Full text: Hessenland (9.1895)

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Ein gefälschter Brief. 
711 eber die viel umstrittene Frage des sogen. 
Soldatenverkaufes wird unter den deutschen 
j ' Publizisten und Historikern wohl nie eine 
Einigung erzielt werden, sondern nach wie vor Auf 
fassung gegen Auffassung stehen. Das Eine aber 
müssen wir Hessen wenigstens verlangen dürfen, 
daß nämlich unsere Landesfürsten für ihre Hand 
lungsweise nicht ungünstiger angesehen werden als 
andere Fürsten Deutschlands für ihr Thun unter 
ganz ähnlichen Verhältnissen, daß vielmehr der alte 
Spruch: Gleiches Recht für Alle, auch ihnen 
gegenüber in Geltung bleibe. Vollends ist es die 
Pflicht der hessischen Geschichtsschreibung, immer 
wieder von neuem nachdrücklichst Einspruch zu 
erheben, wenn Entstellungen und Fälschungen, die 
sich offen als solche erkennen lassen, unbekümmert 
um alle bereits erfolgten Berichtigungen und 
Widerlegungen, mögen sie noch so schlagend sein, 
hartnäckig ihre Wiederauferstehung feiern. Dies 
gilt z. B. auch für einen Brief, den Franz 
(von) Löher im Jahre 1847 in seinem Buche 
über „Geschichte und Zustände der Deutschen in 
Amerika" auf Seite 182 abdruckt. Dieser Brief, 
den ein „Gras von Schaumburg, Prinz 
von Hessen-Kassel" angeblich unter dein 
8. Februar 1777 an den Fr ei Herrn v. Hohen 
dorfs, Oberbefehlshaber der hessischen Truppen 
in Amerika, geschrieben haben sott, hat folgenden 
Wortlaut: 
„Baron Hvhendorff! Ich erhielt zu Rom bei meiner 
Zurückkunft von Neapel Ihren Brief vom 27. Dezember 
letzten Jahres. Ich sah daraus mit unaussprechlichem 
Vergnügen, welchen Muth meine Truppen bei Trenton 
entfalteten, und Sie können sich meine Freude denken, 
als ich las, daß von den 1950 Hessen, welche in dem 
Gefecht waren, nur 300 entflohen. Da wären denn 
gerade 1650 erschlagen, und ich kann nicht genug Ihrer 
Klugheit anempfehlen, eine genaue Liste an meinen 
Bevollmächtigten in London zu senden. Diese Vorsicht 
wird um so mehr nöthig sein, als die dem englischen 
Minister zugesandte Liste ausweist, daß nur 1455 ge- 
fallen seien. Auf diesem Wege sollte ich 160 050 Gulden 
verlieren. Nach der Rechnung des Lords von der 
Schatzkammer würde ich bloß 488450 Gulden bekommen, 
statt 643500 Gulden. Sie sehen wohl ein, daß ich in 
meiner Forderung durch einen Rechenfehler gekränkt 
werden soll, und Sie werden sich daher die äußerste 
Mühe geben, zu beweisen, daß Ihre Liste genau ist und 
seine unrichtig. Die britische Regierung wendet ein, 
daß 100 verwundet seien, für welche sie nicht den Preis 
von todten Leuten zu bezahlen brauchte. Erinnern Sie 
daran, daß von den 300 Laeedämvniern, welche den 
Paß bei Thermvphlä vertheidigten, nicht Einer zurück 
kam. Ich wäre glücklich, wenn ich dasselbe von 
meinen braven Hessen sagen könnte. Sagen 
Sie Major Mindorff, daß ich außerordentlich unzufrieden 
bin mit seinem Benehmen, weil er die 800 Mann ge 
rettet habe, welche von Trenton entflohen. Während 
des ganzen Feldzuges sind nicht zehn von seinen Leuten 
gefallen." 
Obschon bereits mehrfach der Beweis erbracht 
ist, daß das angezogene Schreiben nicht echt sein 
kann, mithin alle daraus gezogenen Schlüsse 
hinfällig werden; — man vergleiche nur die 
Aufsätze „Landgraf Friedrich II. und die todten 
Hessen von Trenton" von D. L. in den damals 
von Gustav Freytag und Julian Schmidt 
redigirten „Grenzboten", Jahrg. 17, Nr. 29 vom 
16. Juli 1858, Seite 92—101, und „Eilt Schand- 
blatt deutscher Geschichte" in den „Hessischen Blät 
tern" vont 26. Juni 1875, vermuthlich von 
Wilhelm Hopf, —so zwingend, daß der Ab 
geordnete Di-. Ha mm ach er, der sich 1875 in 
einer Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses 
auf das Schreiben berufen hatte, genöthigt war, 
gleichfalls in öffentlicher Sitzung selbst die Un 
echtheit des von ihm verlesenen Schriftstücks anzu 
erkennen (Stenographische Berichte 1875, Bd. 3, 
S. 1929), haben es rnehrere deutsche Zeitungen 
verschiedener politischer Richtung, wie die sozial 
demokratische „Neue Welt", der nationalliberale 
„Hannoverische Kourier" - und zuletzt die deutsch- 
soziale bezw. antisemitische „Tägliche Rundschau" 
in der Unterhaltungsbeilage der Nr. 55 von 
Mittwoch dem 6. März d. I., S. 220, neuer 
dings dennoch für angebracht gehalten, den Brief 
auszugraben. Hoffentlich werden nun auch die 
genannten Blätter nicht zögern ihren Irrthum 
einzuräumen, zumal, wenn sie hier nochmals die 
Gründe kurz zusammengefaßt sehen, aus beiten 
die Unechtheit -des in Rede stehenden Schreibens 
mit Bestimmtheit hervorgeht. — Gleich der Titel 
des Schreibers des Briefes muß Verdacht erwecken. 
Einen „Grafen von Schaumburg und Prinzen 
von Hessen-Kassel" giebt es nicht. Ferner stand
	        

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