Full text: Hessenland (9.1895)

53 
schon zu Bett seien, nachdem dieser die Frage 
bejaht hatte, sagte er vergnügt zu seinem Bruder: 
„Kannst Du Klavier spielen, Juanito?" 
„Ja, ich spiele." 
„Dann wollen wir meiner Frau und meinen 
Kindern eine Ueberraschung bereiten." Und er ! 
führte und setzte den Bruder an's Piano. Dann 
öffnete er den Deckel, damit man die Musik 
besser hören könne, öffnete behutsam die Thüren j 
und führte alles Mögliche aus, um im Hause > 
eine Ueberraschung vorzubereiten, aber Alles ganz 
leise auf den Fußspitzen gehend. — Er sprach im 
Falset, machte Zeichen und komische Fratzen, 
worüber Juan, als er es bemerkte, lachen mußte 
und nicht umhin konnte, auszurufen: 
„Immer noch der alte Santiago." 
„Jetzt spiele, Juanito, spiele mit Deiner ganzen j 
Kraft!" 
Der Blinde begann einen Kriegsmarsch zu 
spielen. Das schweigende Haus belebte sich sofort, 
wie eine Musikdose, die aufgezogen wurde. Die 
Töne überstürzten sich beim Anschlagen, aber 
immer im kriegerischen Rhythmus. Zuweilen rief 
Santiago dazwischen: 
„Stärker, Juanito, stärker!" 
Und der Blinde schlug immer mit erneuter 
Kraft auf die Tasten. 
„Jetzt bemerke ich meine Frau, hinter dem 
Vorhänge —, weiter, Juanito, weiter!" 
„Die Aermste ist im Nachtkleide. Bst, bst — 
ich thue als ob ich sie nicht bemerke —, sie wird 
glauben, daß ich toll geworden sei. Weiter, 
Juanito, weiter!" 
Juan gehorchte seinem Bruder, obgleich gegen 
Willen, denn er wünschte seine Schwägerin kennen 
zu lernen und seinen Neffen und seine Nichte zu 
umarmen. 
„Jetzt sehe ich meine Tochter Manolita —, 
gleichfalls im Nachtkleid —, schweige —, auch 
Paquito ist aufgewacht. Habe ich Dir nicht ge 
sagt, daß sie Alle erschrecken werden. Nur fürchte 
ich, sie werden sich erkälten, wenn sie noch lange 
so herumgehn. Spiele nicht weiter, Juan, nicht 
weiter." 
Die höllische Musik verstummte. 
„Und nun kommt! Adele, Manolita, Paquito! 
Umhüllt Euch ein wenig und kommt, meinen 
Bruder Juan zu umarmen. Juan ist da, von 
dem ich Euch so viel erzählte, ich fand ihn soeben 
sterbend in der Straße, im Schnee erfrierend. 
Kommt, zieht Euch geschwind an!" 
Die edele Familie Santiago's kam sofort, den 
Blinden zu begrüßen. Die Stimme seiner Gemahlin 
klang ihm sanft und harmonisch, er glaubte die 
der Jungfrau zu vernehmen. Er bemerkte, daß 
sie weinte, als ihr Mann ihr erzählte, in welcher 
Weise er ihn gefunden habe, und sie wollte 
der Sorgfalt Santiago's noch die ihre hinzufügen. 
Sie befahl eine Wärmflasche zu bringen und stellte 
sie eigenhändig unter Juans Füße, dann hüllte 
sie ihm die Beine in eine Decke und setzte ihm 
eine Sammtmütze aus den Kops. Die Kinder 
sprangen im Zimmer herum, liebkosten ihren Onkel 
und ließen sich von ihm liebkosen. Und dann 
lauschten Alle still und bewegt den Erzählungen 
seiner Leiden. Santiago schlug sich au den Kops, 
seine Gemahlin weinte. Die Kinder streichelten 
ihm verblüfft die Hände. 
„Du wirst nie wieder ohne Regenschirm in 
die Straße gehn und keinen Hunger mehr haben, 
nicht wahr, Onkel? Ich will es nicht, auch Manolita 
nicht und Papa und Mama!" 
„Willst Du ihm nicht Dein Bett geben, Paquito?" 
fragte Santiago, sofort wieder heiter geworden. 
„Aber er wird nicht hinein passen, Papa. Im 
Saal ist ein anderes, ganz großes —, ganz 
großes." — — 
„Ich will jetzt kein Bett," unterbrach ihn Juan,' 
„ich fühle mich hier so wohl." 
„Thut Dir der Magen nicht mehr weh! wie 
vorher?" fragte Manolita ihn umarmend und 
küssend. 
„Nein, mein Kind, nein — Gott segne Dich — 
es thut mir nichts mehr weh — ich bin sehr 
glücklich — — nur müde bin ich — die Augen 
fallen mir zu — ohne es verhindern zu können." 
„Aber unseretwegen kannst Du schlafen, Juan" 
— sagte Santiago. 
„Ja, Onkelchen, schlafe, schlafe", sagten zu 
gleicher Zeit Manolita und Paquito, indem sic 
die Arme um seinen Hals legten und ihn mit 
Zärtlichkeiten überschütteten 
Und er schlief wirklich — und erwachte im 
Himmel. 
Als es am anderen Morgen zu tagen begann, 
stieß ein Agent der öffentlichen Ordnung aus 
seinen Leichnam, der unter dem Schnee vergraben 
lag. 
Der Arzt im Rettungshause konstatirte —, daß 
er erfroren sei. — 
„Sieh' her, Jimenez," sagte einer von den 
Wächtern, welche den Leichnam fortzubringen hatten, 
zu seinem Kameraden, „es scheint, als ob er 
lächele!" — — —
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.