Full text: Hessenland (9.1895)

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„So, jetzt stützen Sie sich auf mich, und daun 
wollen wir sehn ob wir einen Wagen finden." 
„Aber wo wollen Sie mich hinbringen?" 
„An keinen bösen Ort. Haben Sie Furcht?" 
„Oh nein, das Herz sagt mir, daß Sie barm 
herzig sind." 
„Gehn wir zu Fuß, damit wir schnell nach 
Hause kommen, damit Sie trockene Kleider an 
ziehen und etwas Heißes trinken können." 
„Gott und die Jungfrau werden es Ihnen 
lohnen, Cavallero, ich glaubte, ich müsse hier sterben." 
„Nichts von sterben. Sagen Sie so etwas 
nicht, wir brauchen nur eine Kutsche. Kommen 
Sie rasch. Was ist das —, stolperten Sie?" 
„Ich glaube, ich stieß gegen einen Laternen- 
pseiler, Sennor, — ich bin blind." 
„Sie sind blind?" fragte hastig der Unbekannte. 
„Ja, Sennor." 
„Seit wann?" 
„Seit meiner Geburt." 
Juan fühlte, wie der Arm feines Beschützers 
bebte —, aber sie gingen stillschweigend weiter. 
Nach einer Weile blieb dieser einen Augenblick 
stehen und fragte mit bewegter Stimme: 
„Wie heißen Sie?" 
„Juan!" 
„Juan — wie weiter?" 
„Juan Martinez." 
„Ihr Bater hieß Manuel, nicht wahr —, 
Musikmeister des dritten Artillerieregimentes —, 
ist es nicht so?" 
„Ja, Sennor." 
In demselben Augenblicke fühlte sich der Blinde 
von zwei kräftigen Armen umschlungen, welche 
ihn beinahe erstickten, und er hörte eine zitternde 
Stimme, die sprach: 
„Mein Gott, der Schmerz und das Glück! 
Ich bin ein Verbrecher —, ich bin Dein Bruder 
Santiago." 
Die beiden Brüder hielten sich fest umschlungen 
und schluchzten ein paar Augenblicke inmitten der 
Straße. Der Schnee siel sanft und geräuschlos 
über ihre Häupter. Santiago löste sich dann 
rasch aus des Bruders Armen und begann laut 
und energisch zu rufen: 
„Ein Wagen, ein Wagen —, verflucht, giebt 
es hier keine Droschken? Komm', Juanito, nimm 
Dich zusammen —, wir sind gleich an der Halte 
stelle. Aber zum Teufel, wo sind denn hier die 
Wagen —, nicht ein einziger in Sicht. Dort 
oben da sehe ich einen — Gott sei Dank! Ver 
flucht , da fährt er weiter! Da ist ein anderer, 
— der gehört mir. Hier her, Kutscher. — Fünf 
Thaler, wenn Du uns rasch in das Haus 
Nr. 10 in der Castellana bringst!" 
Und als ob fein Bruder ein kleiner Bursche 
wäre, nahm er ihn aus den Arm und setzte ihn 
in den Wagen —, dann folgte er selbst. Der 
Kutscher spornte die Bestie an, und sie flogen 
geräuschlos über den Schnee. 
Während Santiago den Bruder umklammert 
hielt, erzählte er ihm flüchtig sein Leben. Er 
war nicht in Cuba gewesen, sondern in Costa 
Rica, wo er ein ansehnliches Vermögen gesammelt 
hatte: aber er hatte viele Jahre auf dem Lande 
gelebt und ohne nennenswerthe Verbindung mit 
Europa. Er hatte drei- oder viermal mit englischen 
Schiffen nach Hause geschrieben und war ohne 
Antwort geblieben. Und weil er von Jahr zu 
Jahr gehofft hatte, nach Spanien zurückzukehren, 
hatte er das Schreiben unterlassen und gehofft, 
die Seinen zu überraschen. Nachher hatte er sich 
verheirathet, und das Ereigniß schob seine Rückkehr 
in die Ferne. Seit vier Monaten war er in 
Madrid, wo er auf dem Standesamte erfuhr, 
daß fein Vater gestorben sei, von Juan wurden 
ihm nur dunkele, widersprechende Nachrichten. 
Einige behaupteten, daß er gleichfalls gestorben 
sei, andere erzählten, daß er sich im äußersten 
Elend befände und zu der Guitarre in den 
Straßen sänge. Alle Nachforschungen blieben 
vergebens. Glücklicherweise brachte ihn die Vor 
sehung in seine Arme. Santiago lachte bald, 
bald weinte er, aber immer zeigte er den offenen, 
großmüthigen und treuherzigen Charakter, den er 
schon als Knabe gehabt hatte. 
Endlich hielt der Wagen. Ein Diener öffnete 
den Schlag. Man trug Juan beinahe fliegend 
in's Haus. Beim Eintreten bemerkte er eine 
warme Lust, das Aroma des Reichthums. Die 
Füße vergruben sich in weichem Teppich. Auf 
den Befehl Santiago's kamen sogleich zwei Diener 
und entledigten ihn seiner nassen, schmutzigen 
Sachen und zogen ihm frische Wäsche und warme 
Kleider an. Dann brachte man ihn zurück in 
das Kabinet, wo ein herrliches Feuer brannte, 
und gab ihm eine Tasse kräftige Bouillon und 
verschiedene Fleischspeisen, Alles mit der gehörigen 
Rücksicht auf seinen schwachen, der Nahrung ent 
wöhntem Magen. Außerdem holte man ihm 
aus der Apotheke den ältesten und besten Wein. 
Santiago gönnte sich kaun: Ruhe, er befahl alles 
Mögliche und näherte sich jeden Augenblick dem 
Blinden, um ihn besorgt zu fragen: 
„Wie befindest Du Dich jetzt, Juanito? Bist 
Du wohl? Willst Du andern Wein? Hast 
Du noch Kleider nöthig?" 
Nachdem das Alles besorgt war, blieben Beide 
noch eine Weile am Kamine sitzen. Santiago 
fragte den Diener, ob die Sennora und die Kinder
	        

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