Full text: Hessenland (9.1895)

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von einer nächtlichen Ueberraschung, welche die 
Bewohner desselben durch den kecken Näuberführer 
Schinderhannes und seine verwegenen Gesellen 
erfuhren. Kirchbracht ist das höchstgelegeue Pfarr- 
dorf im Amtsbezirke Birstein, nach dem hohen 
Vogelsberg hin ungefähr zwei Wegestunden von 
dem Amtsort und Flecken gleichen Namens entfernt. 
Kirche und Pfarrhos liegen außerhalb des Dorfes. 
Erstere erhebt sich auf einer sanft ansteigenden, 
nach Süden hin verlaufenden Höhe, umgeben 
von einem uralten Friedhose, den der schmale 
Kirchwcg von dem nach Norden zu abfalleuden 
Pfarrgarten trennt. An dessen unteres Ende 
schließt sich, ziemlich abseits vom Dorfe, der 
Pfarrhos au, weltverlassen, wenn in regnerischer 
Herbstzeit brausende Weststürme die mächtigen 
Kronen der drei alten, stolzen Linden vor der 
Kirche durchwühlen, oder in düsterer Winterzeit 
die einzigartigen Schncewirbel das Pfarrhaus 
selbst vom nächsten Verkehre des Dorfes ab 
schneiden. 
Hier waltete in dem zweiten Jahrzehnt unseres 
Jahrhunderts Pfarrer Emmerich, der Anfangs 
der 40er Jahre hochbetagt als Pfarrer in Langen- 
diebach gestorben ist. Er stand damals in den 
besten Mannesjahrcn und hatte erst vor Kurzem 
eine tüchtige Jungfrau als Gefährtin in die 
ländliche Einsamkeit und Stille seines Pfarr 
hauses heimgeführt. Wohl war auch bis hierher 
die Kunde von den aller Menschlichkeit hohn 
sprechenden Räubereien des Schiuderhannes, die 
er iin Kinzigthale verübte, gedrungen. Aber niemals 
hielt man es für möglich, daß der gefürchtete 
Räuber auch hier einmal einen unliebsamen 
Besuch abstatten könne, zumal der Vogelsberg 
damals als recht arm galt, und eine nächtliche 
Raubsahrt für die Banditen nicht lohnend genug 
schien. Da, in einer dunklen Herbstnacht, — 
die Pfarrersleute waren schon längst zur Ruhe 
gegangen —, wurde es im Pfarrhause lebendig 
und mit Laternen in der Hand traten drei ver 
mummte Gestalten in des Pfarrers Schlafgemach, 
wüste Gesellen von hohem kräftigen Wuchs und 
trotzigen Geberden. Sie machten nicht lange 
Federlesens mit den vor Schrecken bestürzten und 
sprachlos gewordenen Pfarrersleuten, banden deren 
Hände und Füße zusammen und legten sie in 
diesen Fesseln auf den Fußboden, dicht vor einen 
schweren, eichenen Kleiderschrank. Jeden ängstlichen 
Seufzer der Geknebelten bedrohte der Wortführer 
der Bande mit Erschießen. So mußten denn 
die Unglücklichen sich ihrem schweren Schicksal 
ergeben und Haus, Hab und Gut den Räubern 
ohne Wehr überlassen. Diese durchsuchten gründlich 
das ganze Haus und hießen alles mitgehen, was 
ihnen werthvoll genug und brauchbar erschien. 
Indessen standen die beiden Gefesselten in ihrer 
bejammernswerthen Lage die schrecklichste Todes 
angst aus. Ter schwere Kleiderschrank nämlich, 
vor dem sie lagen, war in Folge des Hin- und 
Herlansens der Räuber in den Stuben stark ins 
Wanken gerathen und drohte jeden Augenblick 
umzustürzen — ihr sicherer Tod! Da, in der 
höchsten Noth, kam ihnen glücklicher Weise Hülse. 
Das Dienstmädchen der Pfarrersleute hatte das 
Hantieren der Räuber wahrgenommen, sich aber 
bisher aus Furcht, entdeckt zu werden, ruhig ver 
halten. Als aber einer der Banditen die Thür 
ihrer Kammer aufzubrechen suchte, sprang sie 
beherzt durch's Fenster und lies aus Leibeskräften 
über den nahen Wiesenplan nach bcm Torfe hin. 
Ein wachehaltender Räuber gewahrte sie und 
schoß nach ihr, glücklicherweise ohne zu treffen. 
Ter Schuß und das Geschrei des Mädchens 
scheuchten die Bewohner des Torfes aus dem 
Schlafe auf. Beherzte Männer bewaffneten sich 
schnell mit Aextcn und Gabeln, ihrem bedrängten 
Pfarrer Hülfe zu bringen, andere laufen eilends 
nach der Kirche, mit der Sturmglocke die Männer 
der naheliegenden Nachbardörfer herbeizurufen. 
Es war nicht mehr nöthig, das Nest war aus- 
geflvgen. Die Räuberbande hatte die Bewegung 
im Dorfe bemerkt und war Hals über Kops 
davongegangen. Zur Deckung ihres Rückzuges 
hatten sie vorsichtigerweise das Schlüsselloch der 
einzigen Kirchthüre vernagelt, wodurch sie das 
Herbeirufen einer größeren Anzahl von Verfolgern 
vereitelten. Tie armen Pfarrersleute hatten sie 
in ihrer qualvoll gefährlichen Lage liegen lassen, 
aus der diese von den herbeieilenden Pfarrkindern 
endlich befreit wurden. 
Die kecke und zugleich brutale Art des Ueber- 
salles ließ sofort den Schinderhanues inib seine 
Baude als die Uebelthäter vermuthen, was später 
von dem Räuberhauptmann selbst bestätigt wurde. 
Als sein wüstes Treiben und die rücksichtsloseste 
Verwegenheit ihn und seine Gesellen endlich in 
die Hände der Gerechtigkeit fallen ließ, gestand 
er im Verhöre, auch den Einbruch im Pfarrhause 
zu Kirchbracht verübt zu haben. Dabei fand 
sich's auch, warum er in jener Nacht soweit vom 
Kinzigthale weg seine Beute droben im Vogels 
berg gejucht hatte. Sein Besuch war ursprünglich 
dem Hause eines begüterten Beamten im 
„Hutten'scheu Grund" zugedacht gewesen, 
war aber durch die Vorsicht und Wachsamkeit 
des jedenfalls gewarnten Beamten vereitelt worden. 
Eilends entwichen die Räuber vor ihren Ver 
folgern in die Berge, und um nicht vergeblich 
„gearbeitet" zu haben, nahmen sie das einsam
	        

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