Full text: Hessenland (9.1895)

76 
nissen, wie wir gleich sehen werden. In der 
Kirche zu Kirchhain stehen unter dem Thurme 
zwei alte, große hölzerne Tafeln, welche früher 
in der Kirche aufgehängt waren. Aus diesen in 
goldenen Buchstaben sind die Namen jener Per 
sonen aufgeführt, welche sich um die Armen der 
Stadt Kirchhain verdient gemacht haben. Eine 
dieser Tafeln, welche Personen aus der zweiten 
Hälfte des 16. Jahrhunderts aufführt, trägt folgende 
Inschrist: „Legata Capitalia clero jährlichen 
pensiones die Hausarmen zu geniesen.“ Unter 
den Personen, welche auf dieser Tafel stehen, be 
findet sich auch „Herr Konrad Lenden roth" 
mit 40 Gulden verzeichnet. Im Jahre 1597 
hat derselbe Konrad Leudenroth für die 
Armen der Stadt Neustadt 10 Gulden geschenkt, 
wie aus alten Neustädter Akten zu ersehen ist. 
(Fortsetzung folgt.) 
Vor dreihundert Jahren. 
Kulturgeschichtliche Skizze von Ludwig Mohr. 
? 
^Jjjlie es vor dreihundert Jahren um die 
tjJj öffentliche Gesundheitspflege bestellt war, 
\ geht daraus hervor, daß es am Schluffe des 
sechzehnten Jahrhunderts iln Lande zu Hessen nur 
fünf Apotheken gab, zu Kassel, Eschwegel 1598), Mar 
burg, Hersfeld und Treysa au der Schwalm; auch 
mit den Aerzten auf deni platten Lande war es nicht 
zunl Besten bestellt, da sich dieselben meist in den 
größeren Städten niederließen. Das war die 
Erntezeit marktschreierischer Afterärzte von der 
Sorte Dr. Eisenbart's, dem das Volkslied in 
köstlich humoristischer Weise die Unsterblichkeit 
gesichert hat; ferner der fahrenden Zahnreißer 
und Wurmschneider, der Störger und Theriaks- 
krämer, welche von Messe zu Messe, von Jahr- 
markt zu Jahrmarkt, von Wallfahrtsort zu 
Wallfahrtsort, von Kirmes; zu Kirmeß zogen, 
ihre Buden aufschlugen lind durch Ausstellung 
aufgeputzter Affen, wilden Gethiers und Gevögels 
und anderer Naturseltsamkeiten sowohl, als auch 
durch Ausschneiderei und Possenreißerei die leicht 
gläubige Menge anzulocken suchten. Hatte das 
seine Zugkraft geübt, war ein genügender Hause 
Gaffer versammelt, dann erschien gewöhnlich der 
Wundermann in abentheuerlicher, fremdländischer 
Gewandung, die darauf berechnet war, das Eiu- 
bildungsvermögen der Leute zu bestechen, lud zum 
Ausnehmen der Zähne rc. ein, pries feine Wunder 
mittel an und forderte schließlich zum Kaufe 
derselben auf. 
Unter alle den Wundermitteln, die solchergestalt 
an den Mann zu bringen versucht wurden, war 
das begehrteste der Theriak, der schon in dem 
Alterthume als untrügliches Gegengift bei Hoch 
und Niedrig in großem Ansehn stand. Es war 
das ein Gemisch von über hundert der ver 
schiedensten Pflanzenfäfte, flüchtigen Oele und 
andern vffiziuellen und nicht offizinellen Stoffen, 
worunter namentlich ein Gift genannt sei, das 
die Störger — der damalige landläufige Name 
der Theriakskrämer — des Harzes und des 
: Thüringer Waldes den Gistzähnen der in diesen 
Gebirgen häufig vorkommenden Vipern entnahmen. 
Da es diesen landläufigen Gesellen bei An 
preisung ihres Theriaks darauf ankam, auch 
dessen wundertätige Wirkung dem Volke augen 
scheinlich zu machen, so hatten sie gleichzeitig, eine 
Menge Kunststückchen zur Hand, die auf Täuschung 
berechnet waren und selten bei der leichtgläubigen 
Menge versagten. Wir greifen unter den vielen 
dasjenige heraus, das in dem Grimmelshausen'schen 
Roman „Der abentheuerliche Simpli- 
eissimns" im achten Kapitel des vierten Buches 
äußerst lebendig erzählt wird unb das betrügerische 
Treiben dieser Leute trefflich geißelt. 
Die geehrten Leser werden gebeten, sich den 
Störger, umdrängt von einer neugierigen, er 
wartungsvollen Menge vorzustellen, wie er hinter 
einem Tische weilt, aus welchem rechts und links 
ein Glas steht. Zwischen ben Gläsern liegt eine 
große eiserne, recht in die Augen fallende, so 
genannte Feuerkluft (Kohlenzange.) Das Glas 
rechts ist zu Dreivierteln mit farblosem Brannt 
wein oder Spiritus, das Glas links aber mit 
klarem Brunnenwasser angefüllt. Der Inhalt 
beider Gläser erscheint also dem Auge der gleiche 
zu sein. In dem mit Wasser gefüllten Glase 
links befindet sich eine jener oraugegelben oder- 
goldgelben, an Bauch und Brust schwarzscheckigen, 
kleinen Kröten, welche unter dem Namen Rölinge 
bekannt sind, an warmen Frühlings- und Sommer 
abenden in Teichen, Gräben und Pfützen in ohr 
zermarternder Weise ihr Minnelied anstimmen 
und bei dem Landvolk noch heutzutage als 
äußerst giftig verschrieen sind. Zur Seite der
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.