Full text: Hessenland (9.1895)

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stehen, durfte eine der ersten sein, die zum glück 
lichen Erfolg des Buches gratulirten, und war 
ferner Zeuge ihres unermüdlich thätigen, geistigen 
Schaffens. 
Als Lilly dann später ihr zweites Werk „In. 
Lehnspflicht" bearbeitete, war meine Freude 
an ihrem regen Fleiß, der frischen Darstellungs- 
fühigkeit natürlich eine noch größere, denn dieser 
historische Roman spielte ja in mir bekannter 
heimathlicher Gegend. Ging ich nach Barchfeld, 
sah ich die Ruine des Liebenstein, bcn Altenstein 
vor mir, und noch heute lebt für mich beim 
Anblick beider Schlösser und der Gebirgskette 
der thüringer Waldberge jene Zeit, aber auch 
das Andenken an die Verfasserin fort. — 
Noch bevor aber „In Lehnspflicht" vollendet, 
fand Lilly's Verlobung mit Herrn Buchhändler 
Wigand aus Kassel am 22. Juni 1883, und zwar 
zu Fulda statt; — wenige Wochen danach, am 
5. August, die Trauung in der Kirche zu Barchfeld. 
Die Trennung von meiner geliebten Freundin, 
welche ich mit den besten Glück- und Segenswünschen 
in die neue Heimath „im lieben Hessenlande" 
scheiden sah, ward mir sehr schwer, und viel 
schmerzlicher noch würde das Entbehren geworden 
sein, wenn nicht unser Verkehr in Briefen und 
gegenseitigen Besuchen im Laus der Jahre fort 
bestanden hätte; — auch an ihren Werken durfte 
ich weiter Theil nehmen und erhielt nach dem 
Erscheinen gleich die Bücher „Allzeit getreu", 
„Gute Zeit im Lande", und „Vor der 
Fremdherrschaft" zugesandt, — das letzte: 
„Unter König Jorome" wenige Tage vor 
ihrem Ende. — 
Am 11. Mai 1893 traf Lilly der schwere 
Verlust ihres Gatten. Es war eine sehr glückliche, 
auf gegenseitiger Liebe und Achtung beruhende Ehe 
gewesen, welche der Tod getrennt; um so schmerz 
licher die Trennung, zumal Lilly sich in jener 
Zeit selbst schon krank fühlte. 
Ich hatte sehr gehofft, sie im vergangnen Sommer 
bei mir haben zu dürfen, da ihr Befinden mir 
schon länger Besorgniß einflößte. Der Aufenthalt 
in Allendorf, wo ich sie mit großer Liebe und 
treuer Sorgfalt umgeben und pflegen wollte, die 
Stille des Landlebens, in der ihr wohlbekannten 
Gegend, dachte ich, würde von gutem Erfolg sein, 
ich überzeugte mich aber während eines Aufent 
halts in Wahlershausen, daß sie wegen der in 
Dr. Greveler's Kuranstalt begonnenen ärztlichen 
Behandlung bleiben mußte, nahm mit schwerem 
Herzen Abschied, ahnend fast, daß es der letzte 
sein würde. — 
So traf mich die Todesnachricht vom 3. Dezember 
v. I. nicht ganz unvorbereitet, auch brieflich hatte 
sie oft von ihrem nahen Ende gesprochen, mit 
dem Wunsche, „daheim" sein zu dürfen, — die 
letzte Nachricht geschlossen, indeß man hofft ja 
doch stets das Beste, und so wird mir der Verlust 
meiner lieben Freundin, deren Urtheil und Rath 
mir von großem Werth, mit der inniges Vertrauen 
mich verband, recht schwer, betrauere ich sie wahr 
und tief; nicht um sie zurück zu haben in ein 
Leben, das ihr zuletzt viel Leid und wellig Freude 
gab, sondern um mich Denen anzuschließen, die 
ihr Andenken treu in Ehren halten, heißt es doch: 
Dem Auge fern, 
Dem Herzen ewig nah. 
In dieser Gewißheit spreche ich auch meinen 
Dank aus, Gelegenheit haben zu dürfen, um zu 
beweisen, wie werth mir die Erinnerung an die 
Vollendete ist. 
Elisabeth von Wintzingerode 
geb. von Türcke." 
Diesen schönen, von echter Freundschaft durch 
wehten .und aus der Unmittelbarkeit des Gefühls 
entsprossenen Zeilen fügen wir noch diejenigen 
Nachrichten hinzu, welche Herr Generalmajor z. D. 
Ferdinand Freiherr von Stein uns zu 
übermitteln die Liebenswürdigkeit hatte.*) 
Danach ist Johanna Elisabeth Hillebrand am 
19. Januar 1833 geboren. Ihr Vater war 
ein sehr vorzüglicher Offizier, vor der 1850er 
Katastrophe Oberstlieutenant und Konunandenr 
des selbstständigen Schützenbataillons in Kassel. 
Hieraus wurde er Kommandant von Schmalkalden, 
und ich glaube auch noch von Oldendorf**), wo er 
einem Schlaganfall, tiefbetrauert von den Seineil 
und allen seinen Freunden, erlag. Lilly's Mutter 
zog dann erst nach Kassel und später nach Hanau. 
Wie sie nach dem Tode der Mutter in das Haus 
der Frail von Stein, der Tante des oben 
genannten Herrn von Stein, eintrat, wurde bereits 
erwähnt. Sie war derselben eine treue, in Freud' 
und Leid bewährte Freundin und wurde von 
dieser mütterlich geliebt.. Im Jahre 1875 zog 
sie mit ihr von Kassel nach Barchfeld an der 
Werra, nahe bei Liebenstein, Altenstein, Salzungen, 
Schmalkalden, Jnselsberg, Reinhardsbrunn, unweit 
von Eisenach und der Wartburg. In diesem 
schönen Theile Thüringens hatte Lilly Hillebrand 
schon (Anfang der 50er Jahre) als junges Mädchen 
mit ihren Eltern inr damals hessischell Schmalkalden 
mit die glücklichsten Jahre ihrer Jugend durchlebt 
*) Im klebrigen verweisen wir ans diejenigen Nachrichten 
über die Familie Hillebrand, welche in der vorigen 
Nummer dieser Zeitschrift durch Herrn G. Th. D. gebracht 
worden sind. 
**) Die eben angeführten Familiennachrichten nennen 
Rinteln als den fragl. Ort, siehe die vorige Nummer.
	        

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