theologie 
war. Der Fürst schenkte ihm sein ganzes Ver 
trauen und verwendete ihn bei den meisten das 
Reformationsinteresse betreffenden Verhandlungen. 
Ter nachstehende Brief des Landgrafen an Kraft, 
auniii er diesem in Anerkennung der von Kraft 
geleisteten treuen Dienste ein freies Hans*) zu Mar- 
*) Tas erwähnte freie Hüus ist das später dem Re- 
gierungsprokurator von Gehren gehörige gewesen.
	        

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